Einzeltäter-Theorie Polizei jagt gescheiterten Times-Square-Attentäter

Ermittler untersuchen das Tatfahrzeug, werten Videobänder aus: Nach dem gescheiterten Anschlag am New Yorker Times Square gehen die US-Behörden Hinweisen auf einen Einzeltäter nach. Ein weißer Mann in den Vierzigern wird gesucht - in der Nacht veröffentlichte die Polizei das Bild einer Uhr aus dem SUV.

Präsentation des Bildes einer Uhr aus dem Attentatsauto: Wer baute den Sprengsatz?
AFP

Präsentation des Bildes einer Uhr aus dem Attentatsauto: Wer baute den Sprengsatz?


New York - Der versuchte Anschlag am New Yorker Times Square geht nach bisherigen Erkenntnissen der Behörden auf das Konto eines Einzeltäters. Derzeit gebe es keine Informationen, die auf etwas anderes hindeuteten, sagte US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano. US-Präsident Barack Obama hat in der Sache inzwischen mit dem New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg telefoniert. Er lobte die "schnelle und entschlossene" Reaktion in New York. Die US-Regierung werde alles nötigen Schritte unternehmen, um die Bevölkerung zu beschützen, das Verbrechen aufzuklären und "der Gerechtigkeit Genüge zu tun".

Nach Angaben von New Yorks Polizeichef Ray Kelly wird nun ein "weißer Mann in seinen Vierzigern" gesucht. Bei einer Pressekonferenz knapp 24 Stunden nach dem Anschlagversuch mitten in Manhattan sagte Kelly, der Mann sei von Videokameras aufgenommen worden. Es gebe kein Foto von dem Mann vor dem Tatfahrzeug - Überwachungskameras hätten ihn jedoch in einer Straße nahe dem Times Square eingefangen. "Er geht die Straße herunter, guckt sich um, zieht sein dunkles Hemd aus, steckt es in eine Tasche und schaut sich wieder um." Von dem Mann existiere möglicherweise auch eine Nahaufnahme, die ein Tourist auf dem Times Square aufgenommen hat. Polizisten seien auf dem Weg in einen kleinen Ort in Pennsylvania, um den Verdächtigen zu identifizieren.

Außerdem veröffentlichte die Polizei im Rahmen der Fahndung das Bild einer Uhr, die in dem Fahrzeug gefunden wurde. Insgesamt sollen zwei in dem Wagen installiert gewesen sein, als Teil der Sprengvorrichtung mit drei Gasflaschen, zwei Benzinkanistern, Feuerwerkskörpern und einer Metallbox. Außerdem war in Medienberichten von einer weiteren Substanz die Rede, möglicherweise Dünger.

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Times Square: Polizei entschärft Autobombe

Für eine Behauptung der pakistanischen Taliban-Gruppe Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), hinter dem Bombenanschlag zu stehen, gibt es nach Worten des Polizeichefs keine Anhaltspunkte. Es sei derzeit unmöglich zu bestimmen, ob es ein Anschlagsversuch von Einheimischen oder Ausländern war, sagte Kelly.

Ermittler suchen nun nach Fingerabdrücken, Haaren und anderen Hinweisen am Wagen, der mit Sprengsätzen präpariert am Times Square entdeckt und von Spezialisten entschärft worden war. Es seien viele Spuren auf dem Geländewagen, den darin befindlichen Benzinkanistern und Propangasbehältern gefunden worden, sagte Napolitano dem Sender CNN.

Dunkler Geländewagen

Ein Straßenhändler, ein Vietnam-Veteran, hatte um 18.30 Uhr Ortszeit (Sonntag 00.30 Uhr MESZ) Alarm geschlagen, weil Rauch aus dem Wagen aufgestiegen war. Der belebte Theaterbezirk im Herzen Manhattans wurde geräumt. Bürgermeister Bloomberg sagte später, der Stadt habe ein "sehr tödliches Ereignis" gedroht. Der Sprengsatz wirkte laut Bloomberg "amateurhaft", hätte aber "mit Sicherheit" detonieren können.

In New York war 1993 zuletzt ein Autobombenanschlag verübt worden. Damals hatten islamistische Terroristen einen mit Sprengstoff beladenen Lieferwagen in der Parkgarage unter dem World Trade Center in die Luft gesprengt. Sechs Menschen starben und über tausend wurden verletzt.

Jetzt war es ein Geländewagen, ein dunkler Nissan Pathfinder, in dem eine Bombe hinter getönten Scheiben versteckt war. Nach Angaben des Bürgermeisters handelte es sich um eine amateurhaft hergestellte Sprengvorrichtung. Der Sprengsatz war gezündet worden, jedoch nicht explodiert. "Das hätte eine Explosion und ein enormes Feuer geben können", sagte Bloomberg. "Wir haben keine Ahnung, wer das getan hat - und warum."

Die Polizei riegelte den Platz weiträumig ab. Tausende Menschen kamen nicht in die Broadway-Theater oder in ihre Hotels. Acht Stunden lang war der sonst zu den belebtesten Plätzen der Welt zählende Times Square praktisch menschenleer. Während die Touristen an den Absperrgittern Fotos der anrückenden Polizei- und Krankenwagen machten, wurde der Wagen zuerst von einem Roboter geöffnet. Dann untersuchten Experten in gepanzerten Schutzanzügen den Sprengsatz.

Schock eines lauen Frühlingsabends

Zwölf Stunden später erwachte New York aus dem Schock des lauen Frühlingsabends. Der Platz und die umliegenden Straßen wurden noch vor Sonnenaufgang für den Verkehr wieder freigegeben. Den Wagen fuhr die Polizei unter dem Blitzlichtgewitter von Fotografen und Touristen mit einem Abschleppwagen weg.

Der Times Square an der Schnittstelle des Broadway mit der siebten Avenue in Manhattan ist das Herz des Musical- und Theaterdistrikts und damit jede Nacht das Ziel Zehntausender New Yorker und Touristen. Der Vorfall spielte sich in einer warmen Samstagnacht ab, in der besonders viele Menschen auf dem Platz erwartet werden konnten.

jdl/dpa/AFP/AP



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