Plakataktion in Dortmund Wer schob dem BVB die Anti-Nazi-Kampagne unter?

Freche Plakate sorgen in Dortmund für Aufregung - prominente BVB-Spieler beziehen darauf Stellung gegen Nazis. Das Problem: Sie haben mit der Sache nichts zu tun.

Untergeschobene Anti-Nazi-Kampagne
T. Burchhardt

Untergeschobene Anti-Nazi-Kampagne

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Dortmund Dorstfeld gilt als Hochburg rechtsradikaler Gruppen im westlichen Teil Deutschlands, das hat den Ruf des Stadtteils gründlich lädiert. Nun hat eine freche Plakataktion Dorstfeld einmal mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.

Wahrscheinlich in der Nacht zum Samstag hängten Unbekannte an mehreren Orten im Dortmunder Stadtgebiet Plakate in Außenwerbungs-Schaukästen auf. Ein BVB-Fan, der Fotos der Plakate machte, berichtet im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE von mindestens vier Motiven: "Ich habe auf dem Weg zum Stadion in der Nähe des Dorint-Hotels zwei Werbeaufsteller gesehen. Die hatten vorn und hinten jeweils ein unterschiedliches Motiv und waren sehr professionell produziert. Sahen absolut echt aus."

Die Poster zeigten prominente Spieler des BVB und waren weitgehend in dessen Vereinsfarben gehalten. Die Botschaften der Plakate variierten, lassen sich aber auf eine Grundbotschaft kondensieren: Nazis raus aus Dorstfeld.

Daran haben nicht zuletzt die Einwohner des Stadtteils, die nicht mit rechten Szene sympathisieren, ein echtes Interesse. Dass Dorstfeld allerdings auf diese Weise in den Mittelpunkt der Kampagne gerückt wird, gefällt nicht allen. "Ist es tatsächlich sinnvoll, den Stadtteil Dortmund-Dorstfeld in Gänze so zu diffamieren?" fragt der Journalist Robin Patzwaldt im Ruhrgebiets-Blog Ruhrbarone: "Ist es clever, den Kampf gegen rechts auf diese Art und Weise zu führen?"

Fragen, mit denen sich schnell auch die vermeintlichen Urheber der Kampagne konfrontiert sahen: Die Vereinsführung von Borussia Dortmund, die Nazi-Aussteigerorganisation Exit und das Bundesfamilienministerium. Alle drei dementierten jedoch bald, irgendetwas mit der Aktion zu tun zu haben.

Schräg: Dementis, gegen rechts plakatiert zu haben

Der BVB ging mit seinen Dementis offensiv an die Öffentlichkeit: "Borussia Dortmund steht für den Kampf gegen Rassismus und distanziert sich klar von jeglicher Form von Diskriminierung", ließ der Verein per Twitter wissen. "Der BVB ist aber nicht Urheber der sich zurzeit im Umlauf befindlichen Plakate." BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bezeichnete die Plakate als "Fake": "Wir haben nichts damit zu tun!"

Fanden viele Fans gut und witzig: Gefälschte BVB-Anti-Nazi-Plakate
Stephan Schütze/ DPA

Fanden viele Fans gut und witzig: Gefälschte BVB-Anti-Nazi-Plakate

Was bei den Fans gar nicht so gut ankam: Die meisten, die bei Twitter auf das Dementi antworteten, äußerten sich beifällig zu der Plakataktion: "Schade eigentlich", hieß es da. Oder "Selbst wenn ihr nicht die Urheber seid, hoffe ich doch, dass ihr keine rechtlichen Schritte einleiten werdet!"

Auch die Organisation Exit, die Rechtsradikalen beim Ausstieg aus ihrer Szene hilft, dementierte öffentlich: "Wir sind nicht der Urheber dieser Plakate, noch wurde eine Nutzung des Logos durch uns autorisiert."

Und das bestätigt auch der Besitzer der Außenwerbungskästen, die Wall GmbH. Der Außenwerber erstattete Anzeige: "Wir haben am Samstag den Hinweis auf die Plakate erhalten und sofort geprüft, ob sie von einem unserer Kunden stammen. Das war nicht der Fall", sagte Unternehmenssprecherin Frauke Bank der Nachrichtenagentur dpa. Die Werbevitrinen seien unrechtmäßig geöffnet und bestückt worden. Allerdings habe es keine erheblichen Beschädigungen gegeben. "Eine illegale Nutzung unserer Anlagen kommt öfter vor. Ungewöhnlich sind hier die vielen offenbar gefakten Logos."

Applaus gab es im Netz auch von Schalke-Fans
Stephan Schütze/ DPA

Applaus gab es im Netz auch von Schalke-Fans

Will sagen: die Professionalität der Präsentation. Die Aktion wirkt wie aus dem Handbuch der Spaß-Guerilla inspiriert: Slogans wie "Lieber Schalkesieg als Nazikiez", Marco Reus zugeschrieben, testen aus Dortmunder Perspektive die Grenzen des Humors sehr gründlich aus. Auch das Mario Götze zugeschriebene "Lieber die Meisterschaft an Bayern verlieren als Dorstfeld an die Nazis" mag kernig klingen. So mancher BVB-Fan mag sich da aber auch provoziert fühlen.

Für den Fußballverein wie für die Nazi-Aussteigerorganisation ist es eine sehr schräge Situation, sich gegen eine Plakataktion stellen zu müssen, deren Botschaften man prinzipiell vielleicht eher unterstützt, wenn auch nicht auf solche Weise. Das eine hat mit dem anderen jedoch wenig zu tun: Die Plakate stellen in mehrfacher Hinsicht eine Verletzung von Urheber-, Persönlichkeits-, Eigentums- und Markenrechten dar.

So sorgt die Plakataktion für reichlich gemischte Gefühle bei allen Beteiligten, genauer gesagt Hineingezogenen. Die Polizei hat Ermittlungen gegen unbekannt aufgenommen.


Lesen Sie auch eine SPIEGEL-Reportage aus Dorstfeld: Wie Neonazis in Dortmund ungestört leben können

Mit Material der dpa



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