Debatte an der Odenwaldschule Zwischen Traum und Trauma

Die Odenwaldschule wird 100, zum Feiern besteht kein Grund. Stattdessen debattieren Altschüler, Lehrer und Opfer über den Umgang mit sexuellem Missbrauch an dem Vorzeigeinstitut. Sie alle hadern mit der dunklen Vergangenheit - und mit ihrer eigenen Rolle in einem perfiden System.

Odenwaldschule: "Komm doch unter meine Bettdecke"
dpa

Odenwaldschule: "Komm doch unter meine Bettdecke"

Aus Ober-Hambach berichtet


Als Hans Wölcken, genannt "Barzi", nach vorne geht und das Wort ergreift, ist es schon sehr stickig im Theatersaal der Odenwaldschule. Man hat engagiert diskutiert, die Sonne scheint auf die Berge und auf die steinernen Häuser mit den grünen Holzfensterläden.

Während andere Altschüler auf dem Podium deutliche Worte für den sexuellen Missbrauch finden, in teils derber Sprache schildern, was Dutzende Kinder hinter der Fassade des Odenwald-Idylls erleiden mussten, ist es Wölcken - Jahrgang 1941, dezent gemustertes Hemd, graumelierte Haare - der die ganze Sprengkraft der Debatte offenbart. Mit einer Geschichte, die unschuldiger kaum daherkommen könnte.

Der Jurist war von 1956 bis 1962 Schüler an dem Institut. Er erzählt, so leise, so eindringlich, dass seine Geschichte im Gedächtnis bleibt. 1957, Wölcken war 16, verliebte er sich in ein Mädchen. Hoffnungslos, seine Gefühle blieben unerwidert. Wölcken litt die Höllenqual einer ersten unglücklichen Liebe. In einer vor Kummer schlaflosen Nacht ging er in das Zimmer der Lehrerin, die seiner "Familie" vorstand. So heißen die Gemeinschaften hier bis heute, in denen Lehrer und Schüler zusammenleben. "Ihre Tür stand ohnehin immer offen", sagt der Jurist. Es war 1.30 Uhr, die Lehrerin hatte offene Ohren für den Jugendlichen, schenkte ihm Aufmerksamkeit. Dann lud sie ihn ein: "Komm doch unter meine Bettdecke, kuscheln."

Der junge Mann folgte. Die Frau sei wie eine Mutter für ihn gewesen, sagt er heute. Mehr ist nicht passiert. "Was war da Schlechtes dran?", fragt er rhetorisch.

Wölcken offenbart die ganze Zerrissenheit, die Widersprüchlichkeit des Systems Odenwaldschule. Das Flaggschiff der deutschen Reformpädagogik begeht an diesem Wochenende sein hundertjähriges Bestehen. Doch nach feiern ist niemandem zumute, seit immer neue Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt werden, seit klar ist, dass Pädagogen wie Gerold Becker, jahrelang als Vordenker verehrt, die Schule und ihre Strukturen benutzten, um ihre pädophilen Neigungen unbehelligt auszuleben.

Den Auftakt der Feierlichkeiten, die eigentlich keine sind, bildet daher eine Diskussionsrunde am Freitagnachmittag, die sich dem Thema Missbrauch widmet. Es geht darum, Offenheit und Aufklärungswillen zu demonstrieren, den Dialog zu suchen und Antworten auf die Frage zu finden, wie Becker und mutmaßlich neun weitere Lehrer jahrelang agieren und den Schutzraum Schule in einen Gefährdungsraum verwandeln konnten.

Die Schule als Enklave

Eindringlich haben Opfer in den vergangenen Tagen geschildert, was ihnen widerfahren ist: Wie Lehrer Verantwortungsbewusstsein predigten und ihre moralische Deutungshoheit zugleich nutzten, um sich Mädchen und Jungen gefügig zu machen, die Grenzen zwischen liebevoller Nähe und eigener Triebhaftigkeit bis zur Unkenntlichkeit verwischten.

Die Odenwaldschule ist ein eigener, abgeschlossener Kosmos. Der nächste Ort liegt fünf Kilometer entfernt, die Häuser, in denen die Schüler im Familienverband zusammenleben, sind von Wald umgeben, der Handyempfang ist schlecht. Es gibt die Schule - und die Welt da draußen.

