Ein Foto und seine Geschichte "Spring, Monika, spring"

Ein Foto der Londoner Krawalle geht um die Welt, es zeigt den Feuersprung einer verzweifelten Frau. Die Karriere des Schnappschusses verändert das Leben von drei Menschen: Der Retter fremdelt mit seiner Prominenz, das Opfer hat sich verkrochen - und die Fotografin verteilt Visitenkarten.

Amy Weston in Croydon: Das Bild ist der Schuss ihres Lebens
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Amy Weston in Croydon: Das Bild ist der Schuss ihres Lebens

Aus London berichtet Jochen Brenner  


Amy Weston sah zwei nackte Beine und drückte ab. Das macht sie jeden Tag, für eine Londoner Bildagentur fotografiert die 33-Jährige Prominente in möglichst privaten Situationen. Am Sonntag erwischte sie Kerry Katona auf dem Weg in einen Schönheitssalon in Croydon. Katona hat die Mädchenband Atomic Kitten gegründet und vor sieben Jahren bei "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" ein kleines Vermögen gewonnen. Es war ein guter Tag für die Fotografin.

Die nackten Beine, die Montagnacht vor Westons Linse baumelten, gehörten Monika Konczyk, und Amy Westons Reflexe funktionierten tadellos. Sie stellte ihre Canon 5D auf Blende 2,8, den Zoom auf 200 Millimeter und löste aus. Es war der Schuss ihres Lebens.

In Croydon, südlich von London, tobten in der Nacht zum Dienstag die schlimmsten Krawalle der letzten Tage. Hunderte marodierten durch das Städtchen, warfen Schaufenster ein und setzten einen Bus in Brand.

Als Weston durch den Sucher ihrer Kamera blickt, sitzt Monika Konczyk auf dem Sims ihres Fensters, und sie hat nur noch eine Chance. Ihr Haus brennt, sie wohnt im ersten Stock, der Bürgersteig liegt fünf Meter unter ihr. Sie muss springen.

Im Treppenhaus lässt die Hitze den Fußbodenbelag schmelzen, Rauchschwaden wabern in der Zugluft über den Flur, Putz regnet auf die Stufen, so berichtet es ein Augenzeuge.

Monika springt - Amy Weston drückt ab

Unter Monikas Fenster beginnen hektische Bauarbeiten, Adrian Manu wird die Konstruktion später "das Bettenlager" nennen. Nachbarn, Anwohner, Passanten sammeln aus den umliegenden Häusern Matratzen, Decken und Kissen ein und breiten sie in der Church Street zu Monikas Füßen aus. Adrian tritt unter ihr Fenster, die Hitze ist unerträglich, die Feuerwehr nirgendwo zu sehen, Monikas Freund dreht neben ihm fast durch. Adrian Manu lebt seit vier Jahren in Croydon, kommt aus Rumänien, hat als 16-Jähriger den Aufstand der Minenarbeiter in Craiova miterlebt, jetzt baut der 38-Jährige Straßen rund um London.

Er betritt das Bettenlager, streckt die Hände aus und ruft: "Spring, Monika, spring."

Und Monika springt. Adrians Muskeln zittern. Amy Weston drückt ab.

Für Sekundenbruchteile fliegt Monika Konzcyk durch die Londoner Nachtluft, sie ist 33 Jahre alt. Im März kam sie von Polen nach London und arbeitet jetzt in der Einkaufspassage als Putzfrau. Adrian hat sie dort immer mal wieder gesehen.

Er kriegt sie an den Armen zu fassen, packt zu, "ich habe ihr sicherlich wehgetan", sagt er. Aber er rettet ihr auch das Leben. Seine vom Schaufeln starken Arme bremsen Monikas Flug, das Bettenlager dämpft den Aufprall, Monika landet unverletzt. "Sie konnte nicht aufhören zu weinen, schwarze Rußtränen liefen ihr übers Gesicht, und nirgendwo waren Sanitäter zu sehen", sagt Adrian.

John hat ziemlich viel Pech in diesen Tagen

Er will das alles nicht, die Aufmerksamkeit, die vielen Fragen, die er doch nur in seinem holprigen Englisch beantworten kann. Aber dann siegt Wut über Scham. "Die Polizei hat versagt. Sie hat die Einkaufspassage geschützt, wo niemand wohnt, und die Menschen vergessen, die wie Monika in den heruntergekommenen Apartments nur wenige Straßen weiter wohnen." Vor dem brennenden Haus übergibt er sie in jener Nacht ihrem Freund, die beiden verschwinden in der Dunkelheit und niemand hat sie seither gesehen. Joan nicht, die Nachbarin, die auch alles verlor, aber rechtzeitig über den Flur nach draußen gelangte. Und auch John Restrepo nicht, ihr Vermieter.

