SPIEGEL-Umfrage Knappe Mehrheit sieht kein Rassismus-Problem bei der Polizei

Auch in Deutschland wird nach dem Tod von George Floyd über Polizeigewalt diskutiert. Ein interessanter Unterschied: In den Großstädten kritisieren deutlich mehr Menschen Rassismus in der Polizei als außerhalb der Ballungszentren.

Der gewaltsame Tod des US-Amerikaners George Floyd hat auch in Deutschland eine Debatte über Polizeigewalt angestoßen. In vielen deutschen Großstädten gab es Aktionen unter dem Motto "Black Lives Matter", in Hamburg und Berlin gerieten am vergangenen Wochenende dabei auch Polizisten und Demonstrierende aneinander. Außerhalb der Ballungszentren erkennen die Menschen aber offenbar kaum strukturellen Rassismus in der deutschen Polizei, wie aus einer aktuellen SPIEGEL-Umfrage hervorgeht. 

Der bundesweiten Erhebung zufolge gaben 51,3 Prozent der Befragten an, dass sie Rassismus in der Polizei hierzulande nicht für ein Problem halten. Eine knappe Mehrheit. 37,1 Prozent der Befragten sagten, sie sähen durchaus ein Problem, 11,6 Prozent zeigten sich unentschieden. Dabei zeigen die Daten ein starkes Stadt-Land-Gefälle: Je höher die Bevölkerungsdichte eines Ortes, umso mehr Menschen kritisierten Rassismus in der Polizei.

Rassismus

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken stand heftig in der Kritik, nachdem sie in einem Interview geäußert hatte, dass es auch bei deutschen Sicherheitskräften latenten Rassismus gebe. Sie forderte eine unabhängige Polizeibeschwerdestelle. Diese sind in vielen anderen Ländern üblich, in Deutschland bislang aber nur in Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg vorhanden. Inzwischen hat Esken ihren Vorwurf relativiert. "Deutschland ist nicht die USA, und Nieburg ist nicht Minneapolis”, sagte sie vor einer Gruppe niedersächsischer Polizeischüler. 

Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei sinkt

In der Tendenz halten jüngere Bevölkerungsschichten das Problem für größer. Während 45 Prozent der 18- bis 29-Jährigen glaubt, dass die Polizei ein Rassismus-Problem habe, waren es bei den 50- bis 64-Jährigen nur 31,9 Prozent. Mit Blick auf die Wählerpräferenzen der Befragten zeigt sich: Wähler der Linken, SPD und Grüne betrachten den Umgang mit Rassismus in der Polizei deutlich kritischer als Wähler der CDU/CSU es tun. Am deutlichsten werden die Wähler der AfD: 93,3 Prozent beantworteten die Frage mit Nein. 

Das Meinungsforschungsinstitut Civey fragt im Auftrag des SPIEGEL regelmäßig die Einstellung der Bevölkerung zur Polizei ab. Die Kategorien: allgemeines Vertrauen, der Umgang mit Rechtsextremismus oder die Ahndung von Fehlverhalten bei Polizisten. Die Umfrage ist repräsentativ. Civey befragt dafür im Laufe von drei Monaten jeweils mehr als 3000 Personen. Die Frage nach Rassismus in den Reihen der Polizei war aktuell ergänzt worden und stand den Befragten nur einen Tag lang offen. 

Insgesamt ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei in den letzten drei Jahren gesunken. Benannten 75,9 Prozent der Befragten dies Anfang Januar 2017 noch als “groß”, sind es Stand Juni 2020 nur noch 62,8 Prozent. Dabei sank das Vertrauen am stärksten während Debatten um Polizeigewalt - unter anderem während des G20-Gipfels oder nach der Räumung des Hambacher Forsts.

Vertrauen

Generell hält nur eine Minderheit Polizeigewalt für ein Problem in der deutschen Gesellschaft, gerade einmal 21 Prozent. Auch hier zeigt sich ein Unterschied, je nach dem, welcher Partei die Befragten zuneigen. Wähler der AfD, CDU/CSU oder FDP finden nur selten, dass Polizeigewalt in Deutschland ein Problem sei. Anhänger der Grünen und der Linken stehen dem deutlich kritischer gegenüber.

Das Vertrauen in die Polizei ist im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Institutionen hoch. In einer Umfrage des Forsa-Institus bewerten die Befragten die Polizei neben Ärzten als die gesellschaftliche Gruppe, der sie das höchste Vertrauen schenken. 

Polizeigewalt

Das allgemeine Vertrauen in die Polizei ist bei den Wählern der Mitte-Parteien deutlich höher als bei denen der politischen Ränder - die niedrigsten Werte erzielen hier Wähler der AfD und der Linken. Anhänger dieser Parteien sind es auch, die sich im vergangenen Jahr am häufigsten von der Polizei unfair behandelt gefühlt haben. Unter der Gesamtheit der Befragten fühlten sich 10,3 Prozent unfair behandelt. 

Polizisten landen nur selten vor Gericht

Dabei gab es durchaus Anlässe, die das Potential hatten, das Vertrauen in die Polizei zu schmälern. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Rechtsextremisten in Polizeikrisen erkannt. Hessen ermittelte 2018 gegen mehrere Polizeibeamte, in Bayern wurden Beamte suspendiert, die zur Gruppe der sogenannten Reichsbürger gehören sollen

Unter den Befragten glaubten 50,5 Prozent, dass die Polizei ein strukturelles Problem mit Rechtsextremismus habe. Wähler der AfD verneinten dies mit Abstand am deutlichsten - hier glaubten 85,6 Prozent nicht an ein strukturelles Problem. Für die AfD sitzen auch viele Polizisten im Bundestag. Die Partei wirbt aktiv um ihre Stimmen. 

Skeptisch stehen die Deutschen der Ahndung polizeilichen Fehlverhaltens gegenüber - 46,8 Prozent halten diese nicht für ausreichend. Es ist die Staatsanwaltschaft, die Vergehen von Polizisten untersucht. Vor Gericht landen sie nur selten.

Das Meinungsforschungsinstitut Civey  arbeitet mit einem mehrstufigen voll automatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt (»Riversampling«), es werden also nicht nur Nutzer des SPIEGEL befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ .

muk/jpz
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