Corona-Regeln in Düsseldorf Innehalten ist nicht erlaubt

Weil zu viele Menschen in Düsseldorf spazieren und die Sonne genießen wollten, geht die Stadt nun hart gegen stillstehende Flaneure vor. Wer gegen die Corona-Regeln verstößt, kriegt eine klare Ansage: weitergehen!
Von Christian Parth, Düsseldorf
Bitte gehen Sie weiter: In Düsseldorf darf man wegen der Corona-Pandemie nicht mehr einfach anhalten, wo man will

Bitte gehen Sie weiter: In Düsseldorf darf man wegen der Corona-Pandemie nicht mehr einfach anhalten, wo man will

Foto: Peter Schickert / picture alliance / Peter Schickert

Die Sonne steht hoch über der Düsseldorfer Altstadt. Am Rheinufer flanieren einige Hundert Menschen mit Gesichtsmasken, Möwen segeln am blauen Himmel, fast geräuschlos schippern Frachtschiffe den Fluss auf und ab.

Einige Passanten setzen sich auf Bänke oder lehnen sich an die Brüstung und lassen ihren Blick über das funkelnde Wasser schweifen. Es ist ein friedlicher Samstagnachmittag, ein Tag des Müßiggangs, des Innehaltens. Das Problem: Innehalten ist nicht erlaubt.

»Die Ordnungsbehörde und die Polizei überwachen die Einhaltung der Vorgaben«

Lautsprecherdurchsagen dröhnen aus einem Kastenwagen des Ordnungsamts. Es gelte ein »Verweilverbot«, sagt die strenge Männerstimme. »Die Ordnungsbehörde und die Polizei überwachen die Einhaltung der Vorgaben.« Zuwiderhandlungen würden als Ordnungswidrigkeit verfolgt. Mit anderen Worten: Wer sich hinsetzt, um sein Eis zu essen, wer einfach mal stehen bleibt, um den Ausblick auf die Skyline zu genießen, riskiert ein Knöllchen in Höhe von 50 Euro.

Zahlreiche Polizisten und Mitarbeiter des Ordnungsamts patrouillieren durch die Verbotszone. »Lass uns hier mal kurz stehen bleiben«, bittet ein greiser Mann im Rollstuhl. »Das dürfen wir doch heute nicht«, antwortet sein Begleiter und schiebt ihn weiter die Promenade entlang. 300 Schilder hat die Stadt Düsseldorf in der Altstadt und am Rheinufer aufstellen lassen. »Verweilverbotszone«, steht darauf in weißer Schrift auf alarmrotem Grund. Und: »Bitte gehen Sie weiter!« Fehlt nur der Zusatz: »Hier gibt es nichts zu sehen.«

Das Verbot, das noch bis zum 14. März in Kraft bleibt, ist die Reaktion der NRW-Landeshauptstadt auf das vergangene Wochenende, als Tausende Menschen mitunter dicht gedrängt am Rheinufer spazieren gingen.

In Düsseldorf nicht erwünscht: Menschenmassen in Zeiten der Pandemie

In Düsseldorf nicht erwünscht: Menschenmassen in Zeiten der Pandemie

Foto: Federico Gambarini / dpa

Die Maßnahmen seien wichtig, um den »Menschen zu helfen, die gebotenen Corona-Schutzregeln besser einzuhalten«, sagte CDU-Oberbürgermeister Stephan Keller. Ein Bürger versuchte noch per Klage, die Verfügung kurzfristig abzuwenden. Am Freitagnachmittag hat das Verwaltungsgericht den Antrag per Eilentscheid abgewiesen. Die Begründung: Die Gesundheit der Bevölkerung sei wichtiger als die privaten Interessen des Antragstellers.

Jagdszenen in Hamburg

Während die Behörden am Wochenende in Düsseldorf gegen Sitzenbleiber vorgehen, ließen auch andere Städte Beamte ausschwärmen, um die Einhaltung der verschärften Maskenpflicht im Freien zu kontrollieren. In Hamburg etwa stieg am Samstag ein Polizeihubschrauber auf, um über dem Alsterpark eventuelle Ansammlungen zu beobachten.

Am Freitag war es in der Hansestadt zu einer wilden Verfolgungsjagd gekommen. Ein junger Mann hatte vor den Augen einer Polizeistreife seine Freunde umarmt. Als die Beamten ihn kontrollieren wollten, flüchtete er. Die Polizisten rasten in ihrem Auto hinterher und – so zeigt es das Handyvideo eines Passanten – überfuhren ihn beinahe.

