Der Papst und die Jugend "Es gibt keine Generation Benedikt"

Der Papst nutzt Facebook und Twitter - doch trotzdem findet der Deutsche keinen Draht zu Jugendlichen. "Viele verstehen ihn einfach nicht", sagt Dirk Tänzler im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Reformen werde es unter Benedikt XVI. nicht geben, so der Chef der Katholischen Jugend.
Papst Benedikt XVI.: "Viele verstehen ihn oft einfach nicht"

Papst Benedikt XVI.: "Viele verstehen ihn oft einfach nicht"

Foto: PIER PAOLO CITO/ AFP

SPIEGEL ONLINE: Herr Tänzler, als Papst Benedikt gewählt wurde, gab es einen regelrechten Hype bei jungen Katholiken. Das zeigte sich vor allem auf dem Kölner Weltjugendtag 2005. Was ist davon geblieben?

Tänzler: Der Weltjugendtag war ein Event, aber einen Personenhype wie bei Johannes Paul II. gab es in dieser Form nie. Das ist aber auch klar. Denn Papst Benedikt ist ein völlig anderer, ein zurückhaltender Typ.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie auf dem Weltjugendtag und haben "Benedetto" gerufen?

Tänzler: Ja, ich war da. Aber ich bin da generell eher zurückhaltend.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Fazit nach fünf Jahren Benedikt?

Tänzler: Ambivalent. Er hat gute Akzente gesetzt, die aber zum Teil ganz anders angekommen sind. Er ist eben ein Intellektueller und so kommt er auch bei jungen Menschen rüber. Deswegen verstehen viele ihn oft einfach nicht. Johannes Paul II. war da eher ein "Showmaster", der einfache Worte gefunden und mit jungen Menschen gefeiert hat. Benedikt ist eher Professor. Das ist eine Welt, die vielen jungen Menschen fremd ist.

SPIEGEL ONLINE: Und wo sehen Sie gute Akzente bei Benedikt?

Tänzler: Da sind seine Positionen zum Thema Gerechtigkeit, Klima und Schöpfung. Das finden viele junge Menschen wichtig. Er hat sich zum Beispiel beim Klimagipfel von Kopenhagen ganz stark eingebracht und gemeinsames Handeln angemahnt. Und er weist immer über sich und die Kirche hinaus auf das eigentlich Wichtige: Jesus Christus. Ein weiterer guter Akzent ist auch seine Sozialenzyklika, in der er über Gerechtigkeit in der heutigen Zeit schreibt und die Bedeutung der Liebe hervorhebt.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt war aber in der Kirche Missbrauch statt Liebe das Thema. Es gab zwar einen Hirtenbrief an die irischen Katholiken, zu den Vorwürfen in Deutschland hat der Papst sich aber nicht geäußert. Ärgert Sie das?

Tänzler: Es hätte gutgetan, wenn der Heilige Vater sich auch persönlich zur Situation in Deutschland geäußert hätte. Das hat er aber nicht getan und jetzt müssen wir nach vorne schauen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht das Problem der katholischen Basis, dass sie alles hinnehmen muss und nicht an den Papst rankommt?

Tänzler: Das ist nichts Neues und bei einer weltumspannenden und so großen Organisation auch kein Wunder. Dennoch haben wir natürlich nicht die Telefonnummer des Papstes. Wir diskutieren mit den Ortsbischöfen hier und haben vereinzelt auch Unterstützung von ihnen erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Dringen denn Ihre Anliegen durch bis nach Rom?

Tänzler: Ich bin mir sicher, dass im Vatikan wahrgenommen wird, was wir hier in Deutschland diskutieren und auch, was der BDKJ denkt. Ich glaube, dass es dem Heiligen Vater genauso wie uns darum geht, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Auch im Fall des Holocaust-Leugners Richard Williamson hat es sehr lange gedauert, bis der Papst sich geäußert hat. Ist es denn zeitgemäß, dass der Pontifex im Zeitalter schneller Kommunikation erst nach Tagen oder Wochen reagiert?

