Bertelsmann-Studie Hälfte der Bevölkerung empfindet den Islam als Bedrohung

In Deutschland gibt es viele Vorbehalte gegen Muslime. Das hat eine Bertelsmann-Studie zu Demokratie und religiöser Toleranz ergeben. Die Forscher sehen aber auch viel Positives.

Berlin-Kreuzberg: Gläubige beim Freitagsgebet in der Mevlana-Moschee (Archiv)
DPA

Berlin-Kreuzberg: Gläubige beim Freitagsgebet in der Mevlana-Moschee (Archiv)


Ob Judentum, Christentum oder Islam - bei den Angehörigen verschiedener Religionen stoßen demokratische Werte und Prinzipien offenbar auf breite Zustimmung. Die große Mehrheit von 89 Prozent der Bevölkerung - über alle Religionen hinweg - hält die Demokratie in Deutschland für eine gute Regierungsform. Das hat eine am Donnerstag von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte Studie auf Basis des repräsentativen "Religionsmonitors" ergeben.

Bei religiöser Toleranz sieht die Untersuchung aber Defizite. Vor allem der Islam habe es schwer und werde von vielen negativ wahrgenommen.

Mit Zuwanderung und Globalisierung ist die religiöse Vielfalt in Deutschland gestiegen. Weder diese Pluralität noch der Grad der Religiosität beeinflussen der Analyse zufolge die Einstellungen zur Demokratie. "Angehörige egal welcher Religion können gute Demokraten sein", betonte Studienautor und Religionssoziologe Gert Pickel.

Vorbehalte im Osten stärker als im Westen

Auf Dauer schädlich für die Demokratie seien hingegen dogmatische, rigide Glaubensvorstellungen und Intoleranz gegenüber anderen Religionen. Hier sieht die Untersuchung Anlass zur Sorge. Denn: Die Hälfte der Befragten empfindet den Islam als Bedrohung. In Ostdeutschland, wo wenig Muslime leben, fallen die Vorbehalte stärker aus als im Westen. So wollen laut Erhebung 30 Prozent im Osten und 16 Prozent im Westen keine Muslime als Nachbarn.

Solche abgrenzenden, ablehnenden Haltungen könnten die demokratische politische Kultur gefährden, warnte Pickel. Bundesweit wird die Zahl der Muslime auf rund fünf Millionen geschätzt - mit 1,5 Millionen leben unter allen Bundesländern die meisten in Nordrhein-Westfalen.

Die recht weit verbreitete Islamskepsis sei aber nicht unbedingt mit Islamfeindlichkeit gleichzusetzen, betonte Stiftungsexpertin Yasemin El-Menouar in Gütersloh. Diese sei allerdings definitiv vorhanden bei 13 Prozent der Bevölkerung, welche die Zuwanderung von Muslimen stoppen wollten.

Der Studie zufolge erweist sich aber die demokratische Kultur grundsätzlich als ein stabiles, von der breiten Mehrheit getragenes Fundament: Unter Christen sprechen sich 93 Prozent, unter Muslimen 91 Prozent, unter Konfessionslosen 83 Prozent für die Demokratie aus.


Zur Studie: Im "Religionsmonitor" untersucht die Bertelsmann-Stiftung regelmäßig die Bedeutung von Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt - über repräsentative Bevölkerungsbefragungen. Die Daten hat Professor Gert Pickel, Religionssoziologe an der Uni Leipzig, nun in der Studie "Weltanschauliche Vielfalt und Demokratie" für die Stiftung analysiert.

Basis: "Religionsmonitor 2017" mit rund 1500 Befragten - mitsamt einer Sonderbefragung unter Muslimen (rund 1000 Personen). Zudem hat die Bertelsmann Stiftung noch Infas 2019 mit einer Nacherhebung beauftragt, dafür wurden 1000 Menschen repräsentativ befragt.

Im Video: Die Moschee nebenan - Vorurteile und Realität

ZDF Enterprises

wit/dpa



insgesamt 177 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Vhuebsch 11.07.2019
1.
Ein feiner Anfang wäre es ja schon, wenn endlich einmal flächendeckend zwischen "Muslimen" und "Islamisten" unterschieden würde.
skylarkin 11.07.2019
2.
Zu der Problematik der Muslime in Europa gab es einen interessanten Beitrag in der NZZ. Tenor: der überwiegend noch in Europa gelebte und aus den Herkunftsgebieten tradierte Islam stellt tatsächlich eine Bedrohung der europäischen Werte und der Aufklärung dar. Erst ein reformierter, aufgeklärter Euroislam kann einen positiven Beitrag zur europäischen Kultur leisten. Dazu bedarf es einer Reform der im Islam angelegten Weltanschauung. Bis jetzt ist wenig Bereitschaft dazu zu erkennen, stattdessen findet zur Zeit eine Eroberung durch Identiutäts- und Minderheitenpolitik statt. https://www.nzz.ch/feuilleton/willkommenskultur-islam-und-muslime-in-europa-wie-weiter-ld.1493390?utm_source=pocket-newtab
motoko_kusanagi 11.07.2019
3. Wo
kann man diese Studie beziehen?
so-long 11.07.2019
4. Politischer Islam
wird -wohl aus der täglichen Erfahrung heraus- mit Islam gleichgesetzt. Kritischer Diskurs ist schwer möglich, siehe zB das "Kopftuchsymposium" der Uni Frankfurt, Islamwissenschaftl. Fachbereich. War eine christentum-/kirchekritische Debatte im MA möglich gewesen? Das hat danach noch ein paar Jahrhunderte gedauert.
pr8kerl 11.07.2019
5.
Leider erlebe ich Toleranz hier in Berlin nur einseitig. Viele muslimische junge Männer erwarten, dass sie hier tun können was sie wollen. Zu Regeln erzogen wurden viele nicht. Junge Migranten liefern sich nachts Wettrennen am Kudamm, ziehen Polizistinnen an den Haaren, feuern aus Hochzeitsgesellschaften heraus in die Luft, leben abgeschottet in Parallelgesellschaften oder Clans und fahren weiße Luxusschlitten mit dem Stern vorn dran. Ich erlebe natürlich auch viele Migranten, die sich an die Regeln hier halten: Meinen Lieblingsschneider, den Späti-Betreiber, den Gastwirt, den Bademeister in Kuzmanys Bad, die Brötchenverkäuferin. Das sind positive Beispiele, aber leider fallen die anderen mehr auf.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.