Der Geist der Odenwaldschule ist gegenwärtig in der Runde, die sich an diesem Wochenende trifft. Viele Altschüler sind gekommen. Wenn sie sich zu Wort melden, nennen sie die Jahre, die sie an der "Oso", wie die Odenwaldschule hier heißt, verbracht haben. Die Zahlen symbolisieren die Zugehörigkeit zu einem System, von dem die meisten hier viel Gutes zu berichten wissen - und berichtet haben wollen. Altschüler wie Amelie Fried, Johannes von Dohnanyi, Thomas Bockelmann und Quintus von Tiedemann betonen als Gäste auf dem Podium, wie wichtig die Oso für ihre Entwicklung war. Fast macht es den Eindruck, als müssten sie sich selbst vergewissern, dass nicht alles schlecht war hier - trotz Becker, trotz des pädophilen Musiklehrers Wolfgang H., trotz der rund 40 Altschüler, die sich bis jetzt als Opfer gemeldet haben.

Schulleiterin Margarita Kaufmann versucht zu ergründen, warum die Vorwürfe, die bereits 1999 vorgebracht wurden, damals beinahe folgenlos verhallen konnten. Sie spricht von einem "Erdbeben", das die Schule in diesen Tagen erschüttere, und während der Diskussion bekommt man einen Eindruck davon, was es bedeutet, wenn ein elementarer und vor allem prägender Bestandteil der eigenen Biografie in der Rückschau in einem völlig anderen Licht erscheint.

Wie steht man rückblickend zu einem Schulleiter Becker, den man jahrelang als Pädagogen mit Strahlkraft schätzte, von dessen einnehmender Autorität Altschüler noch heute anschaulich berichten? "Wenn Becker etwas sagte und man im Nachhinein dachte 'das stimmt doch so nicht', dann suchte man den Fehler bei sich -und nicht bei Becker. Man überlegte, was man Missverständliches oder Unklares gesagt haben könnte, so dass er zu dieser Ansicht kam", berichten die Ehemaligen.

"Der Becker, der Becker, der findet Jungs lecker"

Kann ein Mann, der sich an Dutzenden Kindern vergangen haben soll, noch als glänzender Pädagoge gehandelt werden? Warum haben Lehrer, wie es einer von ihnen nun sagt, zwar von Beckers "homophilen Neigungen" gewusst, aber das Wissen auf sich beruhen lassen?

"Der Be-he-cker, der Be-he-cker, der findet Jungens le-he-cker! Fiderallala, fiderallala, fideralla-la-la-la", haben sie im Chor gesungen, erinnert sich Altschüler Bockelmann auf dem Podium und stimmt die Melodie an. Doch unternommen haben sie nichts. Was auch? Becker war Teil des perfiden Systems - und er war zugleich sein Kopf. Es gab keine Anlaufstelle und kein Entkommen.

Viele, die sich an diesem Nachmittag als Gäste in der Theaterhalle eingefunden haben, müssen ihre Vergangenheit neu sortieren. Sie müssen ein Weltbild korrigieren, Bewertungen überdenken, Vorbilder enttarnen, eigene Wertvorstellungen überprüfen, sich je nach Rolle vielleicht sogar selbst in Frage stellen. Das ist ein schwieriger, schmerzhafter Vorgang.

Denn alle - Lehrer, Altschüler, Opfer, Mitwisser, Freunde, Weggefährten, Eltern, Abiturienten - sind hin- und hergerissen, es ist ein Prozess voller Ambivalenzen. Kann man die eigene Zeit an der Odenwaldschule auch mit dem heutigen Wissen rückblickend noch als schön bezeichnen? Darf man eine schöne Zeit haben, wenn der Zimmernachbar Unbeschreibliches erleidet? "Es war wunderschön, und es war traumatisierend", resümiert Quintus von Tiedemann.

Figuren wie Gerold Becker passen nicht in die gängigen Schubladen. Reinwaschen und verteufeln sind keine Optionen, angesichts der Vielschichtigkeit des offenbar systematischen Missbrauchs. Die Problematik an der Odenwaldschule ist nicht so einfach, wie viele es gerne hätten - dann wäre sie leichter zu bewältigen. So sind es schwierige Fragen, die gestellt werden.

"Da lagen Sechstklässler im Bett und wurden gestreichelt"

Die ebenfalls anwesende Anwältin Claudia Burgsmüller kann die rechtlichen Grundlagen erläutern, kann erklären, welche Straftatbestände erfüllt sind. Die Schuld vor dem Gesetz ist klar, sie ist festgehalten in Paragrafen, gesühnt durch Strafe - und im Fall der Odenwaldschule in den meisten Fällen irrelevant, weil die Taten verjährt sind.

