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24. Juli 2013, 19:59 Uhr

Krieg unter Nachbarn

Sture Besessenheit, heiliger Zorn

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Die Katze gehäutet, der Obstbaum geköpft: Kaum irgendwo werden Streitigkeiten so erbarmungslos ausgefochten wie am Gartenzaun. Bis zu 10.000-mal im Jahr zerren sich Nachbarn vor deutsche Gerichte - und machen sich mit zum Teil verblüffender Kreativität das Leben zur Hölle.

In der uckermärkischen Einsamkeit, eineinhalb Autostunden von Berlin, liegt ein verwunschener Weiler im Wald. Da vorne ein Schlösschen mit Türmchen in Altrosa und Türkis, nicht weit davon eine Stallanlage mit blutrotem Fachwerk. Im Sommer dösen auf üppigen Weiden Trakehner in der Sonne. Das alles ist sehr schön. Vielleicht zu schön, um wahr zu sein.

In dem Ort, der wie hingemalt wirkt in die üppige Natur, ereignete sich einst ein Spektakel, das als "Seeschlacht von Mahlendorf" in die Annalen einging. Wer sie begann, ist nicht überliefert. Man kennt jedoch die Namen der Rivalen: Hier der Pfarrer Markus Meckel, letzter Außenminister der DDR und langjähriger Bundestagsabgeordneter der SPD, dort Adolf Heinrich Graf von Arnim. Dieser ist inzwischen tot, aber zumindest damit hat jener nichts zu tun.

Anfang der neunziger Jahre, die DDR war soeben dahingeschieden, kehrte der Graf nach Mahlendorf zurück. Seine Vorfahren hatten sich die Handvoll Häuser und Stallungen einst als Jagdsitz in den Wald pflanzen lassen. Nun plante der Graf, aus dem Taunus kommend, eine Renaissance des Anwesens mit Pferdezucht und Reitstunden, zog ins ehemalige Jagdschloss, kaufte, was zu kaufen war, und bekam im Lauf der Jahre fast das ganze Dorf - bis auf eine Kate. Die bekam Markus Meckel.

Ostbrauch des Nacktbadens geringgeschätzt

Wie aus dem Nichts tauchte der vollbärtige DDR-Abwickler 1996 in Mahlendorf auf. Er brauchte noch einen Wohnsitz in der Uckermark, seinem Wahlkreis. Also mietete sich Meckel in Mahlendorf ein, angeblich sehr zum Verdruss des Grafen. Der soll sich noch gesteigert haben, als Meckel regelmäßig Freunde einlud, um vom gräflichen Bootssteg aus kopfüber in den Küstrinsee zu springen. Und weil der Pfarrer das tat, wie Gott ihn schuf, und der Graf den Ostbrauch des Nacktbadens offenbar geringschätzte, soll es zum Streit gekommen sein.

Böse Worte machten die Runde. Meckel gebärde sich als Großkotz und feiere Orgien, hieß es hüben. Der Graf wähne sich offenbar noch in Feudalzeiten, hieß es drüben. Ein Wort gab das andere und irgendwann reichte es dem Grafen: Er ließ richterlich die Eigentumsverhältnisse klären und erteilte Meckel Hausverbot. Die Schlacht hatte er damit gewonnen. Der Krieg ging erst los.

Und so verzeichnen es die Mahlendorfer Annalen: Einmal soll ein Freund von Meckel gräfliche Obstbäume geköpft haben, um "dem Markus den Blick auf den See freizuhalten". Einmal sollen Unbekannte übelriechende Substanzen in Meckels Golf gekippt haben - da kam sogar das BKA und durchsuchte das Schloss. Einmal soll Meckel die Gräfin geschubst haben. Einmal klebte Hundekot an Meckels Fenster. Ein paar Mal soll jemand dessen Mülltonnen gestürzt haben. Und mehrfach rissen sich die Rivalen gegenseitig Zäune aus dem Boden, den sie für sich beanspruchten.

