Gespräch mit einem Missbrauchsopfer "Die Traurigkeit ist wie ein Nebel"

Sie wurde als Geisel genommen, missbraucht und musste um ihr Leben fürchten: Eine Lehrerin aus NRW spricht jetzt erstmals über die Tat. Sie erklärt, warum sie ihren Peiniger nicht hassen kann und was die Berichte über das Geschehen ausgelöst haben.
Justizvollzugsanstalt Schwerte: "Sag, dass du alles tust, was ich sage"

Justizvollzugsanstalt Schwerte: "Sag, dass du alles tust, was ich sage"

Foto: imago

Sie sitzt im Besprechungsraum einer Dortmunder Kanzlei. Eine Frau, Anfang 60, gepflegt, wacher Blick. Sabine F. ist Lehrerin, sie unterrichtet seit 27 Jahren Deutsch und Mathematik in nordrhein-westfälischen Gefängnissen. Der Häftling Markus H. nahm sie im August 2012 in der Justizvollzugsanstalt Schwerte als Geisel und missbrauchte sie.

Vor Gericht trat Sabine F. vor wenigen Wochen als Nebenklägerin gegen den vorbestraften Sexualstraftäter auf, die Presse bestaunte anschließend ihre Gefasstheit und Stärke. Für diese naiven Berichte habe sie sich vor anderen Opfern sehr geschämt, sagt Sabine F. jetzt. Sie wolle daher ihre Geschichte selbst erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist im August 2012 passiert?

Sabine F.: Es war mittags gegen 14 Uhr. Wegen einer Trauerfeier für einen Kollegen war wenig Betrieb in der Anstalt. Als ich zurückkam, fragte mich der Gefangene H., ob ich ihm einen Songtext aus dem Internet ausdrucken könnte.

SPIEGEL ONLINE: Sie gingen mit ihm in Ihr Büro.

Sabine F.: Als ich an meinem Rechner saß, trat er hinter mich und würgte mich. Ich ging zu Boden, ich dachte, dass ich jetzt sterben müsse. Er sagte: "Sei still, sag, dass du alles tust, was ich sage." Er schloss uns ein. Ich sagte den Satz - und das war der absolute Tiefpunkt in meinem Leben. Er fesselte mich und verlangte sexuelle Handlungen von mir.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie sich befreien?

Sabine F.: Nach einer knappen Stunde habe ich Mut gefasst. Ich kann das nicht genau erklären, woher dieser Impuls kam, aber irgendwann war einfach Schluss. Ich wollte einen Rest Würde bewahren, sagte ich ihm, und ich würde nun gehen, ansonsten müsse er mich töten. Er ließ mich gehen.

SPIEGEL ONLINE: War es leichtsinnig, mit einem Gefangenen allein im Büro zu sein?

Sabine F.: Nein. Einzelgespräche mit Häftlingen sind alltäglich im Strafvollzug, das ist ganz normal und wichtig. Die Gefangenen sollen sich ja verändern in der Haft. Dazu braucht es einen gewissen Vertrauensvorschuss, der natürlich nicht ganz ohne Risiko sein kann. Diese Attacke war weder vorauszusehen, noch zu verhindern, der normale Gefangene macht so etwas einfach nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum aber hat Markus H. Ihnen das angetan?

Sabine F.: Das ist eine schwierige psychologische Frage, der der Gutachter im Prozess intensiv nachgegangen ist. Man kann sagen, dass der Täter wohl eine sehr beeinträchtigte Persönlichkeit ist, dass er unglücklich war und ungeheuer unter Druck stand. Und er hat sein Unglück an anderen ausgelassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es Ihnen nach der Tat?

Sabine F.: Ich war anfangs total euphorisch, dass ich überlebt hatte. Ich war auch überwältigt von der Hilfe und Anteilnahme meiner Kollegen. Zugleich befand ich mich aber in einer Art Schockstarre und lebte wie eine Maschine. Immer wieder bekam ich Panikattacken und Schübe schrecklicher Angst. Ich habe aber bald wieder gearbeitet und in der Justizvollzugsanstalt ging es mir vergleichsweise gut.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Sabine F.: Ich bin immer noch überzeugt davon, dass der normale Gefangene so etwas nicht tut. Hinzu kommt, dass Kollegen anders als Menschen in meinem privaten Umfeld nicht mit peinlichem Schweigen auf die Tat reagiert haben, sondern auf mich zugekommen sind und Solidarität gezeigt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind als Nebenklägerin in dem Prozess gegen Markus H. aufgetreten. Weshalb?

