Ehrenmord-Zeugin Verrat als Erlösung

Nourig Apfeld weiß, wie misslungene Integration in einem Desaster enden kann: Alleingelassen von deutschen Behörden erlebte sie, wie ihre Schwester vom eigenen Vater erst schikaniert, dann getötet wurde. Jahrelang schwieg sie aus Angst - dann ging sie zur Polizei.
Ehrenmord-Zeugin Apfeld: Von der Justiz im Stich gelassen

Ehrenmord-Zeugin Apfeld: Von der Justiz im Stich gelassen

Foto: SPIEGEL ONLINE

"Ich ficke mit wem ich will", soll Waffa gesagt haben. Es war einer ihrer letzten Sätze. Sie hatte sich mit dem Vater gestritten, sie wusste, was er und die Mutter über ihren Lebenswandel dachten, über die Drogen, die verschiedenen Männer. Mit Bratpfannen, Gürteln und Seilen hatten sie es Waffa spüren lassen. Jahrelang. Aber in der Nacht zum 30. August 1993 war Waffas Angst größer als ihr Stolz. Die 17-Jährige war zurückgekehrt in ihr Elternhaus, weil sie Schutz suchte, weil ihre Angst vor denen, die sie bedrohten, noch größer war als die Furcht vor ihren Eltern. Sie suchte eine Zuflucht, aber sie fand den Tod.

Immer wieder war Waffa, die Westliche, die jüngere der beiden Schwestern, die mit drei Jahren nach Deutschland gekommen und in der Nähe von Bonn in einen Kindergarten gegangen war, damals ein fröhliches Kind mit wilden braunen Locken, von zu Hause abgehauen. Anders als ihre ältere Schwester Nourig war sie nicht bereit, sich mit den Sitten des Elternhauses zu arrangieren. Nourig flüchtete sich in ein inneres Exil, sie erduldete, dass ihr die Mutter mit der Pfanne ein Stück Zahn ausschlug, folgte dem Verbot, nach der Schule Freunde zu treffen.

Nourigs Fluchtpunkt war das Abitur, das Medizinstudium, die Tätigkeit als Ärztin. Nourig war die Bedachte. Sie war erst mit sieben Jahren nach Deutschland gekommen, sie hatte nicht das Selbstbewusstsein der ungestümen Waffa, die vier Jahre jünger war als sie. Um ihr Ziel zu erreichen, um der Hölle zu entkommen, um nicht zwangsverheiratet zu werden, musste sie durchhalten, das wusste Nourig. Ihre Freiheit war das Leben ihrer Zukunft.

Waffa war anders. Waffa wollte mehr, sie wollte es schnell, sofort, ohne Diskussionen. Sie war eine gute Schülerin, sie hätte es weit bringen können. Sie war zu selbstbewusst, um die Repressionen ihrer Eltern einfach zu erdulden. Doch die Restriktionen zu hinterfragen, war keine Option. Mädchen, die ihre erste Regel haben, sind in Gefahr. Punkt. Sie drohen abhandenzukommen, sich mit Männern einzulassen, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Und deshalb gehören Mädchen nach Hause. Basta.

Das Jugendamt begriff nicht, dass die Verständigung längst gescheitert war

Waffa haderte nicht nur mit der archaischen Weltsicht der Eltern, die 1979 aus Syrien nach Deutschland gekommen waren. Sie begehrte auf. Sie tat, was sie wollte - und bezahlte dafür mit Schlägen. Ihre Freiheit war ihre Gegenwart.

Waffa war in Deutschland gut genug integriert, um zu wissen, dass das, was ihre Eltern taten, nicht rechtens war - und dass sie sich dagegen wehren konnte. Das Mädchen litt unter den Wutausbrüchen seiner Mutter, die in Deutschland, der ewig fremden Heimat, immer sonderlicher und aggressiver wurde. Die Mutter war einsam, verstand die Sprache nicht, der Vater ging arbeiten, ihr fehlten der Schutz und die Regeln der Großfamilie. Irgendwann verstand sie nichts mehr. Weder die Sprache noch das Verhalten ihrer Kinder, die in Deutschland sozialisiert worden waren. Irgendwann war alles bedrohlich. Irgendwann war sie so hilflos, dass sie versuchte, die fremde Welt mit Gewalt von der Familie fernzuhalten.

