Deutsch-amerikanische Korrespondenz Briefe aus dem Todestrakt

Albert Jones sitzt im Todestrakt des Gefängnisses von San Quentin in Kalifornien. Kontakt zur Außenwelt hat der wegen Mordes Verurteilte kaum - außer durch eine Brieffreundschaft mit Martin Both aus Bad Endorf im Chiemgau. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Korrespondenz.

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Von , Bad Endorf


Martin Both und Albert Jones haben sich nie gesehen, sie wissen nicht, wie die Stimme des anderen klingt. Both lebt mit seiner Familie im Bad Endorf-Hemhof, Chiemgau. Er ist 40 Jahre alt, Journalist, wohnt mit seiner Familie in einem umgebauten Haus, in dem früher ein Handwerksbetrieb untergebracht war. Albert Jones, 47, lebt seit 17 Jahren im Todestrakt, in einer Einzelzelle des Gefängnisses von San Quentin, einem riesigen, burgartigen Bau an der Bucht von San Francisco. Alle drei Wochen gelangt ein Brief von der einen in die andere Welt. Die Männer schreiben sich seit eineinhalb Jahren.

Both: "Ich will weniger wissen, warum du ins Gefängnis gekommen bist. Ich will hören, was es bedeutet, dort zu sein. (…) Indem ich dir schreibe, hoffe ich, dich ermutigen zu können, deine Würde nicht aufzugeben. Auch wenn diese Würde durch deine Strafe und die Bedingungen, unter denen du lebst, verletzt wird."

Jones: "Ich habe einen Brieffreund gesucht, für Trost und die Möglichkeit, jemandem zu schreiben und zu erzählen, wie es mir geht. Und um zu wissen, dass die Worte, die ich als Antwort bekomme, mir helfen und mich trösten werden."

Both hatte die Schweizer Organisation Lifespark zufällig entdeckt, sie vermittelte den Kontakt. Both, groß, braune Haare und sanfte Stimme, sitzt am Küchentisch seines Hauses und spricht von der Brieffreundschaft mit einem Todeskandidaten, als schreibe er sich Briefe mit dem ehemaligen Partner aus dem Schüleraustausch.

Jones: "Ich hoffe, unsere Freundschaft hält ewig, weil ein echter Freund hier drin schwer zu finden ist."

Both: "Ich war mir nicht sicher, was du von mir erwartest - jetzt, da die Lifespark-Lotterie keine blonde Sexbombe für dich ausgewählt hat, sondern einen verkopften deutschen Redakteur."

Jones: "Ich weiß, dass Trost von einem Mann kommen kann, aber nicht immer von einer blonden Sexbombe. Ha! Ha!"

Jones ist einer von mehr als 700 Todeskandidaten in Kalifornien. In dem Bundesstaat wurde laut "Death Penalty Information Center" seit 2006 niemand mehr hingerichtet. 2010 setzte Kalifornien Exekutionen offiziell aus, weil es Nachschubschwierigkeiten beim Gift für die tödliche Spritze gibt. Das Gefängnis von San Quentin ist überfüllt und berüchtigt für brutale Auseinandersetzungen unter Häftlingen.

Jones: "Halte mich in Verbindung mit der menschlichen Welt, weil das Leben hier drin stillsteht. Und so viele der Jungs hier nehmen Pillen, um diesen Alptraum auszuhalten."

Die Distanz zwischen San Quentin und dem Chiemgau beträgt rund 9500 Kilometer, die Lebenswelten der beiden Männer könnten ferner kaum sein. Um Boths Haus herum ist Dorfidylle, die Bilderbuchlandschaft des Chiemgau.

Jones' Welt besteht aus Mauern und Gittern. Die Chance, sie zu verlassen, ist gering - seit 1973 wurden in den gesamten USA rund 130 zum Tode Verurteilte aus der Haft entlassen, weil sie unschuldig waren. Von denen, die nicht mit einem Freispruch rechnen können, bitten manche um ihre Hinrichtung, weil sie das Leben im Todestrakt nicht mehr aushalten.