Aber wie steht es mit den moralischen Fragen?

Da gibt es eben jenen Hans Wölcken und seine Anekdoten von der Lehrerin, die ihm über den Liebeskummer hinweghalf. Die Antwort auf seine Ausführung aus dem Plenum folgt prompt: "Mir rollen sich die Fußnägel, wenn ich daran denke, was sich hier in Lehrerbetten so alles abgespielt hat", kontert Altschüler Bockelmann.

Wölckens Sicht der Dinge, die getröstete Nacht im Bett der Lehrerin auch rückblickend zu verteidigen, stößt auf vehementen Widerspruch. Wie kann etwas für jemanden so eindeutig richtig sein, wenn doch das gesamte Gefüge aus Gut und Böse ins Wanken geraten ist?

"Ich bin in der Bettmachphase in das Zimmer von Lehrer H. gegangen. Da lagen Sechstklässler im Bett und wurden gestreichelt", erinnert sich Tiedemann sichtlich aufgewühlt. Es sind diese Szenen, die Gänsehaut verursachen. "Die Täter haben geglaubt, dass sie das Richtige tun", setzt er nach. Und weil sie für sich beanspruchten, im Sinn des pädagogischen Eros und somit im Recht zu handeln, fällt es allen anderen heute ungleich schwerer zu beurteilen, was richtig ist und war - und was nicht. Kinder missbrauchen, das war unentschuldbar falsch - keine Frage. Aber trösten und dafür körperliche Nähe suchen?

"In meinem Fall war es in Ordnung, weil die Lehrerin mich und mein Wohl im Blick hatte und nichts anderes. Anders als Becker", sagt Wölcken. Er hat Sorge, dass der Prozess der Aufarbeitung zu einer Entkernung der Odenwaldschule führt, zu einer Entfremdung von der eigentlichen Idee der Reformpädagogik, die das Wohl, die Freiheit und den Mut des Kindes in den Mittelpunkt stellt. "Ich habe Angst, dass man mir meine Oso kaputtmacht."



