Die Neuen Alten Revolution ohne Rollstuhl

Sie werden Schauspieler, Tänzer, Agenturchef oder Klinik-Clown: Immer mehr Menschen geben im letzten Drittel ihres Lebens noch einmal Gas und wagen den persönlichen Neustart. SPIEGEL ONLINE hat vier von ihnen getroffen.

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Westerland - Es ist neblig und trüb in Westerland. Ganz Sylt riecht nach Moos und feuchter Heide. Der achtjährige Bo zieht sich seine Clownsmütze tief ins Gesicht und wuchtet einen riesigen Koffer die Treppe zum DRK-Pflegeheim hinauf. Im Schlepptau hat er seine Oma Inge, die in riesigen Schuhen und Malerkostüm die letzte Stufe nimmt und beherzt an eine Tür klopft. "Hereinspaziert!" ruft eine Pflegerin - und das Spektakel beginnt.

Inge Dethlefs wirft die Arme hoch und stürzt sich ebenso wortlos wie gestenreich auf ihr Publikum. Das sitzt bewegungslos an einer großen Kaffeetafel und schaut sie fragend an. Dethlefs schmeichelt und schmust, lässt Blumen regnen und singt dem 87-jährigen Geburtstagskind ein Ständchen: "Viel Glück und viel Segen…" - "… auf all deinen Wegen", stimmen die Angehörigen mit ein und klopfen sich vor Lachen auf die Schenkel. "Das macht sie aber toll", lobt eine 104-Jährige. Einzig der Ehrengast schaut verwirrt und ängstlich drein und klammert sich an eine lilafarbene Blume.

Niemand weiß, was Wenka S. gerade denkt, denn sie ist schwer dement. Niemand wüsste, was überhaupt noch in ihr steckt, wenn Inge Dethlefs sie nicht zum Malen gebracht hätte. Das war vor drei Jahren und Wenka hatte noch nie in ihrem Leben einen Pinsel in die Hand genommen. Jetzt malt sie ohne Unterlass - prächtige, farbenfrohe und manchmal fast psychedelische Nordseelandschaften. Eine großartige, wilde Massenproduktion aufwühlender Bilder, die irgendwo in ihrem "tüddeligen" Kopf gespeichert sind.

"Ich bin total verliebt in die Alten - mit ihren Geschichten, ihrer Schrulligkeit und dieser gnadenlosen Ehrlichkeit", schwärmt Klinik-Clown Dethlefs. Kaum zu glauben, dass die elegante und lebhafte 74-Jährige ein Leben lang als Bäuerin auf ihrem Hof in Braderup geschuftet hat. Nachdem die schwer Alzheimer-kranke Schwiegermutter gestorben war, meldete sich das schlechtes Gewissen: Dethlefs hatte das Gefühl, sich nicht genug gekümmert zu haben und wollte nun anderen helfen. Sie machte eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und besuchte zahlreiche Pantomime- und Clownerie-Kurse. Dann begann sie mit Dementen im Pflegeheim von Westerland zu arbeiten.

"Ich gebe ihnen Selbstwertgefühl und sie geben mir im Gegenzug alles, was sie haben", erklärt Dethlefs. Sie will die Demenz nicht als Krankheit verstanden wissen, sondern als Stufe, auf der man alles abgeworfen hat: "In diesem Alter braucht sich niemand mehr zu verstellen. Die machen mir nichts vor und ich weiß genau woran ich bin - phantastisch!" Natürlich erschrecke sie der manchmal rasante körperliche oder geistige Abbau. "Aber zu sehen, dass manche eine Fähigkeit wieder entdecken oder neu lernen ist ein unbeschreibliches Glücksgefühl."

Es gibt etwa eine Million Demenz-Kranke in Deutschland - und es werden mit jedem Jahr mehr. Fast 90 Prozent von ihnen werden zu Hause gepflegt - und zwar in der Regel von Frauen aus der Familie. Zwar hat die große Koalition den Weg für die geplante Pflegereform frei gemacht. Diese soll mehr Geld für die Pflege im eigenen Heim bringen- unter anderem bis zu 2400 Euro statt bisher 460 Euro jährlich für Demenzkranke.

Weil die Pflege aber aufwendig und psychisch aufreibend ist, sind viele Angehörige komplett überfordert. "Sie fühlen sich allein gelassen. Selbst wenn ein ambulanter Pflegedienst kommt, so ist die Zeit doch immer knapp - aber genau davon brauchen die Alten am meisten", weiß Dethleffs.

Mit ihrer ungewöhnlichen Biographie hat die 74-Jährige Eingang gefunden in eine dieser Tage erscheinende Portraitsammlung von Ulrike Herrmann und Martina Wittneben. "Älter werden, Neues wagen" beschreibt, wie zwölf jung gebliebene Alte ihr Leben in die Hand nehmen und im letzten Drittel noch einmal komplett verändern. Das Buch ist ein spannender Beweis dafür, dass Frühvergreisung im Kopf beginnt und Mobilität nicht immer etwas mit Jogging, Jetlag oder Online-Konferenzen zu tun hat. Die Protagonisten zeigen ein erstaunliches Maß an Mut zur Veränderung. Und allesamt wissen, was Mitgefühl ist.

Ja, sie sind dynamisch, beharrlich und gut in Form. Nein, sie sind keine Abziehbilder aus der Werbung, keine grinsenden Corega-Tabs-User, deren Leben einer Soap-Opera zwischen Malkurs, Kreuzfahrt und Frischzellenkur gleicht. Diese Menschen machen sich Gedanken über den Tod, werden krank und wieder gesund, helfen ihren Mitmenschen und damit sich selbst. So einfach, so gut. Darüber hinaus vermitteln sie ein umfassendes Bild davon, wie man in Deutschland derzeit alt werden kann, ohne zu verkümmern oder sich selbst zu unterfordern.



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