Ehrenmord an Morsal O. "Was hat ihn nur so weit gebracht?"

Mehr als 20 Mal stach Ahmad O. auf seine Schwester ein - weil sie nicht nach seinen Vorstellungen lebte. Die Frauenrechtlerin Seyran Ates fordert jetzt, die deutsche Gesellschaft müsse vehement gegen solche Ehrenmorde vorgehen: "Ein Mädchen ist keine Hure, wenn sie ausgeht."

Hamburg - Morsal war 16, ein lebenslustiges Mädchen. Sie hat viel gelacht, galt als engagiert. Sie war eine gute Schülerin, hatte viele Ambitionen - und noch viel vor in ihrem Leben. Doch in der Nacht zum vergangenen Freitag wurde Morsal getötet. Mehr als 20 Mal stach ihr Bruder Ahmad mit einem Messer auf sie ein - unter einem Vorwand und mit Hilfe eines Cousins hatte er seine Schwester zu einem Parkplatz in der Nähe eines U-Bahnhofes gelockt.

Unter vier Augen hätte sich Morsal wohl nicht abends mit Ahmad getroffen: Die beiden sprachen schon seit geraumer Zeit nicht mehr miteinander, immer wieder hatte Ahmad seine Schwester bedroht, zuletzt hatte sie Zuflucht in einer Einrichtung der Hamburger Kinder- und Jugendhilfe gesucht.

Mehr als eine Stunde kämpften die Notärzte in der Nacht um Morsals Leben. Vergeblich. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Eltern des Mädchens eilten zum Tatort, doch sie durften ihrer Tochter nicht beistehen, weil sie in dem Trubel ihre Personalausweise zu Hause vergessen hatten.

Morsal starb allein.

"Meine Schwestern sind meine Sterne" - sagte er nach der Tat

"Vielleicht hat er es aus Liebe getan", sagt Morsals Cousine Mujda, wenn man sie fragt, warum Ahmad in jener Nacht auf seine Schwester eingestochen hat. Mujda O. hat SPIEGEL TV nach der Tat ein ausführliches Interview gegeben, über die Tat und mögliche Motive ihres Cousins geredet. "Wir haben ja noch mit ihm gesprochen und er hat gesagt: 'Meine Schwestern sind meine Sterne.' Bevor seiner Schwester etwas passiert, sollte sie lieber weg sein. Der letzte Satz, den wir von ihm gehört haben, war, dass er seine Schwester geliebt hat." Seine Schwester Morsal, auf die er einstach, obwohl sie schrie, um Hilfe flehte.

Es war nicht das erste Mal, dass Ahmad wegen seiner Gewalttätigkeit auffiel: Bei der Polizei war er als Intensivtäter bekannt, immer wieder kam es zu Schlägereien, Messerstechereien. Auch Morsal hatte ihren Bruder schon bei der Polizei angezeigt, die Anzeige aber wieder zurückgezogen.

Morsal selbst habe "einfach mehr Freiheiten haben wollen", sagt ihre Cousine im Interview und ihr Blick geht ins Leere. Morsal habe ihr eigenes Leben führen wollen und nicht das, was ihre Eltern für sie vorgesehen hatten. "Sie hat eigentlich sehr viel Freiheit bekommen, meiner Meinung nach. Sie hat sich Piercings machen lassen, beispielsweise. Die Eltern haben nichts dazu gesagt. Sie konnte anziehen, was sie wollte - aber eben nicht in einem Minirock zur Schule gehen."

"Jetzt reicht es. Das ist unsere Tochter" - sagten die Eltern

Morsal hat versucht, ihre Grenzen auszutesten - die waren zu Hause teilweise sehr eng. Für Morsal waren sie zu eng. Auch wenn sich die 16-Jährige wie ein westliches Mädchen kleidete, mit engen Jeans und bunten Shirts.

Immer wieder gibt es Streit, weil sie sich zu stark schminkt, abends nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause kommt, sich im Zimmer einschließt, zu wenig für die Schule lernt, die falschen Freunde hat. Ahmad sieht sich in der Pflicht, auf seine jüngere Schwester aufzupassen. Er kontrolliert und beobachtet Morsal. Er habe sich Sorgen gemacht, sagt die Cousine. Kann er selbst kein Auge auf Morsal richten, sorgt ein anderes Mitglied der Großfamilie dafür, dass ihr Verhalten nicht unbeobachtet bleibt. Cousins, Großcousins, Onkel und Tanten, das Netz ist eng - und es ist groß.

Doch Morsal wehrt sich gegen die Enge. Sie schafft es, dass Ahmad kaum noch in ihre Nähe kommen darf, spricht nicht mehr mit ihm. "Er hat es jedes Mal wieder versucht und ist gescheitert. Auch weil die Eltern irgendwann eingegriffen und gesagt haben, 'Jetzt reicht es, das ist unsere Tochter'", sagt die Cousine im Interview.

Doch der Ärger reißt nicht ab, Morsal zieht schließlich in eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Ihr Lebensstil, ihre Vorstellungen von Freiheit und Selbstbestimmung sind mit den Vorstellungen ihrer Familie nicht vereinbar. Ahmad seien die Traditionen sehr wichtig gewesen, er habe nicht gewollt, dass Morsal von morgens bis abends unterwegs ist, sagt die Cousine. "Er hat sich Sorgen gemacht, wenn er nicht wusste, wo seine Schwester ist. Er wollte nicht um ein Uhr nachts einen Anruf bekommen und hören, seine Schwester liege verprügelt auf der Straße. Mit so etwas hat er gerechnet", versucht sie zu erklären, was auch sie so recht nicht verstehen kann.