Waffa wandte sich 1988 das erste Mal an das Jugendamt, bat um Hilfe, bat darum, in eine Jugendeinrichtung ziehen zu dürfen. Doch statt zu handeln, versuchten die Mitarbeiter zu reden. Es gab zahlreiche Gespräche. Beim Amt hatte man nicht begriffen, dass die Verständigung längst gescheitert war. Die Mutter war nicht mehr in der Lage, mit den Kindern in Kontakt zu treten. Geredet wurde in der Familie schon lange nicht mehr.

Für die Jugendamtsmitarbeiter war das Verständigungsproblem dagegen ein sehr konkretes: Wer sollte die Gespräche auf dem Amt übersetzen? Nourig, die Gehorsame.

Nein, natürlich gebe es zu Hause keine Schläge, behauptete Nourig. Gewalttätig? Ihre Eltern doch nicht. Der Vater, der neben ihr saß, verstand allzu genau, was die Jugendamtsmitarbeiter wissen wollten. Und Nourig wusste, was sie zu sagen und zu übersetzen hatte. Am Ende waren die Mitarbeiter zufrieden. Und beruhigt. Waffa blieb, wo sie war. Waffa fühlte sich von der Behörde verraten.

Der Ausweg liegt Tausende Kilometer entfernt

Trotzdem bat sie auch danach immer wieder um Hilfe. Doch man brachte sie damals nicht in Sicherheit. Irgendwann verlor Waffa ihren Glauben an Deutschland.

Waffas Vater hatte begriffen, dass seine Tochter ihm immer mehr entglitt. Die Gänge zum Jugendamt empfand er als Affront, das Verhalten der Mitarbeiter auch. In die Angelegenheiten der Familie hatte sich niemand einzumischen, schon gar nicht eine deutsche Behörde. Waffa hatte ihn und seine Frau verraten.

Den Einflüssen in Bonn fühlte er sich nicht gewachsen. Der Ausweg lag Tausende Kilometer und gut drei Flugstunden entfernt. Waffa sollte bei Verwandten in der Türkei lernen, was Anstand ist.

Doch am Abend vor dem Abflug war die 15-Jährige nicht zu Hause. Die Tickets waren gebucht, Waffa war bei einer Freundin. Die Eltern brachten Nourig dazu, unter einem Vorwand bei der Familie anzurufen und die Schwester nach Hause zu bitten. Nourig wusste, was Waffa in der Türkei blühen würde, mit welchem Ziel man sie erst nach Hause holte, um sie dann wegzuschaffen.

Zwangsverheiratet zu werden war Nourigs größte Angst. Einzig das Gymnasium brachte ihr Sicherheit, solange sie zur Schule ging, passierte ihr nichts. Und nun wählte sie die Nummer der Freundin, bat Waffa, nach Hause zu kommen. Hätten ihre Eltern angerufen, wäre Waffa nie gekommen, das wusste sie. Aber bei Nourig wähnte sie sich in Sicherheit. Nourig hatte Waffa verraten. Sie empfindet es noch heute so.

In der Türkei, wo Waffa Anstand lernen sollte, wurde sie vergewaltigt. Waffa fühlte sich erneut verraten. Irgendwann flüchtete sie, landete bei einem Bauern, für den sie als Baumwollpflückerin arbeitete. Und von dessen Sohn sie geschwängert wurde.

"Das wird auch dir passieren, wenn du etwas erzählst"

Waffa kehrte nach Bonn zurück, 16 und hochschwanger. Wenig später starb ihre Mutter an Krebs. Waffa bekam ihren Sohn, aber sie kümmerte sich nicht um ihn. Nourig wechselte die Windeln, ihre jüngere Schwester war so gut wie nie daheim. Waffa lebte bei Freunden, ging nächtelang feiern. Schließlich geriet sie in einem Club an Zuhälter, die sie unter Drogen setzten und zur Prostitution zwangen.

Aus Furcht floh Waffa an jenem Augustabend in die Wohnung des Vaters. Auch zwei Cousins waren dort. Sie waren aus Syrien gekommen, um in Bonn für Ordnung zu sorgen. Sie empfanden Waffas Verhalten als Verrat, die Schande, die sie über den Clan brachte, reichte bis in die Heimat. Niemand sollte sagen können, die Oberhäupter der Familie hätten die Frauen nicht im Griff. Jemand musste für Ordnung sorgen.