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xehris 17.04.2010
1. Vordemokratische Zustände
Zitat von sysopDie Odenwaldschule wird 100, zum Feiern besteht kein Grund. Stattdessen debattieren Altschüler, Lehrer und Opfer über den Umgang mit sexuellem Missbrauch an dem Vorzeigeinstitut. Sie alle hadern mit der dunklen Vergangenheit - und mit ihrer eigenen Rolle in einem perfiden System. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,689524,00.html
Das "Wohl, die Freiheit und den Mut des Kindes" Odenwaldschule fördern? Mir kommt diese Anstalt eher vor wie ein perfektes totalitäres System, aus dem kein Entrinnen ist! Was haben sechjährige Kinder in so einer Schule zu suchen, Kleinkinder aus den Elternhäusern gerissen, allein dies bedeutet eine Traumatisierung! Gerold Becker ein toller Pädagoge, dem man aber nicht wagt zu widersprechen und den man nicht in Frage stellen darf, so eine Art "Großer Führer"? In der Odenwaldschule offenbart sich immer noch eine so genannte Elite, die in Westdeutschland aus vordemokratischen, adeligen oder nazihörigen Familien hervorgegangen ist, männerbündische Sprösslinge nicht nur schützte, sondern auch beförderte, sodass man als ein solcher Elite-Jungmann Professor wurde ohne Habilitätation oder sogar ohne Promotion. Ralf Dahrendorf soll diese Elite "protestantische Mafia" genannt haben. Deren Annahme, 10-jährige Kinder könnten sexuelle Handlungen eines Erwachsenen an sich oder an ihnen ohne Angst und Scham erleben, ist ein Abgesang auf Aufklärung.
katrinchen2 17.04.2010
2. Seltsame Veranstaltung
Haben die Teilnehmer vergessen, worum es geht? Wer die wirklichen Betroffenen sind und das Ausmaß an Traumatisierung, das diese erlebt haben? Es bestätigt leider meinen Eindruck, dass die Odenwaldschule nicht weiter bestehen sollte. Dieses geschlossene System scheint auch bei 50-jährigen noch zu funktionieren. Sie buhlen um Rampenlicht und die Gunst 'ihrer' Schule, 'ihrer' Heimat. Jeder muss ganz viel von sich erzählen, ein Abwägen mit Augenmaß scheint ihnen nicht möglich. Wie müssen sich die wahren Betroffenen angesichts der Wölkchen-Debatte fühlen?
Kulturkontor, 17.04.2010
3. We dont need no dark darcasm
Zitat von sysopDie Odenwaldschule wird 100, zum Feiern besteht kein Grund. Stattdessen debattieren Altschüler, Lehrer und Opfer über den Umgang mit sexuellem Missbrauch an dem Vorzeigeinstitut. Sie alle hadern mit der dunklen Vergangenheit - und mit ihrer eigenen Rolle in einem perfiden System. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,689524,00.html
Nachdem ich den Artikel gelesen habe kann ich nur eins sagen: Brennt die Oso (wie die Odenwaldschule "liebevoll" genannt wird) nieder! Oder wollt Ihr noch ewig rumeiern?
Björn Borg 17.04.2010
4. Kommt endlich ein Gespräch in Gang?
Zitat von sysopDie Odenwaldschule wird 100, zum Feiern besteht kein Grund. Stattdessen debattieren Altschüler, Lehrer und Opfer über den Umgang mit sexuellem Missbrauch an dem Vorzeigeinstitut. Sie alle hadern mit der dunklen Vergangenheit - und mit ihrer eigenen Rolle in einem perfiden System. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,689524,00.html
Die Heuchelei besteht darin, dass niemand zugeben mag, dass das, was in der Odenwaldschule sich aufgrund ihres besonderen Konzeptes nur konzentriert und verdichtet hat, in Wahrheit in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. Das fängt beim eigenen Vater und der wegschauenden Mutter an, geht über den lieben Onkel aus der Verwandtschaft und den freundlichen Menschen aus der Nachbarschaft über die viel zu kurz gehaltenen Verjährungsfristen bis hin zu der Tatsache, dass jemand ein bekennender Päderast sein kann ohne im Gefängnis zu sitzen. Und zu all dem schweigt diese Gesellschaft - von Einzefällen abgesehen - seit Jahrzehnten! Nur so auch konnte es zu den massenhaften Vorfällen in der katholischen Kirche kommen, und man möchte besser gar nicht wissen, was sich in den Jugendabteilungen so mancher Sportvereine abspielt - die Fortsetzung finden wir dann unter anderem in den Missbrauchsfällen in Bundeswehrkasernen. Gesammelt schauen wir weg! Um es auf den Punkt zu bringen: Das Thema 'Sexualität von Kindern' ist nicht ausdiskutiert, weil in dieser Gesellschaft eiegntlich nicht darüber geredet wurde und wird. Man überfordert die Odenwaldschule, wenn man von ihr nun verlangte, das zu ändern, denn das ist unsere Aufgabe!
katrinchen2 17.04.2010
5. Von - mit ??
Zitat von Björn BorgDie Heuchelei besteht darin, dass niemand zugeben mag, dass das, was in der Odenwaldschule sich aufgrund ihres besonderen Konzeptes nur konzentriert und verdichtet hat, in Wahrheit in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. Das fängt beim eigenen Vater und der wegschauenden Mutter an, geht über den lieben Onkel aus der Verwandtschaft und den freundlichen Menschen aus der Nachbarschaft über die viel zu kurz gehaltenen Verjährungsfristen bis hin zu der Tatsache, dass jemand ein bekennender Päderast sein kann ohne im Gefängnis zu sitzen. Und zu all dem schweigt diese Gesellschaft - von Einzefällen abgesehen - seit Jahrzehnten! Nur so auch konnte es zu den massenhaften Vorfällen in der katholischen Kirche kommen, und man möchte besser gar nicht wissen, was sich in den Jugendabteilungen so mancher Sportvereine abspielt - die Fortsetzung finden wir dann unter anderem in den Missbrauchsfällen in Bundeswehrkasernen. Gesammelt schauen wir weg! Um es auf den Punkt zu bringen: Das Thema 'Sexualität von Kindern' ist nicht ausdiskutiert, weil in dieser Gesellschaft eiegntlich nicht darüber geredet wurde und wird. Man überfordert die Odenwaldschule, wenn man von ihr nun verlangte, das zu ändern, denn das ist unsere Aufgabe!
Einverstanden, bis auf ein Detail. Hier geht es doch um Sex MIT Kindern, oder MISSBRAUCH von Kinder. Oder habe ich Sie falsch verstanden?
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