"Ich hasse ihn", sagt Ahmads Mutter

Laut einer Uno-Studie werden jährlich rund 5000 Frauen weltweit Opfer von "Ehrenmorden", die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher liegen. Von Januar 1996 bis Juli 2005 sind allein in Deutschland 55 Ehrenmorde polizeilich bekannt geworden. Die Erfassung des Verbrechens ist schwierig: es gibt keine polizeiliche Definition.

Ehrenmorde in Deutschland

"Wir müssen aufhören, von 'sogenannten Ehrenmorden' zu sprechen", sagt die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates SPIEGEL ONLINE. "Die gibt es nicht. Es sind nicht 'sogenannte' Ehrenmorde, sondern schlicht und einfach Ehrenmorde. Dieser Ehrbegriff fußt auf der sexuellen Nicht-Selbstbestimmung der Frau. Das bedeutet: kein Sex vor der Ehe, kein Freund." Wenn sich ein Mädchen oder eine junge Frau nicht daran halte, werde sie "als Schandfleck angesehen - und muss getötet werden, um die Ehre wieder herzustellen".

Die Ehre kann mit dem Blut der "Schuldigen" reingewaschen werden. "Der Ehrbegriff, der den Ehrenmorden zugrunde liegt, hat nichts mit dem westlichen Verständnis gemein", sagt Ates. "Man kommt ihm nur bei, indem man ihn offen ablehnt. Das muss den Kindern schon in der Schule beigebracht werden: Dieser Ehrbegriff ist menschenverachtend. Wir müssen innerhalb der Gesellschaft viel größere Zeichen setzen. Wir müssen deutlich vermitteln: 'Wenn ihr so denkt, dann seid ihr im falschen Jahrhundert. Dann verstoßt ihr gegen den Rechtsstaat in dem ihr lebt, dann achtet ihr die Menschen- und Frauenrechte nicht.'"

Ahmads Eltern haben sich in einem NDR-Interview von der Tat ihres Sohnes distanziert. "Mein Sohn ist ein Verbrecher", sagte der Vater in dem Gespräch. "Ich hasse ihn", sagte die Mutter. Die Polizei hat ermittelt, inwieweit die Familie von Ahmads Mordplänen wusste - bislang ohne Ergebnis.

"Was hat ihn so weit gebracht?" - fragt die Frauenrechtlerin

Ates plädiert dafür, auch die Ehrenmörder als Opfer zu begreifen: "Die Männer sind ein Teil des Systems: Ein 23-jähriger Mensch wird dahin getrieben, seine Schwester brutal zu erstechen. Aber er ist nicht als Mörder geboren worden. Wir müssen uns überlegen: Was hat ihn so weit gebracht?"

Nötig sei eine Problematisierung dieses pervertierten Ehrbegriffs schon in der Schule, eine Sensibilisierung der Juristen, die später mit den Fällen zu tun haben - und vor allem auch Aufklärungsarbeit bei den Familien: "Den Familien muss klar vermittelt werden, dass ihre Tochter keine Hure ist, weil sie abends ausgeht. Wir müssen den Familien sagen: 'Was auch immer eure Tochter macht, ob sie Drogen nimmt, oder einen Freund hat, oder kriminell wird - es gibt kein Recht, sie zu töten."

Hat sich ein Mädchen von der Familie abgewandt, ist es von großer Bedeutung, dass sie Schutz erfährt und der Kontakt zur Familie begleitet erfolgt. In Berlin hilft das Projekt Papatya verfolgten Mädchen. Papatya hat offiziell keine Anschrift, ist nicht direkt telefonisch zu erreichen - um die jungen Frauen zu schützen. Hilfseinrichtungen und Jugendämter stellen bei Bedarf den Kontakt her. Die Betreuer erleben es immer wieder, dass Mädchen die Gefahr unterschätzen, die von den Angehörigen ausgeht, und sich doch mit Vätern, Brüdern oder Cousins treffen. "Wir raten den Mädchen dazu, in den ersten Tagen das Haus nicht zu verlassen. Wir haben auch hochgefährdete Mädchen, die wochenlang nicht vor die Tür gehen", sagt eine Mitarbeiterin SPIEGEL ONLINE.

"Sie hat das nicht verdient" - sagt die Cousine

Dennoch suchten die jungen Frauen - wie auch Morsal - immer wieder Kontakt zur Familie, allen Warnungen zum Trotz. "Sie haben die Hoffnung, dass die Familie ihren Lebensstil irgendwann akzeptiert. Gegen ihren Willen kann man sie nirgendwohin bringen, sie nicht dazu zwingen, die Stadt zu verlassen", sagt die Papatya-Betreuerin. "Aber ich kann die Mädchen verstehen: Sie sind oft noch sehr jung - und ich würde auch nicht von einem Tag auf den anderen alles aufgeben wollen."

"Sie möchten weiter dazugehören", sagt Rechtsanwältin Ates. "Viele haben einen sehr positiven Familiensinn, mit dem wachsen sie auf. Sie suchen zu Hause nach Geborgenheit und Liebe. Nur: Westlichen Lebensstil und die Nähe zur Familie zu verbinden, ist ein großer Akt." Auch Morsal wusste, dass sie in Gefahr ist - und hat sich trotzdem mit ihrem Cousin und ihrem Bruder getroffen.

"Ich versuche die ganze Zeit, mir vorzustellen, was in Ahmads Kopf abgelaufen ist", sagte Morsals Cousine SPIEGEL TV. "Ich halte nicht mehr viel von ihm. Ich hoffe sehr, dass es eine gerechte Strafe geben wird. Weil Morsal das nicht verdient hat - egal, was sie gemacht hatte."

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