Dem Bikini zum 60. Der Sündenfall - in zwei Teilen

Er ist der einzig legitime Nachfolger des Feigenblatts, verkörpert Erotik und Scham gleichermaßen: Der Bikini, vor 60 Jahren geboren, revolutionierte die Mode, den Sex und das Kino. Eine Würdigung für ein Kleidungsstück - und eine Lebenseinstellung.
Von Katja Hofmann

London - Alles begann mit diesem dummen Malheur zwischen Eva, dem Apfel und der Schlange. Die Scham ward entdeckt und damit die Mode geboren. Jahrtausende der Zivilisation und Modekultur später, um genauer zu sein am 5. Juli 1946 in Paris, bescherte ein ehemaliger Autodesigner namens Louis Reard der Menschheit eine Rückbesinnung auf das ursprüngliche Feigenblatt: den Bikini - ein Kleidungsstück so absurd wie auch zweckdienlich, denn obwohl jeder weiß, was sich unter den strategisch angeordneten Stoffstückchen verbirgt, kommt es dennoch dem Minimum an menschlichem Keuschheitsempfinden entgegen. Und erreicht dabei gleichzeitig - die Schlange wird's Monsieur Reard gedankt haben - ein Maximum an erotischer Anziehungskraft.

Benannt nach dem ersten Atombombentest der Nachkriegszeit am 1. Juli 1946 über dem Bikini-Atoll, detonierte mit dem Bikini eine naive Lust nach Leben, Exotik und Freiheit, die man während der gesamten Kriegsjahre unterdrückt hatte. Eine Lust, die letztendlich in der sexuellen Revolution ihren Höhepunkt erreichte und deren Siegesfähnchen der Bikini immer bleiben wird. Denn mehr noch als ein Kleidungsstück ist der Bikini eine Lebenseinstellung.

So beeinflusste der Zweiteiler etwa den Lebenslauf von Hollywoodstar Michael Douglas nachhaltig: "Die wichtigste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe - nämlich die Ostküste zu verlassen und an der Universität von Berkeley zu studieren - die kam zustande, weil auf dem Titelblatt der Uni-Broschüre von Berkeley ein Typ am Strand mit einem Surfbrett und neben ihm zwei Blondinen in Bikinis abgebildet waren", erklärt der Ex-Hippie und bekennende Ex-Nymphomane: "Und ich dachte mir: Ich will der Typ da auf dem Foto sein."

Der Bikini brachte Michael Douglas zur Flower-Power-Bewegung und machte andere zu Ikonen. Was wäre nur aus Ursula Andress geworden, wenn sie nicht als Venus im Kampfbikini in "James Bond 007 - Jagt Dr. No" den schäumenden Wogen entstiegen wäre? Und wer würde sich noch an das kinematographische Missverständnis "Eine Million Jahre vor unserer Zeit" erinnern, wäre darin nicht Raquel Welch in einem prähistorischen Pelz-Bikini durchs Geröll gesprungen?

Der Bikini, gerade in seinen Glanzmomenten, das ist pralle sexuelle Energie, kompakt verpackt mit Gummischnüren und einem möglichst geringen Aufwand an Material. Vom Meereswind umweht, eins mit sich selbst und der Natur und natürlich ein immerfort begehrtes Lustobjekt - das ist der Bikini-Traum, und Feminismus hin oder her, in der Umkleidekabine träumt ihn heimlich doch fast jede.

Gefahr der Depression

Das Problem ist nur: Der Traum ist meist von kurzer Dauer. Spätestens wenn man seinen bleichen Körper in ein grell gestreiftes Irgendwas (auf dem Kleiderbügel sah's irgendwie noch chic aus) gezwängt hat und sich selbst dann im gnadenlosen Neonlicht begutachten muss, weiß man, der Traum wird immer einer bleiben. In der grünlichen Klobeleuchtung, auf der leider die meisten Kaufhäuser immer noch in ihren Umkleidekabinen bestehen, zeigt sich jede Delle, jede Falte, und überhaupt würde man am liebsten sofort nach Hause rennen und den Strandurlaub stornieren.

Der Bikini ist eben ein gefährliches Kleidungsstück. Wenn man nicht aufpasst, kann er leicht eine endogene Depression induzieren. Schließlich können all die Erwartungen, die man in den Bikini setzt, nie erfüllt werden. Auch Uschi Glas musste die schmerzhafte Erfahrung machen, dass ein Bikini kein Jugendelixier ist. Als sie sich 2003 als knapp 60-Jährige in einem Bikini für die Zeitschrift "Max" ablichten ließ, hatte sie das Bikini-Verfallsdatum schon lange überschritten.

Aber so ist es nun mal. Wenn man nicht Halle Berry, Claudia Schiffer oder Brasilianerin unter 25 ist oder sein Leben im Fitnessstudio oder den Wartezimmern von Schönheitschirurgen verbringt, dann ist beim Bikini die Enttäuschung programmiert.

Davon darf man sich jedoch nicht stören lassen. Der Bikini ist Beweis, dass nur der, der keine Erwartungen hat, wirklich frei ist. Um den Bikini als Trägerin wirklich zu genießen, braucht man ein wenig Zen. Ein Bikini macht einen nicht automatisch zur Sexbombe, aber trotzdem ist er immer noch das Nächste, was uns die Mode an paradiesischen Zuständen zu bieten hat. Und außerdem beginnt guter Sex sowieso im Kopf und nicht auf nackter Haut.

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