Politische Beteiligung "Die Mehrheit fühlt sich nicht vertreten"

Die Gesellschaft ist bunt, aber Entscheidungen treffen in Deutschland meist weiße Männer. Viele andere Menschen glauben, dass sie keine Stimme in der Politik haben. Wie lässt sich das ändern?
Menschen in einer Münchner Fußgängerzone (im Mai 2018)

Menschen in einer Münchner Fußgängerzone (im Mai 2018)

Foto: Sven Hoppe/ DPA

Demokratie könnte so einfach sein. Menschen informieren sich, bringen sich mit ihren Meinungen und Expertisen ein, wählen andere in Parlamente und Gremien - und am Ende gibt es dann meist einen mehr oder weniger klugen Kompromiss.

Was aber passiert, wenn dieser im Grunde simple Mechanismus ins Stottern gerät? Wenn immer die gleichen Leute Entscheidungen fällen, von denen immer mehr Bürger nichts halten? Was, wenn sich ganze Bevölkerungsgruppen mehrheitlich überfordert oder von der Politik ignoriert fühlen - wenn also das abhandenkommt, was Experten "politische Selbstwirksamkeit" nennen?

Ein Forscherteam ist auf Grundlage einer repräsentativen Erhebung der Frage nachgegangen, wie Menschen in Deutschland ihre politische Selbstwirksamkeit wahrnehmen - und was mögliche Konsequenzen sind. Im Interview erläutert Cornelia Schu die zentralen Ergebnisse der Studie .

Zur Person
Foto: Phil Dera/ SVR

Cornelia Schu, Jahrgang 1969, ist Geschäftsführerin des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR)  sowie Direktorin des SVR-Forschungsbereichs. Zuvor leitete die promovierte Philologin in der Stiftung Mercator den Themenschwerpunkt Integration.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schu, was halten die Bürger in Deutschland von den Politikern?

Cornelia Schu: Die Mehrheit der Menschen sagt: Ich verstehe Politik und traue mir zu, mich an Gesprächen darüber zu beteiligen. Allerdings bezweifelt eine Mehrheit auch, dass die Politik auf sie hört. Dabei macht es einen großen Unterschied, ob jemand einen Migrationshintergrund hat oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das damit zu tun?

Schu: Zuwanderer trauen sich weniger zu, sie schätzen ihre politischen Kompetenzen schlechter ein. Es gibt aber einen Integrationseffekt: Die Menschen verstehen mit jedem Jahr besser, wie das System funktioniert, und können politische Parteien besser einordnen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es mit dem Gefühl, mit den eigenen Belangen ernst genommen zu werden?

Schu: Da gibt es ein überraschendes Ergebnis: Zugewanderte sind zunächst optimistischer als Einheimische, bevor bei vielen eine Ernüchterung einsetzt. Die Mehrheit der Menschen im Land, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, fühlt sich nicht vertreten. "Die interessieren sich nicht für uns" ist ein weitverbreitetes Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: Ein Gefühl, das Ihrer Studie zufolge unter Migranten mit den Jahren größer wird.

Schu: Ja, und das ist keine gute Nachricht. Das mag daran liegen, dass viele wegen des politischen Systems nach Deutschland kommen und deshalb anfangs noch optimistischer sind. Man spricht da vom "Honeymoon-Effekt": Wer neu ist, sieht Dinge positiver - und dieser Optimismus schwindet mit der Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat das?

Schu: Studien zeigen, dass die Einschätzung der eigenen politischen Kompetenzen etwa auf das Wahlverhalten einen Effekt hat - was ja auch nachvollziehbar ist: Wer Politik nicht gut versteht und glaubt, eh nichts ändern zu können, bringt sich gesellschaftlich weniger ein. Politische Teilhabe bedeutet aber viel mehr, als nur seine Stimme abzugeben: Vieles läuft in Vereinen und Parteien vor Ort.

SPIEGEL ONLINE: Die Gesellschaft wird also vielfältiger, die Demokratie aber nicht?

Schu: Jedenfalls gibt es Bevölkerungsgruppen, die sich selbst besonders wenig in Politik und Gesellschaft zutrauen - Frauen zum Beispiel. 85 Prozent der Männer ohne Migrationshintergrund sagen, sie könnten wichtige politische Fragen gut einschätzen. Von den Frauen ohne Migrationshintergrund sagen das lediglich 76 Prozent, unter weiblichen Zugewanderten liegt der Wert bei nur 67 Prozent. Das ist ein Unterschied von fast 20 Prozentpunkten zu den männlichen Einheimischen.