Der Vater machte Waffa Vorhaltungen, es kam zu einer Auseinandersetzung.

Als der Vater Nourig, die im Nebenzimmer schlief, weckte und ins Wohnzimmer bat, war Waffa bereits tot. Halb hing sie, halb saß sie auf dem Sofa, die Zunge quoll ihr aus dem Mund, um ihren Hals hing das Seil, das der Vater sonst zum Schächten der Tiere benutzte, hinter ihr standen die beiden Cousins. Nourig musste an einem Ende des Seils ziehen. "Das wird auch dir passieren, wenn du dich nicht an die Regeln hältst", sagten die Männer. Dann schickten sie die 21-Jährige aus dem Zimmer. Keine vier Stunden später ging sie wie gewohnt zum Unterricht.

Über die Tat wurde nie wieder gesprochen. Als Nourig morgens aus dem Zimmer kam, war die Leiche verschwunden. Der Vater übertrug das Sorgerecht für seine Tochter Waffa im Oktober 1993 dem Jugendamt. Seine Tochter wolle nicht mehr nach Hause zurückkehren, behauptete er. Niemand fragte weiter nach.

Am 15. November 1994 wurde im Ausländeramt der Stadt Bonn Waffas Fortzug verzeichnet.

Nourig schaffte ihr Abitur, heiratete ihren deutschen Freund, begann Medizin zu studieren. Sie brach den Kontakt zur Familie ab. Doch die Erinnerungen bahnten sich immer wieder einen Weg. Nachts ließen sie die Bilder im Kopf nicht schlafen, tagsüber saß sie über den Büchern, las Dutzende Seiten, ohne ein Wort zu verstehen. Die Konzentration ließ sie im Stich. Niemand ahnte etwas, nicht einmal ihr Mann.

"Ich habe keine Angst mehr"

Erst neun Jahre später, Ende 2002, brach sie ihr Schweigen und erzählte einem Psychotherapeuten von der Tat. Im Sommer 2003 wandte sie sich an die Polizei. Erst rief sie anonym an, dann schließlich machte sie eine Aussage. Sie verriet ihren Vater und die Cousins. Die Ermittler versprachen, sie in ein Zeugenschutzprogramm aufzunehmen.

Der Vater gestand schließlich die Tat, er wurde am 31. März 2008 wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt. Zwar sah es das Gericht als erwiesen an, dass er immer wieder betont hatte, Waffa habe die Familienehre verletzt. Die Kammer konnte aber nicht widerlegen, dass er im Affekt gehandelt hatte - aus Wut über die Äußerung seiner Tochter.

Der Vater nahm vor Gericht alle Schuld auf sich, die beiden Cousins mussten daher nicht hinter Gitter. Nourig war in Lebensgefahr. Doch in das versprochene Schutzprogramm wurde sie nicht aufgenommen. Die Kosten seien zu hoch, hieß es, Nourigs Gefährdung hielt man für vergleichsweise gering, außerdem stellte sie Forderungen. Nourig Apfeld war auf der Flucht, jahrelang. Nachdem die Ehe zerbrach, wohnte sie bei Freunden, länger als drei oder vier Monate lang war sie nie an einem Ort. Sie machte Therapien, schrieb ihre Erfahrungen auf, versuchte zu verarbeiten, was sie doch nicht begreifen konnte.

Nun hat sie ein Buch geschrieben, ihr Foto ist auf dem Cover, ihr wahrer Name steht darüber. Heute sei sie glücklich, nicht in das Zeugenprogramm gekommen zu sein, sagt sie. Denn die Flucht sei vorbei. "Ich habe keine Angst mehr." Sie hat Jahre gebraucht, um die manipulative Kraft der Familie zu begreifen, um die Muster zu entlarven, nach denen "archaische Kulturen" funktionieren. Und um den Verrat, den sie begangen hat, zu verarbeiten. "Die können mir nichts mehr anhaben", sagt Nourig Apfeld, die heute in einer deutschen Großstadt lebt, über ihre Cousins.

Denn die Macht der anderen bestehe nur aus der eigenen Ohnmacht.

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