Sabine F.: Ich wollte die Tat verstehen, die für mich so unwirklich war.

SPIEGEL ONLINE: Und haben Sie die Tat verstanden?

Sabine F.: Etwas besser. Ich habe auch mich und das Ausmaß meiner Verletzungen besser verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Neun Jahre Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung hat das Landgericht Hagen gegen Markus H. verhängt. Wie denken Sie über die Strafe?

Sabine F.: Die mündliche Urteilsbegründung hat mich sehr überzeugt. Ich habe herausgehört, dass die lange Strafe auch dazu dienen soll, dass der Täter an sich arbeitet, sich verändert. Es war für mich sehr eindrucksvoll, wie eindringlich das Gericht an ihn appelliert hat, er möge dazu den Willen und die Stärke aufbringen.

SPIEGEL ONLINE: Was empfinden Sie gegenüber Markus H.?

Sabine F.: Mitleid und Angst zugleich.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb keinen Hass?

Sabine F.: Die Persönlichkeit des Täters lässt das in meinem Fall nicht zu. Ich hatte stets den Eindruck, dass er sehr schwer gestört und unglücklich ist. Nein, ich bin verletzt, beschämt, gedemütigt, traurig, traumatisiert eben. Dass ich ihn nicht hasse, ist aber kein Zeichen von Stärke, wie es die "Bild"-Zeitung in ihrem Bericht unterstellte, als sie schrieb: "Wie stark muss diese Frau sein?" Für diesen Satz schäme ich mich vor anderen Opfern, mit denen ich mich eigentlich verbunden fühle. Es ist keineswegs ein Zeichen von Schwäche, wenn ein Opfer gegen den Täter Wut und Hass empfindet. Es ist nicht nur verständlich, sondern auch berechtigt.

SPIEGEL ONLINE: Der Täter hat sich vor Gericht bei Ihnen entschuldigt. Bedeutet Ihnen das etwas?

Sabine F.: Ja, darauf habe ich elf Monate lang gewartet. Denn erstens bedeutet eine Entschuldigung, dass er die Verantwortung für seine Taten übernimmt. Und zweitens hatte der Prozess mit einer öffentlichen Demütigung für mich begonnen, die noch schlimmer war als die Tat selbst. Herr H. behauptete zunächst, ich hätte ihn zu den Sexualstraftaten provoziert. Das konnte ich am nächsten Tag in der Zeitung lesen - und da bin ich wirklich in ein tiefes Loch gestürzt. Sein Geständnis war daher eine große Erleichterung für mich.

SPIEGEL ONLINE: In einer anderen Zeitung stand später, Sie wünschten sich eine Versöhnung mit H. und verziehen ihm.

Sabine F.: Das habe ich nicht gesagt, "verzeihen" habe ich niemals gesagt! Dieser Bericht hat mich fürchterlich getroffen, weil es eine solch unglaubliche Vereinfachung ist, die das schreckliche Geschehen zu einem Vorkommnis reduziert, als habe mir jemand auf den Fuß getreten. In meinen Augen wäre die beste Wiedergutmachung, wenn sich der Täter wirklich veränderte, was viel Zeit und Kraft kostete und sicherlich ein schmerzhafter Prozess wäre. Was dann am Ende steht, weiß ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es für Sie weiter?

Sabine F.: Mir geht es immer noch nicht gut. Die Traurigkeit liegt wie ein Nebel über meinem Leben. Es ist ein Unterschied, ob man weiß, was sich Menschen antun können, oder ob man es erlebt hat. Und ich schäme mich noch immer für das, was man mir angetan hat, und für das, was über mich in der Presse stand. Andererseits habe ich bei all dem auch positive Erfahrungen mit Menschen gemacht, für die ich dankbar bin.

Das Interview führte Jörg Diehl
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