Tänzler: Ich glaube, dass die Philosophie der Kirche eher abschließende als begleitende Worte des Heiligen Vaters vorsieht. Wir hatten uns in der Missbrauchsdebatte ein Wort des Beistandes gewünscht. Doch das ist etwas, was es im Denken des Vatikans nicht gibt. Gesellschaft funktioniert inzwischen anders. Es wäre gut, wenn sich da etwas tun würde.

SPIEGEL ONLINE: War der Fall Williamson Benedikts größter Fehler?

Tänzler: Das war schon ein großer Fehler, das hat er in seinem Brief an die Bischöfe ja auch geschrieben. Seine Absicht war eine andere, als das, was daraus wurde. Das war ein Management- und Vermittlungsfehler. Da braucht es wie in anderen Dingen immer wieder Übersetzer, die sagen: Was meint denn überhaupt der Papst? Da können und wollen wir uns anbieten.

"Ich sehe nicht, dass es die großen Reformen geben wird"

SPIEGEL ONLINE: Hat der Papst einen Draht zu den Jugendlichen?

Tänzler: Er trifft viele Menschen, auch Jugendliche. Wir finden es gut, dass der Heilige Vater versucht, mit modernen Kommunikationsmitteln umzugehen. Dass er da mutig ist und zum Beispiel Facebook und YouTube nutzt.

SPIEGEL ONLINE: Aber antworten können Sie ihm da nicht.

Tänzler: Die Jugendlichen erwarten natürlich, dass die Kommunikation auch in die andere Richtung geht. Aber es ist anerkennenswert, dass eine 2000 Jahre alte Institution wie die Kirche relativ früh diese neuen Kommunikationsmittel ausprobiert. Es sind erste Versuche, da darf man noch nicht zu viel erwarten. Die gesellschaftliche Entwicklung ist so rasant wie noch nie, und ich glaube, das darf am Vatikan auch nicht vorbeigehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt der Papst für Jugendliche in Deutschland?

Tänzler: Jugendliche suchen vor allem im nahen Umfeld Vorbilder. Grundsätzlich käme natürlich auch der Heilige Vater in Frage. Aber ich weiß, dass sich nicht alle katholischen Jugendlichen den Papst zum Vorbild genommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Tänzler: Die meisten haben einen deutlich anderen Lebensentwurf als ihn der Papst sich vorstellt. Es gibt keine Generation Benedikt.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie überhaupt noch mit großen Reformen unter Papst Benedikt?

Tänzler: Ich sehe nicht, dass es die großen Reformen geben wird. Aber ihm liegt zum Beispiel die Einheit der Kirche am Herzen. Er scheint unter deren Spaltung wirklich zu leiden. Ich glaube, dass er da leise kleine Akzente setzt, die uns zu einer Einheit etwa mit der Ostkirche führen wird.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie sich vom Papst bei einem persönlichen Treffen wünschen?

Tänzler: Ich würde mit ihm über die stärkere Einbindung von Laien und Demokratie in der Kirche sprechen. Ihm überzeugt darlegen, dass es in der Kirche neben einem hierarchischen auch ein synodales System braucht. Damit sie zukunftsfähig und glaubwürdig werden und bleiben kann.

SPIEGEL ONLINE: Wünschen Sie sich manchmal einen Medienpapst zurück?

Tänzler: Ich persönlich mag die Art, wie Benedikt auftritt. Ich glaube, dass es aber für viele Jugendliche attraktiver ist, wenn da jemand ist, mit dem sie feiern können.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Wunschpapst?

Tänzler: Vielleicht wäre es mal gut, es käme ein Papst, der in einem Armenviertel in Südamerika oder einer anderen Armutsregion gearbeitet hat. Der hätte einen ganz anderen Blickwinkel auf die Welt, als jemand, der schon jahrelang auf einem Bischofsstuhl gesessen hat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in den vergangenen Wochen mal an einen Kirchenaustritt gedacht?

Tänzler: Ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, weil ich überzeugt bin, dass Kirche und Glaube für die Gesellschaft gut sind. Und weil man die Kirche auch verändern und weiterentwickeln muss, und das kann man nur von innen.

Das Interview führte Maria Marquart
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