Jones: "Nein, ich werde diese Leute nicht meine Würde oder meine Seele nehmen lassen."

Das Freundliche, Offene, immer Vorwärtsgewandte in Jones' Briefen habe ihn beeindruckt, sagt Both. "Er hat nicht mit seinem Leben abgeschlossen, zeigt Kampfgeist und auch eine gewisse Größe." Ein Bild von Jones hängt an der Magnettafel in Boths Küche. Zu sehen ist ein schwarzer Mann mit blauer Häftlingskleidung. Er lächelt.

"Bedürfnis, von einer Schuld freigesprochen zu werden"

Jones: "Während meiner Zeit hier gab es fünf Exekutionen. Man spürt es aus der Todeskammer. Das ist kein Gefühl für einen Menschen. Ich schlafe dann nicht, ich bleibe wach und bete. Falls du nicht gläubig bist - im Todestrakt wirst du es."

Der Tag seiner Exekution steht für Jones noch lange nicht fest, bis dahin könnten noch Jahrzehnte vergehen. Der Termin spielt in seinen Briefen kaum eine Rolle. Eintönigkeit und Fremdbestimmtheit dominieren seinen Alltag. "Dank der Briefe weiß ich meine Privilegien wieder zu schätzen", sagt Both - und sei es nur zu essen, was man wolle.

Jones darf fast nichts selbst bestimmen: dreimal pro Woche duschen, je fünf Minuten, mit Zeitschaltuhr am Warmwasser. Handschellen, wenn er die Zelle verlässt. Ein paarmal in der Woche Hofgang, ein bisschen Sport. Wenig Abwechslung von der Einsamkeit, Jones' Familie hat sich größtenteils von ihm losgesagt.

Jones: "Wie kann mich meine Familie so behandeln? Aber Martin, ich habe gebetet und bin stärker geworden und habe mir gesagt: keine Tränen mehr."

"Martin, ich möchte so sehr nach Hause gehen. Ich habe 17 Jahre des Lebens meiner Tochter verpasst und verpasse jetzt auch das Leben meiner drei Enkelkinder."

Vor mehr als einem Jahr sagte einer der Hauptzeugen in dem Verfahren der Polizei, er habe aus Angst gelogen und Jones belastet. "Da ist nichts passiert, da ist noch nicht einmal ein Anwalt zu ihm gekommen und hat mit ihm gesprochen. Das finde ich einfach gruselig", sagt Both.

Das ist die eine Seite von Jones' Geschichte. Die andere liest sich laut Gerichtsunterlagen so: In den frühen Morgenstunden des 13. Dezember 1993 dringt Jones, damals 29 Jahre alt, zusammen mit einem 15-Jährigen in das Haus von James und Madalynne Florville in Mead Valley im Süden Kaliforniens ein. Jones und sein Komplize fesseln den 82-Jährigen und seine zehn Jahre jüngere Frau, rauben die Eheleute aus und erstechen sie. Am 20. September 1996 wird Jones zum Tod verurteilt. Seither sitzt er in San Quentin. Gleich im ersten Brief beteuerte er seine Unschuld.

"Ich habe dieses Verbrechen nicht begangen."

Ist Jones unschuldig? "Ich glaube manchmal in seinen Briefen zu spüren, dass er das Bedürfnis hat, durch mich von einer Schuld freigesprochen zu werden", sagt Both. "Aber das kann ich nicht."

"Ich glaube nicht, dass Albert ein Heiliger war"

Er habe sich nicht über den Fall informiert, als der Briefwechsel begonnen habe. "Ich wollte so unbefangen wie möglich rangehen." Jones war Mitglied der berüchtigten Gang "Bloods".

"Ich bin ein großer Mann und könnte die meisten hier drin verprügeln, aber das wäre nicht in Ordnung."

"Ich glaube nicht, dass Albert ein Heiliger war", sagt Both. "Aber auch jemand wie er hat ein Recht auf Menschlichkeit." Wie vermittelt man einem Todeskandidaten das Gefühl, dass man ihn nicht als Täter, sondern als Mensch sieht? Both schickt über ein Bestellportal im Internet Essenspakete. Jones nennt ihm die Nummern der Waren, die er gerne hätte, Both gibt sie ein und bezahlt.