Bundesweite Beachtung fand schließlich der "Mahlendorfer Zaunlattenstreit". Auslöser war ein Rundholz, das Meckel in seinen Zaun einbaute und von dem die Gräfin behauptete, dass es ihr gehöre. "Sie wissen, dass das Diebstahl ist", schrieb sie in einem Brief an Meckel. Man traf sich wieder einmal vor Gericht. Dort würde man sich vermutlich auch weiter treffen, hätte Meckel 2009 nicht die Nerven verloren. Zermürbt vom Stellungskampf ließ er die Umzugswagen in Mahlendorf vorfahren.

"Eklatante Zunahme von Nachbarschaftsstreitigkeiten"

"Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt", schrieb Friedrich Schiller in seinem "Wilhelm Tell" - was den Verdacht nahelegt, dass es Nachbarschaftsstreitigkeiten bereits seit der Erfindung des Nachbarn gibt. Und doch tut sich seit einigen Jahren Merkwürdiges in Deutschland: Mit sturer Besessenheit, heiligem Zorn und verblüffender Kreativität machen sich Menschen, die Tür an Tür hausen, das Leben zur Hölle. "Aus unserer Sicht gibt es eine eklatante Zunahme von Nachbarschaftsstreitigkeiten", sagt Holger Becker, der Sprecher des Verbandes deutscher Grundstücksnutzer. 9000 bis 10.000-mal pro Jahr zerren sich Nachbarn vor deutsche Gerichte. Das sind 27 Verfahren - pro Tag.

In Sigmaringen trafen sich 2012 zwei Kombattanten vor dem Amtsgericht. Der Beklagte hatte auf seinem Grundstück einen Garagenanbau errichtet, dessen Bodenplatte jedoch einige Zentimeter aufs Nachbaranwesen ragte. Unterirdisch, wohlgemerkt. Prompt verklagte ihn seine Nachbarin darauf, die überzähligen Zentimeter zu entfernen, zugleich untersagte sie ihm jedoch, zu diesem Zweck ihr Grundstück zu betreten.

Blöderweise wären die nötigen Arbeiten aber nur von dort aus durchzuführen - es sei denn, man reißt große Teile des Anbaus wieder ab. Bei den Streitparteien handelte es sich übrigens um Bruder und Schwester.

Zettel am Katzenfell: "Bin baden!"

Zwei Drittel der Deutschen würden sich, wenn sie könnten, andere Nachbarn wählen. Jeder Dritte gibt in Umfragen an, mit dem Depp von nebenan schon einmal Streit gehabt zu haben. Zuweilen werden dabei die niedersten Instinkte geweckt - vor allem, wenn es um Tiere geht.

Aus Thüringen etwa ist ein Fall verbürgt, in dem ein Mann von der Nachbarskatze derart in Rage gebracht wurde, dass er sie kurzerhand entführte. Tags darauf fand die Besitzerin zumindest das Fell des Schmusetiers wieder. Es hing an ihrem Gartenzaun, zusammen mit einem Zettel und der Aufschrift "Bin baden!". Bei der Polizei hören sie gar nicht mehr auf, sich über Fälle wie diese zu wundern.

"Wir hatten schon Hochzeitsfeiern, wo wir mit zehn, zwölf Streifenwagen ausrücken mussten", sagt Wolfgang Liebrecht, der ehemalige Leiter des Kommissariats Kriminalprävention in Wuppertal. Es werde nicht mehr lange dauern, "bis wir bei jedem größeren Geburtstag dabei sein müssen".

Seit zwei Jahren ist der Kommissar pensioniert. Über die Ursachen des unheilvollen Trends aber grübelt er bis heute. Früher, sagt Liebrecht, hätten die meisten gewusst, was sich gehört und was nicht. "Darauf konnte jeder Polizist genauso bauen wie jeder andere in der Gesellschaft auch. Das kann man heute nicht mehr."


Der Text ist ein gekürztes Kapitel aus dem Buch "Die Rüpel-Republik" von SPIEGEL-Redakteur Jörg Schindler, das nun auch als Taschenbuch erhältlich ist.

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