Deutsche Geschichte Historisches Puzzle mit Führerbunker

Über Hitlers einstigem Bunker liegt ein Parkplatz. Jetzt steht dort auch eine Tafel, die über den Ort informiert, an dem der "Führer" seine letzten Tage verbrachte. Die Initiative eines Berliner Vereins soll gegen Mythenbildung helfen - löst aber Kontroversen aus.

Von Christopher Stolzenberg


Berlin - Es braucht schon viel Phantasie, um sich hier eine historische Stätte vorzustellen: ein sandiger Parkplatz, den vereinzelt ein paar sommergrüne Bäume zieren. Einige Plattenbauten und die Vertretungen der Bundesländer begrenzen den Platz unweit der Holocaust-Gedenkstätte. Es scheint, als hätte die Zeit den einstigen "Führerbunker" begraben. Doch vergessen ist der Ort nicht.

Ehemaliger Bunker-Telefonist Misch: "Ein enger Bunker mit dicken Wänden für eine Handvoll Leute"
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Ehemaliger Bunker-Telefonist Misch: "Ein enger Bunker mit dicken Wänden für eine Handvoll Leute"

"Immer wieder kommt von Touristen die Frage: Wo stand eigentlich Hitlers Bunker?" sagt Dietmar Arnold, Vorsitzender des Vereins "Berliner Unterwelten". Der Film "Der Untergang" habe die Neugier geweckt. Doch die Antworten der Tour-Guides seien oftmals haarsträubend: "Einige sprechen von zwölf geheimen Etagen oder sagen, dass der Bunker noch intakt sei. Völliger Unsinn", meint Arnold. Dagegen wollte er mit seinem Verein "Berliner Unterwelten" etwas tun. Pünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft hat die Organisation nun mit Unterstützung der Senatsverwaltung und der Grundeigentümer eine Informationstafel in der Gertrud-Kolmar-Straße aufgestellt.

Zuverlässige Informationen über das Gebäude zu bekommen ist nicht leicht: "Heute finden Sie 28 Grundrisse des Bunkers, und keiner davon ist richtig", sagt Reiner Janick, Gründungsmitglied der "Berliner Unterwelten". "Manche dichten sogar eine Wendeltreppe hinzu." Auch komme es vor, dass an dieser Stelle Ewiggestrige an Hitlers Todestag Kränze niederlegten. Solcher Unkenntnis und Mythenbildung hat der Verein heute Fakten entgegen gesetzt.

Auf der Tafel ist zu erfahren, dass der Bunker nur Platz für eine Handvoll Bewohner bot. "Wirklich nur ein 'Führerbunker', wie der Name schon sagt", weiß der letzte noch lebende Bewohner, der ehemalige Telefonist Rochus Misch. Er hat als Zeitzeuge wichtige Hinweise gegeben: "Hitlers eigenes Zimmer war höchstens zwölf Quadratmeter groß." Eine Grafik mit genauer Beschreibung der Räume vermittelt einen Eindruck der Enge. 1947 sprengte die sowjetische Armee das Versteck Hitlers, verschüttete 1959 die Überreste endgültig und bepflanzte den neu entstandenen Hügel. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre wurde der sogenannte Vorbunker aus dem Boden entfernt, um neuen Wohnhäusern ein sicheres Fundament zu geben. 2001 wurden zum letzten Mal die Grundmauern des "Führerbunkers" frei gelegt, bevor sie wieder unter der Erde verschwanden.

"Dem Bösen ganz nah"

Auch wenn an der Stelle nichts mehr zu sehen ist, an dem Hitler in den Tiefen des Bunkers am 30. April 1945 mit Eva Braun Selbstmord beging, lebt an dem Ort doch viel historische Symbolik. Dietmar Arnold erinnert sich an eine Gruppe britischer Veteranen, die er durch Berlin geführt hat: "Die wollten einfach wissen: 'Wo hat sich das Arschloch umgebracht?'" Rochus Misch weiß es genau und weist auf eine freie Grasfläche auf dem Parkplatz. "Hier ungefähr war der Ausgang zum Garten, und hier wurde sein Leichnam verbrannt." Er hat die genaue Stelle über alte Luftaufnahmen bestimmt. Die Ecke ist heute nicht bewachsen, sondern öde - zufällige Symbolik.

Für den Berliner Arnold stellt diese Stelle das Ende des Zweiten Weltkriegs dar. "Nach Hitlers Selbstmord waren die Militärs nicht mehr an ihren Eid gebunden und konnten sich ergeben." Von hier aus sei aber auch der sogenannte "Nero-Befehl" ausgesandt worden, der die Vernichtung der grundlegenden Versorgungsstrukturen der Bevölkerung einleitete.

"Hier scheint man dem Bösen ganz besonders nah zu sein", meint Shawn Ludger ironisch. Der junge Tourist aus den USA findet die Informationstafel sehr gut, weil auf diese Weise objektiv mit der Geschichte umgegangen werde. Diese Meinung wird von vielen Touristen geteilt. "Das Holocaust-Denkmal und der Hinweis auf den 'Führerbunker' passen doch zusammen wie zwei Teile eines historischen Puzzles", sagt die Britin Sally MacMillan. Das eine diene dem Gedenken der Opfer, die Beschreibung des Führerbunkers wirke der Mythenbildung über die Täter entgegen.

Mit Abstand auf die dunkle Seite der Geschichte blicken

Dagegen meint Edna Hohnfeld: "Die Tafel kennzeichnet jetzt einen Ort, an dem man Hitler huldigen kann." Entrüstet schreitet die israelische Fremdenführerin mit ihrer Gruppe weiter. Ein Anwohner, der nicht genannt werden möchte, meint ebenso kritisch: "Hitler steht schon überall in den Medien. Warum muss man ihn mit noch mehr Aufmerksamkeit ehren?"

"Geschichte ist Geschichte, und das muss klar dargestellt werden", sagt dagegen die hiesige Mieterin Carmen Netzeband. Rentnerin Traudl Merckel kann die Reaktion der Israelin verstehen: "Diesen Ort mit der Tafel hervorzuheben ist wenig pietätvoll gegenüber den Opfern." Aber erst heute sei es möglich, mit ruhigem Abstand auf die dunkle Seite der deutschen Geschichte zu blicken.

Diesen Eindruck kann Reiner Janick vom Verein "Berliner Unterwelten" nur bestätigen. "Eine Gedenkstätte war dieser Ort auch ohne die Tafel. Wo der Bunker stand, war ja kein Geheimnis." Über den "Führerbunker" zu informieren sei aber wichtig. Heute lebten immer weniger Zeitzeugen, die die Fragen der Nachwachsenden beantworten könnten. Daher müssten Informationen auf anderen Wegen transportiert werden.

Dass die Tafel gerade zur Weltmeisterschaft aufgestellt wurde, sieht Parvinda Kler aus Australien positiv. "Deutschland zeigt sich heute als ein offenes Land, dass seine Geschichte nicht zu verstecken braucht." Die Zeiten haben sich geändert. Doch Orte mit historischer Bedeutung sollten nicht vergessen werden, auch wenn sie heute unter einem Parkplatz begraben liegen.



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