"Nummer 85645, Mozzarella-Käse, 3,60 Dollar (…)
Nummer 86050, Schoko-Donuts, 2,30 Dollar" (…)
Nummer 84681, geröstete Erdnüsse, 1,30 Dollar"

Auch Alltäglichkeiten tragen dazu bei, dass Jones' Situation nicht alles überdeckt. "Mein erster Brief war unglaublich verkopft. Der Ton ist flapsiger geworden. Man erzählt einfach mal, dass man draußen war und Radieschen geerntet hat", sagt Both. Die Briefe seien so etwas wie Jones' Fenster zu Welt - zu Boths Welt, um genau zu sein. Große Ereignisse werden kaum thematisiert. "Wenn man für jeden Schokoriegel einen Antrag stellen muss, ist er eben wichtiger als eine Präsidentschaftswahl, weil sie weniger Bedeutung für das Leben hat."

"Ich schätze dich und deine Freundschaft"

"Am Anfang war ich unglaublich vorsichtig, wenn ich etwas Schönes erlebt hatte - ich dachte, das deprimiert ihn, ich dachte: 'Mensch, die arme Sau sitzt da drin'." Genau das Gegenteil sei der Fall. "Albert möchte teilhaben." Teilhabe bedeutet, nicht in Vergessenheit geraten zu sein, mehr zu sein als Häftling Nummer K-23800.

Jones: "Ich weiß, dass die Leute etwas anderes mit ihrer Zeit anfangen können, also sei versichert: Ich schätze dich und deine Freundschaft."

Both: "Albert, bleib stark."

Empfindet Both eine Verpflichtung, allein um Jones' Willen den Kontakt aufrecht zu erhalten? "Es ist eher immer noch die Neugier einem Menschen gegenüber, die mich treibt." Aber er habe mit der Brieffreundschaft auch Verantwortung übernommen.

Sieht er Jones als Freund? "Ich habe den Mann noch nie gesehen. Streng genommen weiß ich noch nicht einmal, ob all das, was er mir schreibt, wahr ist", sagt Both. Vielleicht entstehe Vertrautheit erst, wenn man jemandem gegenübersitzen könne. Both will gerne nach San Quentin fahren, Jones persönlich kennenlernen. Nur in einem Fall hätte er vor solch einer Begegnung Angst, sagt Both: "Wenn Albert mich bitten würde, zu seiner Exekution zu kommen."