John floh vor 27 Jahren vor dem Krieg in Kolumbien nach London und hat mit Immobilien ein kleines Vermögen gemacht. Jetzt sind ihm in Croydon sieben Apartments abgebrannt und in Brixton noch mal zwei, das ist ziemlich viel Pech für einen, der "auf ein friedliches Leben in Europa" hoffte, wie er sagt. Seine Wohnungen hat er alle an den Staat vermietet, und der Staat hat darin die Armen untergebracht. Es war ein guter Deal, der Staat ist ein zuverlässiger Mieter.

Das neue Ziel: "Politik fotografieren"

In Croydon ist von dem Drama um Monika nicht mehr viel zu spüren. Vier kleine Bagger fahren den Schutt weg, der von ihrem Nachbarhaus noch übrig ist. Hier war das Feuer ausgebrochen, bevor es auf die Apartments übergriff. Das "House of Reeves" gibt es jetzt nicht mehr, nach 144 Jahren, zwei Weltkriegen und der Modernisierungswelle der Siebziger. Im Erdgeschoss war Reeve's Möbelhaus, ein Geschäft, aus dem fast jeder in der Stadt wenigstens einen Teppich besaß.

Seit die Bauarbeiter die letzten Reste des Backsteingebäudes weggeschafft haben, hat Croydon einen neuen Platz. Adrian, der Retter, würde ihn gerne unbebaut lassen, als eine Art Mahnmal für die Ereignisse der vergangenen Tage. Aber John Restrepo, der Immobilienbesitzer, hat längst eine Idee, wie er das Geld von seiner Versicherung wieder in Croydon anlegen könnte - mit Sozialbauten.

Zwischen dem Absperrband der Polizei, der Ruine und Monika Konczyks Haus eilt Amy Weston von Interview zu Interview. Die Promi-Fotografin ist hinter ihrer Kamera hervorgetreten, gibt jetzt selbst Interviews und verteilt ihre Visitenkarten an neugierige Passanten.

Der "Guardian", die "Times", die "Sun", der "Daily Mirror" und der "Daily Telegraph" haben ihr Foto auf der Titelseite nachgedruckt. Zweimal war sie im australischen Radio, sieben neuseeländische Blätter haben die Rechte an Monikas Feuersprung in Croydon gekauft, und das amerikanische Magazin "Time" macht seine Website damit auf. Der britische Premierminister David Cameron nannte das Bild "eine Ikone". Sie will jetzt mit den Promis aufhören und "Politik fotografieren", wie sie sagt. "Da ist ja richtig was los."

insgesamt 55 Beiträge
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lasterfahrer 11.08.2011
1. tz..
wurde hier der artikel so geschrieben dass er ne hübsche geschichte ergibt auch wenns dann mit der genauigkeit so weit her ist? immerhin scheit die fotografin ja mehrmals ausgelöst zu haben, in der fotostrecke sind zumindest 2 verschiedene bilder. und dass herr Adrian Manu im artikel rumäne und in den bildunterschriften dann auf einmal bulgare ist zeugt auch nicht gerade von gründlichkeit. aufgrund seines namens geh ich mal davon aus dass er eher rumäne ist. also wirklich!
PeteLustig, 11.08.2011
2. .
Das sind die Kollateralschäden der Weltrevolution werden die deutschen Salonkommunisten relativierend ausrufen und fleißig weiter den Flachbild-TV-raubenden Mob zur sozialen Revolution und zum jugendlichen Aufschrei gegen (den Plünderern wohl eher unbekannte) Investmentbanken transformieren.
PHPeter, 11.08.2011
3. Adrian hat Wut auf die Polizei?
Und was ist mit den Schweinen, die versucht haben, seine Freundin zu töten? Die haben einen Eimer Hass verdient und kein Verständnis.
Berta, 11.08.2011
4. Ich nenne es
Zitat von sysopEin Foto der Londoner Krawalle geht um die Welt, es zeigt den Feuersprung einer verzweifelten Frau. Die Karriere des Schnappschusses verändert das Leben von drei Menschen: Der Retter fremdelt mit seiner Prominenz, das Opfer hat sich verkrochen -*und die Fotografin verteilt Visitenkarten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,779759,00.html
das Elend fotografieren. Selbst das haben die noch zu Kohle gemacht.
christafaust 11.08.2011
5. Das haben die Menschen nun davon
wenn sie in ihrer schlimmsten Not noch von irgendwelchen Voyeuren abgelichtet werden, die nichts besseres zu tun haben anstatt zu helfen, gaffen sie und machen noch Geld mit dem Leid anderer.
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