Bevölkerungsentwicklung Wo Deutschland schrumpft oder wächst

Forscher haben untersucht, wie zukunftsfähig die deutschen Städte und Landkreise sind. Wie sieht es in Ihrer Region aus? Der Überblick in interaktiven Karten.

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Lange sagten Demografen voraus, dass Deutschland dramatisch schrumpfen werde. Aktuell ist aber noch das Gegenteil der Fall: 83 Millionen Menschen leben in der Bundesrepublik, ein Rekordwert. Und auch in den kommenden 15 Jahren wird die Bevölkerung laut einer neuen Studie nur minimal abnehmen: 2035 soll es noch 82,3 Millionen Einwohner in Deutschland geben.

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Das prognostizieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in ihrer "demografischen Lage der Nation", die sie am Freitag in Berlin vorgestellt haben. Gründe für den positiven Trend sind demnach Zuwanderung und die gestiegene Kinderzahl. Trotzdem gibt es Gegenden, die immer mehr Einwohner verlieren.

Strukturschwache Regionen schrumpfen, Städte wachsen

Ländliche Gebiete in Ostdeutschland seien davon am stärksten betroffen, so die Forscher. Für den Landkreis Elbe-Elster in Brandenburg etwa sagt die Studie einen Bevölkerungsrückgang von fast 25 Prozent voraus. Das ist der größte Schrumpfwert aller deutschen Kreise. Auch der Kreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt verliert in den nächsten 15 Jahren den Prognosen zufolge fast ein Viertel seiner Bevölkerung.

Insgesamt soll die Einwohnerzahl in allen ostdeutschen Bundesländern außer Berlin bis 2035 sinken. Auch im Ruhrgebiet und im Saarland prognostizieren die Forscher dies für viele Kreise. Dort sind besonders ehemalige Bergbauregionen wie Gelsenkirchen betroffen, die sich noch nicht vom wirtschaftlichen Strukturwandel erholt haben.

Wie sieht es in Ihrem Landkreis aus? Fahren Sie über die Karte:

Bevölkerungsentwicklung bis 2035

Immer mehr Menschen ziehen dagegen in die wirtschaftsstarken Städte, wo es gut bezahlte Jobs und Ausbildungsmöglichkeiten gibt. Leipzigs Bevölkerungszahl wird nach den Prognosen des Berlin-Instituts mit 16 Prozent deutschlandweit am stärksten steigen. Die hohen Mieten in den Städten sorgen dafür, dass sich viele Menschen im Umland niederlassen. Deshalb profitieren von der Anziehungskraft und dem Wachstum der Metropolen auch die umliegenden Kreise.

Besonders die ländlichen Gebiete um München wachsen bis 2035 weiter. In den südlichen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg gibt es kaum Kreise, die stark schrumpfen - insgesamt steigt die Einwohnerzahl dort leicht an. In beiden Ländern herrscht vielerorts praktisch Vollbeschäftigung. Das wird laut der Studie zum Problem, wenn die geburtenstarke Nachkriegsgeneration in Rente geht: Da nicht ausreichend Nachwuchs auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sei, könnten Unternehmen die freigewordenen Stellen dann nicht mehr mit jungen Arbeitskräften nachbesetzen.

Die Zukunft der Regionen

Das Berlin-Institut prognostiziert nicht nur, wie sich die Bevölkerung in den Städten und Landkreisen entwickeln wird. Es bewertet auch die Zukunftsfähigkeit der Regionen als Ganzes. Die Einwohnerzahlen sind dabei nur ein Teilaspekt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ziehen 21 Faktoren zur Demografie, zum Arbeitsmarkt und zur Wirtschaft heran. Sie fließen in eine Gesamtnote ein, die für die Zukunftsfähigkeit einer Region steht. Die beste Note in der Rangliste erhält die Stadt München (2,3). Am schlechtesten wird Gelsenkirchen bewertet (4,7).

Wie schneidet Ihre Region ab?

Manche der 21 Faktoren erweisen sich als besonders aussagekräftig für die Gesamtnote, die das Berlin-Institut an die Städte und Landkreise vergeben hat. Daher haben wir sie für unsere Karten ausgewählt:

  • Die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung steht für die Attraktivität einer Region.
  • Der Anteil älterer Menschen - ein hoher Wert kann ein Anzeichen für bevorstehende Probleme für die Sozialsysteme sein.
  • Die Zahl der Arbeitslosen und das Haushaltseinkommen stehen für die wirtschaftliche Situation eines Kreises.
  • Beziehen viele Väter Elterngeld, spricht das der Studie zufolge für eine moderne Familienpolitik.

