SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

17. Mai 2019, 19:35 Uhr

Guerilla-Plakate

Künstlerkollektive äußern sich zu Anti-Nazi-Aktion in BVB-Optik

"Lieber Schalkesieg als Nazikiez": Plakate in BVB-Optik warben für den Kampf gegen Rechtsextremismus. Der Verein hatte damit aber nichts zu tun - in einem Schreiben erläutern zwei Künstlerkollektive die Aktion.

Selten gab es von einem Bundesligaverein ein klareres Bekenntnis gegen Rechtsextremismus. Als sich die Fans von Borussia Dortmund am vergangenen Spieltag auf den Weg zur Partie gegen Fortuna Düsseldorf machten, hingen in der Stadt Plakate.

Und immer waren die Hashtags #echteliebestattrechtetriebe und #nazisraus zugeordnet, sowie das Logo der Nazi-Aussteigerhilfe Exit und des Bundesfamilienministeriums.

Seither wurde gerätselt, wer hinter der Aktion steckt. Borussia Dortmund erklärte umgehend, nichts damit zu tun zu haben - weder Spieler noch Trainer hatten sich geäußert. Man stehe für den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung, sei aber nicht Urheber der Plakate.

"Schockiert, wie frei sich der Rechtsradikalismus in der Stadt bewegen kann"

Auch Exit dementierte öffentlich: "Wir sind nicht der Urheber dieser Plakate, noch wurde eine Nutzung des Logos durch uns autorisiert." Und die Wall GmbH, Besitzer der Werbevitrinen, erstattete Anzeige. Zwar habe es keine erheblichen Schäden gegeben. Aber die Schaukästen seien unrechtmäßig geöffnet und bestückt worden. Der Staatsschutz nahm Ermittlungen auf, wegen Verdachts des Verstoßes gegen das Kunsturhebergesetz sowie des Verdachts der Sachbeschädigung.

Zudem entbrannte eine Debatte, ob es in Ordnung und klug sei, Borussia Dortmund für eine derartige Aktion zu kapern. Die Künstlerkollektive "Rocco und seine Brüder" und "Modus" dürften das entschieden bejahen. Sie haben sich dazu bekannt, die Plakate in BVB-Optik in Vitrinen platziert und auf Plakatwände geklebt zu haben.

In einer Bekennermail, die an den SPIEGEL ging, erklären sie ihre Motive. Wer hinter den Kollektiven steht, bleibt unklar. Weitere Informationen - etwa ein Video und weiteres Bildmaterial von der Aktion, das der SPIEGEL einsehen konnte - lassen die Urheberschaft plausibel erscheinen. Eine Polizeisprecherin sagte, es werde geprüft, ob die Gruppe und die Künstler für die Aktion verantwortlich seien.

Man wolle auf künstlerische Art und Weise auf verschiedene Missstände aufmerksam machen, heißt es in dem Schreiben. In Dortmund sehen die Aktivisten ein massives Problem: "Wir sind schockiert, wie frei sich der Rechtsradikalismus in der Stadt bewegen kann."

Sie stellen klar, dass der BVB nicht Ziel ihrer Kritik sei. Man habe die Präsenz des Vereins in der Stadt genutzt, um die Botschaft zu verbreiten. Man müsse kalkulieren, wie sich möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen lasse. "Letztlich war der BVB in diesem Fall, wenn auch unfreiwillig, unser Sprachrohr." In einer Stadt wie Dortmund, "in der das Thema Fußball fast schon manische Präsenz hat, war es nur logisch so einen Weg zu wählen".

Konkret will die Aktion den Aktivisten zufolge auf die Zustände im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld aufmerksam machen. Überall in Dorstfeld seien Reichsflaggen, Nazigraffitis, Nazibanner an Balkonen. "Und das ist kein neues Phänomen. Die fühlen sich Pudelwohl in ihrer Rolle. In ihrer autarken Nazikommune, in Ruhe gelassen von Staat und Polizei", heißt es in dem Schreiben.

(Lesen Sie auch eine SPIEGEL-Reportage aus Dorstfeld: Wie Neonazis in Dortmund ungestört leben können)

Die Aktivisten gehen indirekt auch auf den Vorwurf ein, selbst Straftaten begangen zu haben, indem sie Reaktion der Behörden auf die Aktion den Maßnahmen gegen Rechtsextremismus gegenüberstellen. Bei den gefälschten BVB-Plakaten ermittle der Staatsschutz, während rechte Parteien und Neonazis ihre Gesinnung offen zur Schau tragen könnten: "Das ist symptomatisch für die Stadt."

red

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung