Ehrenmorde Fatale Sehnsucht nach Familienhölle

Sie werden geschlagen, bedroht, vergewaltigt - und kehren dennoch zu ihren Peinigern zurück: Frauen wie die junge Hamburgerin Morsal Obeidi, die schließlich von ihrem Bruder ermordet wurde. Die Frauenrechtlerin Seyran Ates erklärt, warum es den Opfern so schwer fällt, sich von den Tätern loszusagen.


Berlin - Sie werden in ihren Familien geschlagen, mit dem Tod bedroht, vergewaltigt, unterdrückt, zwangsverheiratet, beleidigt und beschimpft, stehen unter ständiger Beobachtung, dienen der ganzen Sippe, nur nicht sich selbst. Sie sind die modernen Sklavinnen, Bildung wird ihnen vorenthalten und nahezu alles, was ein schönes, selbstbestimmtes Dasein ausmacht.

Sie sehnen sich nach Liebe, Geborgenheit, Freiheit und bekommen stattdessen Prügel, wenn sie von einem anderen Leben sprechen, es wagen aufzubegehren, sich anders zu verhalten, sich anders zu kleiden - gegen ihre "Kultur" zu rebellieren. Nicht selten werden sie verstoßen oder getötet.

So ergeht es einer Vielzahl von Mädchen, Frauen und Kindern auf der ganzen Welt. Wer aus dieser Hölle entkommen will, muss abhauen, ausbrechen, sich von der Familie trennen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Wir-Bewusstsein statt Ich-Bewusstsein

Doch nur wenige schaffen diesen Schritt und lassen ihre Angehörigen zurück, fangen ein neues Leben an. Statt so eine Familie zu haben, ist es besser, gar keine Familie zu haben, sagt manch ein Opfer häuslicher Gewalt. Schließlich wurde ihnen viel Schlimmes von ihren nächsten Verwandten angetan - und nicht von unbekannten Kriminellen auf der Straße.

Es fällt auf, dass gerade Mädchen und Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis bei dieser Entscheidung in einen großen Konflikt geraten. Sie sind mit einem anderen Familiensinn aufgewachsen als die meisten deutschen Mädchen und Frauen, sie sind viel abhängiger von ihrer Familie, als einem Ort der Geborgenheit, als gelebte Zugehörigkeit zu einem Ganzen. Sie haben nicht gelernt, nur an sich - oder überhaupt an sich - zu denken. Sie waren immer ein Teil der Gruppe, der Gemeinschaft. Sie haben ein Wir-Bewusstsein, sehr selten ein Ich-Bewusstsein.

Der Wunsch, aus der Hölle der Gewalt, Erniedrigung und Unterdrückung auszubrechen, reicht keineswegs aus, um ein Ich-Bewusstsein zu begründen. Das jedoch ist die Voraussetzung dafür, eine Entscheidung zu treffen, die gut für die jeweilige Frau ist.

Die meisten Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis stellen sich eher die Frage: Was ist gut für meine Familie, für die Gemeinschaft, was erwartet meine Familie, die Religionsgemeinschaft, meine "Kultur" von mir?

Die Mehrzahl der von häuslicher Gewalt Betroffenen aus dem muslimischen Kontext schafft es daher erst gar nicht heraus aus der Hölle oder sucht schon nach kurzer Zeit wieder den Kontakt zu der Familie - was zum Verhängnis werden kann.

Doch sie tun es, weil sie Angst haben, ihre Angehörigen zu verlieren und den Rest des Lebens allein zu bleiben. Sie wollen dazugehören, zu der Gruppe, in die sie hineingeboren wurden. Sie reden sich ein, dass der eine oder andere Angehörige nicht so gemein gewesen oder sogar sehr gut zu ihnen gewesen sei, sie suchen Entschuldigungen: Die Mutter sei krank und würde an der Trauer über den Weggang der Tochter noch sterben, der herzkranke Opa oder Vater es nicht überleben, wenn sie den Kontakt ganz abbrächen.

Zurück zu den Peinigern

Existierende oder simulierte Krankheiten sind übrigens einer der vielen Gründe, weshalb einige Mädchen zu ihren Peinigern zurückkehren. Eine junge Türkin, 19, schon einmal abgehauen, kam heim, weil die Mutter pflegebedürftig war. Außerdem hätten die jüngeren Geschwister, so sagte sie, unter ihrem Weggang gelitten.

Sie erzählte mir, dass einer ihrer beiden Brüder sie am Abend zuvor geschlagen hatte. Sie musste gegen ihren Willen ein Kopftuch tragen, der ältere Bruder verlangte es von ihr. Und ihre Angehörigen hätten nun entschieden, sie mit einem Verwandten aus der Türkei zu verheiraten.

Meinen Vorschlag, ihr Heim erneut und dauerhaft zu verlassen, lehnte sie ab. Natürlich habe ich ihr gesagt, dass sie später den Kontakt wieder herstellen kann, dass dies in den meisten Fällen klappt. Aber für eine Weile müsse eine Trennung erfolgen. Sie erwiderte, dass sie es nicht schafft, ohne ihre Familie zu leben. Sie habe dann ein schlechtes Gewissen gegenüber der Mutter und den jüngeren Geschwistern.

Was ist aus ihr geworden?

Auch nach einer Stunde Gespräch fanden wir keine Lösung. Sie sagte, dass sie noch versuchen möchte, zu Hause etwas zu verändern. Vielleicht könne sie die Familie davon überzeugen, sie nicht zu verheiraten. Sie ging zurück. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.

Aber sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwer diesen Mädchen und Frauen die Trennung fällt. Sie lieben ihre Familien trotz allem. Was für eine Liebe das immer auch sein mag, sie muss ernst genommen werden.

Dabei geht es denen die einmal abgehauen und nach kurzer Zeit zurückgekehrt sind, meist noch schlechter als vorher. Die Abkehr vom Heim, und war sie auch nur vorübergehend, wird ihnen zur Last gelegt.

Der Ehrverlust, den die Familie erlitten hat, weil die Tochter plötzlich weg war, ist kaum wiedergutzumachen. Diese Mädchen sind wandelnde Erinnerungen daran, dass sie die Ehre der Sippe verletzt haben. Mitunter kann ihnen dieser Umstand zum Verhängnis werden.

Auch ist bei jüngeren oder älteren Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis zu beobachten, dass sie sehr viel Energie daran setzen, schnell wieder Frieden mit der Familie zu schließen. Sie hoffen, dass ihre Angehörigen ganz schnell akzeptieren, dass sie ein eigenes, selbstbestimmtes Leben führen wollen.

Eine fast kindliche Hoffnung?

Nein, den allermeisten gelingt es, es braucht aber Zeit, viel Zeit für beide Seiten. Die Unverbesserlichen jedoch locken ihre Tochter, ihre Schwester, ihre Nichte mit genau diesem Familiensinn in den Tod.

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