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22. März 2015, 07:21 Uhr

EKD-Chef Bedford-Strohm

"Angst zu verbreiten wäre ein Triumph für Terroristen"

Ein Interview von

Krieg in der Ukraine, IS-Terror, Warnungen vor Anschlägen in Deutschland: Viele Christen sorgen sich um ihre Sicherheit. EKD-Chef Heinrich Bedford-Strohm erklärt, warum Angst kein guter Ratgeber ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Mörder des "Islamischen Staates" töten Unschuldige, sie kreuzigen Kinder und begraben sie bei lebendigem Leibe. Viele Christen gehören zu den Opfern. Hat Gott diese Menschen verlassen?

Bedford-Strohm: Ich bekomme täglich Berichte über verschleppte oder getötete Familien im Irak und in Syrien, ich lese von Enthauptungen und schrecklichen Gewaltexzessen. Das geht mir sehr nah und, ja, man könnte verzweifeln. Aber ich glaube an Jesus Christus, Gottes Sohn, der selbst verfolgt, gefoltert und ans Kreuz geschlagen wurde - doch dann auferstanden ist. Nein, Gott lässt uns nicht allein. Trotz dieser Verbrechen habe ich die Hoffnung, dass die Gewalt überwunden wird und letztlich das Leben siegt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind vor einem halben Jahr selbst ins kurdische Arbil gereist.

Bedford-Strohm: Ich war einige Tage im Nordirak und habe intensive Gespräche geführt mit Flüchtlingen aus Mossul, mit christlichen Politikern, mit jesidischen Flüchtlingsfamilien und der Führung der muslimischen Lehrautoritäten. Ich war tief betroffen von dem Leid der Menschen und konnte nicht nachvollziehen, dass die internationale Gemeinschaft nicht einschritt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb Waffenlieferungen für die Kurden im Irak befürwortet?

Bedford-Strohm: Ich habe zunächst einmal eine Uno-Schutztruppe für den Nordirak gefordert, damit die Gewalt gestoppt wird. Darum hatten mich die Menschen dort händeringend gebeten. Solange aber die Vereinten Nationen ihre Schutzrolle nicht übernehmen, mussten wohl Waffen an die kurdischen Peschmerga geliefert werden - denn deren Kämpfer waren die einzigen, die verhindert haben, dass christliche Dörfer komplett vom IS überrollt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Keine Gewissenskonflikte als Pazifist?

Bedford-Strohm: Doch, ich empfinde eine große Zerrissenheit dabei. Die Anwendung von Gewalt ist immer mit Schuld verbunden. Und in wessen Hände die Waffen einmal kommen, weiß niemand. Man sollte sich nie der Illusion hingeben, dass Militäreinsätze Probleme dauerhaft lösen könnten. Aber Menschen unmittelbar vor Mord und unfassbarer Brutalität zu schützen, ist in dieser Situation nicht anders möglich.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für die Ukraine?

Bedford-Strohm: Nein. Der militärische Weg kann hier nie und nimmer die Krise lösen - im Gegenteil, er birgt riesige Gefahren. Deshalb kann man nur mit allem Nachdruck Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier in ihrem Bemühen unterstützen, Brücken zu bauen zwischen den völlig unterschiedlichen Weltsichten. Verhandlungen und Gespräche sind der einzige Weg, um die Gefahr einer neuen Eskalation des Ost-West-Konfliktes zu bannen. Auch wenn sie ein zähes Ringen bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Viele evangelische Christen fürchten um ihre persönliche Sicherheit und den Frieden in Europa. Was sagen Sie den Verunsicherten?

Bedford-Strohm: Angst und Verunsicherung zu verbreiten wäre schon ein erster Triumph für Terroristen. Und dass die Angst ein schlechter Ratgeber ist, sagt schon das Sprichwort. Als Christen können wir unsere Sorge vor Gott bringen und uns ihm anvertrauen. Wir sind in unseren Gebeten vereint mit den vielen Menschen, die sich überall auf der Welt für die Überwindung von Gewalt einsetzen. Je erkennbarer wir als globale Friedenskraft werden, desto deutlicher wird der Ruf, dass Aggression und Terror am Ende nicht siegen dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Grenzen Muslime und ihre Vertreter in Deutschland sich ausreichend von radikalen Glaubensbrüdern ab?