Lesen Sie auch die Analyse zum Thema aus dem neuen SPIEGEL: "Ein Land, zwei Welten"



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
quercusilex1 06.04.2019
1. Schade
Service Wüste Deutschland. Internet, Straßen, Schulen und vieles mehr. Viele mir bekannte Jugendliche mit Intelligenz und guter Ausbildung verlassen das Land. Ich kann sie Ur zu gut verstehen, leider.
LorenzSTR 06.04.2019
2. Verteilung
Wie beim Wohlstand ist auch die Bevölkerungsverteilung eine Frage der allgemeinen Zufriedenheit. Wenn Städte massiv wachsen, dann sollten die Stadtgrenzen in die Fläche ausgeweitet und die optimale ÖPNV-Anbindung geschaffen werden, anstatt die Städte innerhalb bestehender Grenzen immer weiter zu verdichten. Das kostet eben Hirn und vor allem Geld, was man hierzulande lieber der schwarzen Null oder für Wohltaten für reiche Erben opfert. Abgesehen davon gibt es in D sicher keinen Mangel an Einwohnern, selbst wenn die Bevölkerung schrumpft. Das wäre in mehrerer Hinsicht absolut positiv. Wir haben etwa schon heute weniger vernünftige Arbeitsplätze als potenzielle Arbeitnehmer, das Problem wird sich weiter verschärfen. Die neoliberale PR erzählt natürlich das Märchen vom großen Mangel, denn eine neoliberale Wirtschaftsordnung braucht ein stetiges Überangebot an Arbeitskräften, um die Löhne und andere Forderungen unten halten zu können.
thoms1957 06.04.2019
3. In der EU gibt es genug Arbeitskräfte
Man muss die Löhne aber entsprechend gut zahlen, sonst lohnt es sich nicht für die jungen Leute, bei uns zu arbeiten. Dazu Qualifizierung von wegen des Strukturwandels Joblosen und endlich wirkliches Bemühen um Langzeitarbeitslose. Das wären mal Maßnahmen. Ist alles schon zigmal durchgekaut. Das deutsche exportorientierte Wirtschaftsmodell fragt aber vielfach billige Arbeitskräfte nach, um auf dem Weltmarkt billig anbieten zu können. Dass die oft gut ausgebildeten jungen Leute aus Italien oder Spanien nicht massenhaft hier nach Arbeit suchen, beweist das doch. Lieber wird auf Wunsch der Wirtschaft der Arbeitsmarkt für nicht EU - Bürger geöffnet. So soll das neoliberale Wirtscjaftsmodell noch möglichst lange laufen. Zum Schaden der Niedriglöhner, des Sozialstaares und der Umwelt. Zum Nutzen der Aktionäre.
alan.ito 06.04.2019
4.
Karten, alles ganz schön und gut. Interessant wäre auch, die Daten aller 401 Städte & Landkreise in Datenform zu sehen.
bedireel 06.04.2019
5. Wie das Institut die Zukunft der Regionen bewertet.
Das Institut hat mit 21 Indikatoren die Zukunftsfähigkeit der 401 Landkreise und kreisfreien Städte, aber auch der Bundesländer bewertet. Die Indikatoren stammen aus den Bereichen Demografie, Wirtschaft, Bildung und Familienfreundlichkeit. Die Regionen wurden dann mit dem Schulnotensystem benotet. Unter den 401 Kreisen und kreisfreien Städten wurde München mit der Note 2,32 am besten bewertet. Das liegt an der guten wirtschaftlichen Situation: In München und seinem Umland gibt es die meisten Dax-Unternehmen Deutschlands. Außerdem sind hier vergleichsweise viele Beschäftigte mit Hochschulabschluss zu finden. Am schlechtesten bewerteten die StudienautorenGelsenkirchen mit der Note 4,71. Hier sind das verfügbare Haushaltseinkommen und auch die Lebenserwartung vergleichsweise niedrig, dafür die Jugendarbeitlosigkeit hoch. Von den zwanzig am besten bewerteten Städten sindzwölf in Bayern, sieben in Baden-Württemberg und eine in Sachsen.Unter den zwanzig am schlechtesten bewerteten Regionen liegen sechs in Nordrhein-Westfalen und fünf in den ostdeutschen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg. Die restlichen sind in Niedersachsen, Saarland, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. Jetzt dürft ihr 3X raten wer wo mit wem regiert. Mit freundlichen Grüßen aus München.
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