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
lenin2009 30.01.2012
1. Was für ein ekliges widerliches Scheißland!
Zitat von sysopAlbert Jones sitzt im Todestrakt des Gefängnisses von San Quentin in Kalifornien. Kontakt zur Außenwelt hat der wegen Mordes Verurteilte kaum - außer durch eine Brieffreundschaft mit Martin Both aus Bad Endorf im Chiemgau. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Korrespondenz. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,809029,00.html
Schuldige hinrichten. Unschuldige hinrichten. Da ist dieses rotchinesiche Dreckspack ja fast noch humaner. Da muß man wenigstens nicht Jahrzehnte auf seine Hinrichtung warten.
Zavi85 30.01.2012
2. .
Zitat von lenin2009Schuldige hinrichten. Unschuldige hinrichten. Da ist dieses rotchinesiche Dreckspack ja fast noch humaner. Da muß man wenigstens nicht Jahrzehnte auf seine Hinrichtung warten.
Was für ein Artikel soll das bitte sein? Wenn er im Todestrakt sitzt wird auch etwas entsprechendes geschehen sein! Nur weil in den USA Straftäter hingerichtet werden dürfen, heißt dass noch lange nicht dass man hier Mitleid mit Mördern und Sonstigen haben muss nur um sich zivilisierter zu fühlen. Die Nachweisbarkeit der Schult lasse ich dabei aussen vor, nicht dass es heisst ich würde jeden der verdächtig ist gleich in den Todestrakt stecken.
slider 30.01.2012
3. Respekt für Hr. Both
Ich finde es ist ein unglaubliches Glück, dass es Menschen wie Hr. Both gibt, die sich um die Gefallenen, Ausgestoßenen und Entsorgten der Gesellschaft kümmern. Hr . Both muss eine starke Persönlichkeit sein, dass er sich gerade "so einen Fall" ausgesucht hat, da es für ihn auch gefühlsmäßig ein Ballanceakt ist, ob er dem Todeskandidaten trauen kann. "Er" zählt er mir nur eine traurige Geschichte von einem unschildig Verurteilten? Kann ich ihn auch wegen seiner Tat annehmen? Ich hoffe die Brieffreundschaft bleibt bis zum natürlichen Ableben der beiden bestehen.
fred4712 30.01.2012
4. Friedensnobelpreis
Zitat von sysopAlbert Jones sitzt im Todestrakt des Gefängnisses von San Quentin in Kalifornien. Kontakt zur Außenwelt hat der wegen Mordes Verurteilte kaum - außer durch eine Brieffreundschaft mit Martin Both aus Bad Endorf im Chiemgau. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Korrespondenz. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,809029,00.html
Ein Träger des Friedensnobelpreis lässt das und noch viel mehr zu. Und so ein Staat will Weltpolizei sein und regt sich über Zustände in anderen Ländern auf. Erst mal selber human werden. Dann kann man wenigstens mit gutem Beispiel voran gehen. Die USA ist der inhumanster westlicher Staat, den ich zutiefst verabscheue.
Flaschengeist64 30.01.2012
5. Eine Herausforderung
Zitat von sysopAlbert Jones sitzt im Todestrakt des Gefängnisses von San Quentin in Kalifornien. Kontakt zur Außenwelt hat der wegen Mordes Verurteilte kaum - außer durch eine Brieffreundschaft mit Martin Both aus Bad Endorf im Chiemgau. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Korrespondenz. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,809029,00.html
Ein interessanter Artikel. Ich stehe ebenfalls in Kontakt mit einem Menschen, der in der Todeszelle sitzt. Die Anbahnung lief ebenfalls über die Organisation "Lifespark". Im Artikel werden genau die Probleme beschrieben, welche die Beziehung zu dem Todeskandidaten belasten können. Was schreibe ich ihm? Soll ich ihm aus meinem Alltag berichten? Soll ich ihm von meinem (aus seiner Sicht möglicherweise) perfekten Leben (Familie/Job/Gesundheit/relativer Wohlstand) erzählen? Das muss ihn doch total frustrieren. Auf Nachfrage erklärt er mir jedoch, dass ich für ihn sozusagen die Augen "nach draußen" bin. Ich schicke ihm auch Fotos oder Postkarten. Insgesamt ist der Dialog zuweilen herausfordernd, da das unterschiedliche Bildungsniveau manchmal ein Problem ist. Viele der Todeskandidaten sind Schulabbrecher. Ein Mensch mit einer Waffe in der Tasche braucht keinen Schulabschluss um sich und seinen Standpunkt zu erläutern. Andererseits ist es dann eben eine Aufgabe, komplizierte Sachverhalte auf eine ganz einfache Ebene herunterzubrechen. Was einem klar sein muss, ist, dass der Brieffreund 23 Std. am Tag in seiner Zelle sitzt. Und auf Post wartet, da er sonst nichts zu tun hat. Man hat also die Verpflichtung und Verantwortung diesem Menschen nicht durch auf Bequemlichkeit zurück zu führende Schreibpausen zu quälen. Ich sage mir dann, wenn ich eigentlich keine Zeit/Lust habe zu schreiben: "we're in it together". Fazit: wer sich mit der eigenen Endlichkeit und der Würde des Menschen auseinandersetzen möchte, der sollte den Schritt in eine Brieffreundschaft wagen. Es gibt übrigens mehrere Organisationen, welche Kontakte zu Insassen herstellen können.
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