Bedford-Strohm: Überall, wo ich mit Muslimen zu tun habe, grenzen sie sich nachdrücklich von islamistischer Gewalt ab. Doch wie jede andere Religion muss sich auch der Islam selbstkritisch mit den eigenen Traditionen auseinandersetzen. Was gewaltbereite Salafisten oder radikalisierte Jugendliche betrifft, sind die muslimischen Gemeinden wahrscheinlich am ehesten in der Lage, einen Zugang zu ihnen zu finden. Sie sollten versuchen, die jungen Leute aus den Fängen fehlgeleiteter Ideologen zu befreien oder sie von vornherein dagegen zu immunisieren. Ich beobachte, dass die Sensibilität für die Notwendigkeit, als muslimische Gemeinde zu handeln, wächst.

SPIEGEL ONLINE: Wie gestaltet sich der interreligiöse Dialog in so schwierigen Zeiten?

Bedford-Strohm: Die Mahnwache für die Opfer der Pariser Terroranschläge am Brandenburger Tor hat ein Zeichen gesetzt. Juden, Christen und Muslime haben gemeinsam Nein zu Gewalt und Terror gesagt. In München haben wir gleichzeitig mit Kardinal Reinhard Marx die Gebetswoche für die Einheit der Christen gefeiert - in meiner evangelischen Bischofskirche, erstmals mit muslimischen und jüdischen Gästen. Ebenfalls in München arbeitet Imam Benjamin Idriz an der Gründung eines islamischen Zentrums, das auch ein Ort des interreligiösen Dialogs sein soll. Ich unterstütze das ausdrücklich.

SPIEGEL ONLINE: Was empfinden Sie, wenn Sie sehen, dass ein katholischer Pfarrer bei einer Pegida-Demonstration in der ersten Reihe mitmarschiert?

Bedford-Strohm: Was Pegida inhaltlich genau will, ist ja nicht klar. Aber in Bezug auf bestimmte Inhalte, die aus den Reihen der Demonstranten gekommen sind, ist unsere Haltung eindeutig: Die evangelische Kirche zeigt klar Kante gegenüber jeder Form von Fremden- oder Islamfeindlichkeit. Oft sind es ja ausgerechnet Menschen, die gar keine Berührungspunkte mit Muslimen haben, die gegen eine angebliche "Islamisierung des Abendlandes" wettern. Wir müssen also Begegnungsräume schaffen für Muslime und jene, die Angst vor ihnen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Kirchenasyl für Flüchtlinge verteidigt und dafür viel Lob geerntet. Innenminister de Maizière war weniger begeistert.

Bedford-Strohm: Ich habe selbst mit Herrn de Maizière gesprochen und ihm versichert, dass die Kirche mit dem Kirchenasyl keinen zweiten Rechtsweg beschreiten will. Denn die Herrschaft des Rechts ist ja ein hohes Gut. Aber es muss möglich sein, dass in bestimmten Härtefällen Menschen in den Kirchengemeinden ihrem humanitären Impuls, Flüchtlingen zu helfen, folgen, mit dem Ziel, eine erneute Rechtsprüfung zu erreichen. Man muss auch die Dimension des Ganzen sehen - auf jährlich mehr als 200.000 Asylanträge in Deutschland kommen ja gerade mal 200 bis 300 Fälle von Kirchenasyl. Ich bin dankbar, dass wir jetzt eine gemeinsame Lösung gefunden haben.

SPIEGEL ONLINE: In Bayern gab es 2014 mehr als 30.000 Kirchenaustritte, das sind 62 Prozent mehr im Jahr zuvor. Wieso kehren die Menschen Ihrer Landeskirche den Rücken?

Bedford-Strohm: Das ist kein spezifisch bayerisches Phänomen. Aus Briefen und E-Mails wissen wir, dass vor allem das neue Einzugsverfahren bei der Kirchensteuer auf Kapitalerträge mit den vielen Austritten zu tun hat. Viele Menschen dachten offenbar, es handele sich um eine neue Steuer, was aber nicht der Fall ist. Wir haben das nicht verständlich genug kommuniziert, das war ein Fehler. Aber nicht nur Geld spielt eine Rolle: So mancher Gläubige wird eine gewisse Entfremdung von der Kirche erfahren haben und deshalb ausgetreten sein. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

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