"Tote Hosen"-Gitarrist über Posträuber Biggs "Für einen blöden Spruch war er immer zu haben"

Kaum ein Verbrecher war so populär wie der nun verstorbene Ronnie Biggs. Die Toten Hosen nahmen mit dem Posträuber sogar einen Song auf. Im Interview erinnert sich Gitarrist Breiti an seine Freundschaft mit Biggs und erklärt, wie dieser zum Hassobjekt der Obrigkeit wurde.

Fryderyk Gabowicz

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Am Ende des Musikvideos richtet der Mann mit dem T-Shirt und der Baseballmütze einen Gruß an die "Punkfolks" in Deutschland. Er schenkt sich ein Bier ein und nimmt einen großen Schluck auf die Gesundheit. "Einen schönen Tag noch", sagt Ronald Biggs, einer der Täter beim größten Coup der britischen Kriminalgeschichte, dem Postraub vom 8. August 1963.

Die Bierszene stammt aus dem Video zum Song "Carnival in Rio", den die "Toten Hosen" 1991 mit Biggs in Rio de Janeiro aufgenommen haben. Dort war der Brite nach seiner Flucht über Paris und Australien gestrandet und durch die Vermarktung seiner Geschichte zu einer Räuberikone geworden.

Am Mittwoch ist Biggs im Alter von 84 Jahren in London gestorben. Einer, der über Jahre engen Kontakt zu ihm hatte, war Michael "Breiti" Breitkopf, der Gitarrist der Toten Hosen.

Im Interview erinnert er sich an seine gemeinsamen Erlebnisse mit dem Posträuber:

Zur Person
  • Getty Images
    Michael "Breiti" Breitkopf, Jahrgang 1964, ist Gitarrist der Band Die Toten Hosen. Wenn er nicht auf der Bühne steht, verschwendet er seine Zeit nach eigener Auskunft am liebsten damit, sich überall auf der Welt Fußballspiele anzusehen, "egal ob erste, zweite oder dritte Liga".
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ronald Biggs damals kennengelernt?

Breiti: Für unser Album "Learning English" wollten wir Lieder, die uns geprägt haben, mit den Autoren gemeinsam aufnehmen. Zum Beispiel "If the Kids are United" mit Jimmy Pursey oder "Blitzkrieg Bob" mit Joey Ramone. Weil Ronnie Biggs schon mal mit den Sex Pistols aufgenommen hatte, dachten wir: Das wäre die Sahne auf dem Kuchen, wenn er mitmachen würde. Ronnie war anfangs skeptisch, weil er in seinem Leben oft genug über den Tisch gezogen worden ist. Aber direkt am ersten Abend sind wir derartig zusammen abgestürzt, dass eine lebenslange Freundschaft entstanden ist.

SPIEGEL ONLINE: Wo lag die Verbindung zwischen Ronnie Biggs und Punkmusik?

Breiti: Sein Umgang mit Autoritäten. Und der Wille, sich einen eigenen Weg zu suchen - unabhängig davon, was jemand versucht, einem vorzuschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich dann regelmäßig getroffen?

Breiti: Ich war schon zuvor oft in Brasilien und hatte gute Freunde in Rio. Es war völlig klar, dass ich bei meinen Besuchen viel Zeit mit ihm verbringen würde - er war ja auch fast immer zu Hause.

SPIEGEL ONLINE: Ein Teil der Bevölkerung verehrte Biggs als Rebellen, ein anderer hielt ihn für einen Gesetzlosen, der den Staat verhöhnte. Wer war er denn in Ihren Augen?

Breiti: Er hatte mehrere Facetten. Dass er zu so einem Symbol geworden ist und zu einem Hassobjekt für die britische Obrigkeit, lag auch an den Umständen. Er durfte in Brasilien nicht arbeiten. Seine Chance, legal Geld zu verdienen, war es, seine Geschichte zu verkaufen. Das brachte viel Öffentlichkeit mit sich, sah aber so aus, als ob er die britischen Autoritäten extra herausfordern würde. Wobei er die andere Ader natürlich auch hatte: Für einen blöden Spruch war er immer zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Was war er für ein Mensch?

Breiti: Er hatte das seltene Talent, mit jedem auf der Welt sofort eine interessante Unterhaltung führen zu können. Er war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Und er hatte eine sehr große Weisheit. Seine Lebenserfahrung war durch viele Extremsituationen geprägt. Wie er das verarbeitet hat, fand ich sehr beeindruckend. Deshalb war es für mich immer faszinierend, mit ihm reden zu können.

Ronald Biggs wurde wenige Wochen nach dem Postraub verhaftet und schließlich zu 30 Jahren Haft verurteilt. Er brach aus dem Gefängnis aus, unterzog sich in Paris einer Gesichts-OP, floh unter falschen Namen nach Australien. Die Polizei blieb ihm auf der Spur, nur knapp konnte er ein zweites Mal entkommen, diesmal nach Brasilien. Seine Familie musste er zurücklassen. In Rio de Janeiro schnappte ihn ein britischer Ermittler, doch Biggs wurde nicht ausgeliefert, weil eine Brasilianerin ein Kind von ihm erwartete. 1981 entführten ihn britische Söldner nach Barbados, um ihn gegen eine Belohnung der Polizei in der Heimat zu übergeben. Auch diesmal kam er davon: Ein Gericht in dem Karibikstaat verhinderte die Auslieferung erneut, er durfte nach Brasilien zurückkehren.

SPIEGEL ONLINE: Die Abenteuer von Ronald Biggs würden locker für mehrere Leben reichen.

Breiti: Wer da auch alles den Kontakt gesucht hat! Echt schräge Vögel wurden von seiner Geschichte angezogen. Bei manchen seiner Partys waren schon ein paar hundert Jahre Knast am Start. Wie er mit denen umgegangen ist und trotzdem als Autorität anerkannt wurde, das fand ich schon sehr beeindruckend. Er musste sich überhaupt nicht in den Vordergrund spielen und sagen "Ich bin der Schlaueste, ich bin der Härteste". Er hatte einfach eine natürliche Autorität, die von jedem anerkannt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Als es ihm gesundheitlich schlechter ging, kam er 2001 nach England zurück und wurde gleich festgenommen.

Breiti: Ich habe ihn mehrfach in London im Gefängnis besucht. Wir mussten uns in einem Besucherraum für besonders gefährliche Gefangene treffen. Das war totaler Hohn, weil er nach mehreren Schlaganfällen nicht mehr eigenständig laufen konnte.

SPIEGEL ONLINE: 2009 wurde Biggs nach acht Jahren in Haft begnadigt. Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?

Breiti: Vor zwei Jahren, bei der Vorstellung seiner Biografie. Er konnte nicht mehr richtig sprechen. Die Kommunikation ging aber trotzdem noch ganz gut, indem er auf ein Blatt mit Buchstaben gedeutet hat. Er trug einen 1-a-Anzug und einen Arsenal-Schal. Bis zum Schluss hatte er seinen Humor nicht verloren.



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