Ehrenamt-Atlas Wo sich Deutschland engagiert

Wer hilft wie viel? Mit viel Aufwand ist zum ersten Mal untersucht worden, in welchen Regionen sich die Deutschen besonders stark in Ehrenämtern engagieren. Ausgesprochen aktiv sind die Menschen demnach in Osthessen, Lüneburg und Franken - ganz anders sieht es in der Hauptstadt aus.

Hamburg - Was das freiwillige Engagement in Sportvereinen, Jugendarbeit, Umweltverbänden oder den Kirchen anbelangt, ist Deutschland zweigeteilt. Während sich in den südlichen Bundesländern und den ländlichen Regionen im Westen fast die Hälfte der Bevölkerung engagiert, sind es in Berlin und der Uckermark nur ein Fünftel aller Bürger.

Zum ersten Mal hat ein "Engagementatlas" der Prognos AG nun auch den volkswirtschaftlichen Nutzen der ehrenamtlichen Arbeit ermittelt. Die 16,2 Stunden, die in Deutschland monatlich und durchschnittlich geleistet werden, entsprechen demnach rund 3,2 Millionen Vollarbeitsstellen und damit bei einem Stundenlohn von 7,50 Euro einem Arbeitswert von 35 Milliarden Euro. Bundesweit sind immerhin ein Drittel aller Einwohner über 16 Jahren "bürgerschaftlich" engagiert.

Insbesondere in ländlichen Gegenden mit einer relativ großen Zahl von Familien ist das Engagement überdurchschnittlich hoch. In den Metropolen wie Hamburg, Berlin oder Köln drücken hingegen die vielen Single-Haushalte sowie eine geringere Bindung an Religionsgemeinschaften die Quote.

"Gleichwohl haben wir natürlich auch in den Ballungsräumen ein vielfältiges freiwilliges Engagement und Mäzenatentum", sagt Studienleiter Loring Sittler vom Versicherungskonzern AMB Generali, der die Untersuchung in Auftrag gab. Dazu wurden flächendeckend die Daten aus 439 Landkreisen und kreisfreien Städte ausgewertet und 44.000 Interviews geführt.

Demzufolge findet in Deutschland nach der Wiedervereinigung und dem Rückzug des Sozialstaates eine "Renaissance" der gemeinnützigen Arbeit und des Engagements in Vereinen statt. Allerdings sei eine Abkehr von dauerhaft etablierten Großorganisationen wie Parteien und Gewerkschaften zu verzeichnen, während "projektbezogene Ein-Zweck-Initiativen" vor Ort mehr Zulauf erhielten - auch um eigene politische Ziele durchzusetzen.

Dabei sind im Bereich Politik, Altenarbeit sowie Umwelt- und Tierschutz nur rund fünf Prozent der Bevölkerung engagiert. Sport, Feuerwehr, Jugendarbeit oder Kirchen bilden hingegen die Schwerpunkte des freiwilligen Engagements.

Ähnlich wie schon im 7. Familienbericht der Bundesregierung erwähnt und von der Enquetekommission zum Bürgerschaftlichen Engagement beschrieben, stellt auch die neue Studie fest, dass mit dem Abbau des "Wohlfahrtstaates" die Freiräume für bürgerschaftliches Mitmachen wachsen.

Erstaunlich ist nur, dass ausgerechnet die ältere Generation mit mehr Zeit und Lebenserfahrung in dem Engagementatlas auf den hinteren Plätzen landet. So engagieren sich von den Über-55-Jährigen nur 26 Prozent für das Gemeinwohl, bei den 30- bis 55-Jährigen sind es immerhin 34 Prozent.

Da angesichts des demografischen Wandels die Älteren an Bedeutung gewinnen werden, will ein "Zukunftsfonds" der Generali-Holding AG bei "nicht ausreichenden und stark strapazierten sozialen Sicherungssystemen" die Eigenverantwortung der Senioren stärken.

Für den Generali-Vorstandssprecher Dietmar Meister ist "das Engagementpotential der Älteren derzeit bei weitem noch nicht ausgeschöpft". Im internationalen Vergleich mit anderen westlichen Demokratien, so die Studie, sei die "Bürgergesellschaft in Deutschland relativ schwach entwickelt".