In Düsseldorf hat das Verbot Wirkung gezeigt. Es sind weniger Menschen unterwegs als eine Woche zuvor. Doch das Verständnis für die Maßnahmen scheint dramatisch zu sinken. Auch im Netz wird gespottet. Der Hashtag »Verweilverbot« trendete auch noch am Sonntag. »Selbst bei denjenigen, die bereit sind, die meisten Schritte mitzugehen, wird eine Grenze überschritten«, sagt eine junge Mutter, die sich mit ihrem Kind auf dem Schoß auf einer Bank niedergelassen hat.

»Heute belassen wir es bei Ermahnungen«

Sehr lange sitzt sie dort nicht. Ein zweiköpfiges Team des Ordnungsamts bittet die Frau höflich, weiterzugehen. »Heute belassen wir es bei Ermahnungen«, sagt die Frau vom Ordnungsamt. Nur wer sich widerspenstig zeige, müsse zahlen. Die Mutter steht auf und sagt: »Dann hören wir jetzt besser auf zu verweilen.« Der Fünfjährige fragt: »Kriegen wir jetzt Ärger?«

Auf der Bank nebenan hat eine vierköpfige Familie ihre Fastfood-Tüte geöffnet. Auch sie wird ermahnt. Essen ohne Maske sei in Ordnung, aber eben nur im Gehen, sagen die Kontrolleure. Die Familie steht auf, wartet, bis die Einsatzkräfte weitergehen, und setzt sich wieder. So etwas ist an diesem Samstag häufig zu beobachten. Man habe gegen einige renitente Leute Bußgelder verhängt, sagt ein Stadtsprecher am Sonntag.

»Die Politik muss schon aufpassen, dass man den sozialen Frieden nicht zerstört«

Egal mit wem man an diesem Tag spricht, der Grundton ist fast immer derselbe: Verweilverbot, das geht jetzt doch zu weit. »Die Politik muss schon aufpassen, dass man den sozialen Frieden nicht zerstört«, sagt Thomas, 43. Er ist aus Wuppertal nach Düsseldorf gereist. Vom Verweilverbot wusste er nichts. »Die Leute fahren Bus und Bahn, gehen einkaufen, Grundschüler werden in geschlossenen Räumen unterrichtet, aber Menschen, die einfach mal etwas frische Luft schnappen wollen, werden gejagt. Wer soll das noch verstehen?« Er zeigt rüber auf die Wiesen auf der anderen Rheinseite. »Da gehe ich jetzt hin. Da kontrolliert niemand.«

In einer Seitengasse steht Detlef Kaatz im Schankraum der Hausbrauerei »Uerige«, die Altbier in Flaschen für das Trinken im Gehen verkauft. Der Gastronomieleiter ist sauer. »Das Verweilverbot ist absolut hohl«, poltert er. Der Andrang vor einer Woche sei mit Ansage passiert. Man hätte das mit einer Einbahnstraßenlösung für Fußgänger auffangen können. »Die Stadt hat ihre Konzeptlosigkeit mit Notmaßnahmen gekontert.« Wirtschaftlich sei das für alle Gastronomen eine Katastrophe.

Aber es gibt auch noch jene, die hinter den Maßnahmen stehen. »Viele Menschen sind einfach unbelehrbar«, sagt eine 61 Jahre alte Frau, die mit ihrem Mann unterwegs ist. »Die Politik wird doch gezwungen, genau solche Regeln durchzusetzen.« Dann bleiben die beiden doch kurz stehen. Die Frau schaut verstohlen nach links und rechts. Keine Ordnungshüter. Eilig setzt sie ihren Mann vor der Rheinkulisse in Pose, zückt das Handy und macht ein Foto.

»Warteschlangen sind vom Verweilverbot ausgenommen«

Wieder hallt die Lautsprecheransage von den Einsatzfahrzeugen herüber: Die Maßnahmen seien einzuhalten zum Schutz vor einer Infektion mit dem »sogenannten Coronavirus«. Eine Formulierung, die fast so klingt, als würde man selbst an der Existenz zweifeln. Den Querdenkern jedenfalls dürfte das gefallen.

Zwei Dutzend von ihnen haben sich zu einer Demo am Rande der Verbotszone auf dem Johannes-Rau-Platz versammelt. Sie tragen Masken mit der Aufschrift »Merkel muss weg« und Plakate mit eigenwilligen Slogans. Obwohl sie noch nicht einmal begonnen hat, steht die Demo vor dem Abbruch. Die Veranstalter können nicht genug Ordner vorweisen, die eine Maske tragen wollen.

Gleich nebenan will Fadime Spyra ihre Bar für den Straßenverkauf öffnen. Aber erst mal läuft sie zu einer Gruppe von Ordnungshütern. Ob sie denn überhaupt öffnen dürfe, schließlich könnten sich Warteschlangen bilden? Ein Beamter kann sie beruhigen: »Warteschlangen sind vom Verweilverbot ausgenommen.«

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