Altersarmut Immer mehr Menschen holen sich Lebensmittel bei der Tafel

Mehr als 1,5 Millionen Menschen gehen regelmäßig zur Tafel. Als "besonders dramatisch" bezeichnet der Vorsitzende des Bundesverbands die Situation der älteren Menschen - und fordert Reaktionen von der Politik.

Roland Weihrauch/ DPA

Die Zahl der Menschen, die sich regelmäßig Lebensmittel bei der Tafel holen, hat deutlich zugenommen. Nach einer Hochrechnung des Vereins ist sie innerhalb eines Jahres um zehn Prozent auf 1,65 Millionen gestiegen.

Besonders deutlich war der Anstieg bei Senioren. In dieser Gruppe stieg die Zahl der Menschen, die zur Tafel gehen, um 20 Prozent. Der Vorsitzende des Vereins Tafel Deutschland, Jochen Brühl, bezeichnete das als "besonders dramatisch".

Niedrige Renten oder Grundsicherung im Alter seien hinter Langzeitarbeitslosigkeit der zweithäufigste Grund, warum Menschen zur Tafel gehen. "Das ist natürlich sehr erschreckend, weil wir wissen, dass viele Menschen, die Rentnerinnen und Rentner sind, sich oft schämen, Leistungen in Anspruch zu nehmen", sagte Brühl. Die Tafeln geben die Ware kostenlos oder gegen einen geringen Betrag ab.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigte, dass mehr als jeder fünfte Rentner in Deutschland in 20 Jahren von Altersarmut bedroht sein könnte. "Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen", sagte Brühl nun. Seit Jahren wiesen die Tafeln bereits auf das Problem hin - ohne "großen Wurf" aus der Politik oder einen gesellschaftlichen Aufschrei. Dabei gehöre das Thema "ganz oben auf die Agenda", tiefgreifende Reformen seien nötig.

Alarmierend sei zudem, dass man auch 50.000 mehr Kinder und Jugendliche unterstützte als noch vor einem Jahr. Da wachse die "Altersarmut von morgen" heran, sagte Brühl.

Rückläufig sei hingegen die Zahl der Asylbewerber, die das Angebot nutzen - ihr Anteil sank von 26 auf 20 Prozent. 2018 hatte das Thema für Debatten gesorgt, als die Essener Tafel vorübergehend keine Ausländer mehr als Neukunden aufnahm.

Die Lebensmittelverschwendung in Deutschland - laut Tafel bis zu 18 Millionen Tonnen pro Jahr - nannte Brühl angesichts des Hungers auf der Welt "pervers". 265.000 Tonnen überschüssige, aber noch genießbare Nahrungsmittel sammeln Ehrenamtliche im Jahr von Händlern und Herstellern ein.

bbr/dpa



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