SPIEGEL ONLINE: Ist unsere Gesellschaft zu sehr auf weiße Männer ausgerichtet?

Schu: Eine so unmittelbare Ursache lässt sich daraus nicht ableiten. Gut belegt ist in der Forschung, dass Frauen sich auch in anderen Bereichen zurückhaltender einschätzen. Männer mit und ohne Migrationshintergrund beurteilen ihre Fähigkeit, Politik zu verstehen, hingegen sehr ähnlich. Es geht also nicht allein um weiße Männer, ich würde sagen: Das Geschlecht ist ein entscheidender Faktor. Außerdem macht Bildung einen Unterschied.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Schu: Je mehr Wissen und Kompetenzen jemand hat, desto besser schätzt sie oder er die eigenen politischen Fähigkeiten ein. Hochgebildete ohne Migrationshintergrund trauen sich beispielsweise zu gut 90 Prozent zu, wichtige politische Fragen einzuschätzen. Bei der niedriggebildeten Vergleichsgruppe sagen das nur rund 76 Prozent. Ein wichtiger Punkt, denn nur wer versteht, worum es in unserer Gesellschaft geht, wird sich auf Dauer auch beteiligen.

SPIEGEL ONLINE: Kommen wir zurück zu den Frauen: Die schätzen ihre Fähigkeiten deutlich geringer ein, obwohl Deutschland seit Langem von einer Bundeskanzlerin regiert wird.

Schu: Ja, aber im Bundestag liegt der Anteil weiblicher Abgeordneter nur bei 31 Prozent. Es fehlen damit weibliche Vorbilder, die Frauen zeigen, dass Politik auch etwas für sie ist. Und diese Repräsentationslücke gibt es in vielen Gremien, auch in den Kommunen. Es ist schon demokratietheoretisch nicht zufriedenstellend, dass eine so große Bevölkerungsgruppe unterrepräsentiert ist. Darüber hinaus sind Frauen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, schlichtweg eine unterschätzte Ressource.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Schu: Nicht einmal jede zweite Migrantin traut sich zu, an politischen Gesprächen teilzunehmen. Dabei ist eine Unterhaltung ja noch eine ziemlich niedrigschwellige Form der gesellschaftlichen Beteiligung: Wie soll eine Frau in einer Bürgerversammlung das Wort ergreifen, die das nicht einmal unter vier Augen täte?

SPIEGEL ONLINE: Viele Zuwanderinnen kommen aus eher patriarchalischen Gesellschaften, in denen Frauen eine untergeordnete Rolle spielen.

Schu: Familiäre Rollenmuster sind sicher ein wichtiger Faktor - genauso wie in der deutschen Bestandsbevölkerung. Studien zeigen aber auch, dass gerade Zuwanderinnen an Bildung oder Arbeit interessiert sind. Man sollte deshalb in Jobcentern, Integrationskursen oder Schulen gezielter auf Frauen zugehen und ihnen Perspektiven aufzeigen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es unter den Migranten bestimmte ethnische Gruppen, die besonders selbstbewusst oder verunsichert sind?

Schu: Die Skepsis unter Türkeistämmigen ist vergleichsweise hoch, sie trauen sich weniger zu. Das hängt höchstwahrscheinlich ebenfalls mit dem Bildungsniveau zusammen, viele haben keinen höheren Abschluss. Das hat mit der Geschichte der Gastarbeiter zu tun: Aus der Türkei sind zunächst vor allem Geringqualifizierte zugewandert.

Details zur Erhebung

SPIEGEL ONLINE: Rechte Akteure verbreiten die These, "die da oben" würden den Willen der einfachen Leute missachten - verfängt das auch bei Zuwanderern, die sich nicht gehört fühlen?

Schu: Das wäre naheliegend, populistische Parteien versuchen tatsächlich, von dieser Entwicklung zu profitieren. Unsere Daten zeigen aber, dass geringqualifizierte Zuwanderer keine erhöhte Neigung zur AfD haben. Trotzdem ist es ein ernst zu nehmendes Problem, dass viele Menschen die Anbindung an die Politik verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Steckt die Demokratie in der Krise?

Schu: So weit würde ich nicht gehen. Aber obwohl eine überragende Mehrheit die Demokratie allgemein befürwortet, sind viele offenbar mit der konkreten Umsetzung unzufrieden. Um das zu ändern, sind Abgeordnete genauso wie Schulen und Kommunen gefragt: Politik muss verständlicher werden und mehr Mitwirkung ermöglichen.

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