Evangelische Kirche EKD-Chef Schneider lehnt Betreuungsgeld ab

Nikolaus Schneider, Chef der Evangelischen Kirche in Deutschland, lehnt das umstrittene Betreuungsgeld ab. Denn Eltern könnten nicht frei über die Betreuung ihrer Kinder entscheiden. Im Interview spricht der Nachfolger von Margot Käßmann zudem über den Mitgliederschwund - und darüber, wie er seine Aufgabe versteht.

EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider: "Finger in die Wunde legen"
dapd

EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider: "Finger in die Wunde legen"

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Der Mann, der besser als jeder andere weiß, wie es um die evangelische Kirche in Deutschland bestellt ist, sitzt in einem Raum, der protestantischer kaum sein könnte. Grauer Tisch, weiße Wände, anthrazitfarbene Bürostühle. Das Ambiente im Berliner Congress Center ist karg. Man könnte auch sagen: Es lenkt nicht ab von der Sache, nicht von der Arbeit. An diesem Tag hat Nikolaus Schneider einen Vortrag beim Transformationskongress gehalten und über Nachhaltigkeit und die "Ethik des Verzichts" gesprochen.

Schneider ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Er vertritt die Interessen von rund 24 Millionen Menschen, einem Drittel der Deutschen. Das Amt hat er von Margot Käßmann übernommen, es war kein leichtes Erbe. Käßmann war angetrunken über eine rote Ampel gefahren. Doch das Vergehen machte sie nur noch menschlicher, der Rücktritt schließlich, der öffentlich bekannte Fehler, verlieh ihr etwas Erhabenes.

Schneider war Käßmanns Stellvertreter, er rückte auf ihren Posten. Doch er blieb auch an der Spitze der Mann im Hintergrund. Käßmann war nah an den Menschen, in der Öffentlichkeit schien sie omnipräsent.

Nikolaus Schneider ist anders. Er gilt als Moderator, als Strippenzieher, der die Politik hinter den Kulissen beeinflusst. Wofür aber steht die evangelische Kirche im Jahr 2012? Wofür Schneider? Allein 2010 sind 145.250 Mitglieder aus der evangelischen Kirche ausgetreten. In etwa so viele Menschen, wie Darmstadt Einwohner hat.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, Sie vertreten rund 24 Millionen evangelische Christen, die jährlich 4,2 Milliarden Euro Kirchensteuer zahlen. Sind Sie Manager? Verwalter? Oberhirte?

Schneider: Ich bin vor allem Pastor. Als EKD-Ratsvorsitzender predige ich so viel wie nie zuvor in meinem Leben. Natürlich manage ich auch - aber sehr viel weniger, als man von außen meinen sollte. Ich verstehe mich eher als Kommunikator. Ich soll in der Öffentlichkeit die Anliegen unserer Kirche vertreten, plausibel machen, für sie eintreten und werben - aber auch den Kopf hinhalten. Natürlich muss ich auch den Finger in die Wunde legen und auf Probleme aufmerksam machen.

SPIEGEL ONLINE: Probleme hat gerade auch die katholische Kirche, die sich mit der Veröffentlichung geheimer Dokumente herumplagen muss. Was könnte denn ein Informationsleck in der EKD zutage fördern?

Schneider: Missgunst gibt es auch bei uns. Wir leben noch nicht im Reich Gottes. Wir versuchen, solche Fehlentwicklungen durch größtmögliche Transparenz einzugrenzen. Wenn bei uns etwas schiefläuft, sagen wir es lieber gleich, anstatt später in Erklärungsnot zu geraten. Wir vertrauen, manchmal erscheint das als Schwäche.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ehemalige Heimkinder öffentlich um Verzeihung gebeten für das Leid, das ihnen in evangelischen Heimen zugefügt worden ist. Wie schwer fällt es, in einer solchen Situation den Kopf hinzuhalten?

Schneider: Das hat mich durchgerüttelt. Dass so etwas auch in Einrichtungen in unserer Kirche möglich war - sowohl die Gewalterziehung als auch die sexualisierte Gewalt, ist schrecklich. Wenn so etwas ans Licht kommt, gibt es nur eins: ehrlich sein, genau nachgucken was war, und dann zu versuchen, den Menschen so weit wie möglich gerecht zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Vorgänger Wolfgang Huber und Margot Käßmann waren charismatische Persönlichkeiten. Ihnen wirft man vor, zu unscheinbar zu sein.

Schneider: Ich bin wie ich bin. Das Leben hat mich gelehrt, dass ich eine Menge erreichen kann, wenn ich beharrlich und unaufdringlich vorgehe. Ich merke immer wieder, dass ich über Gespräche mit Entscheidern die öffentliche Meinung beeinflussen kann.

SPIEGEL ONLINE: Nach außen ist dieser Einfluss oft kaum wahrnehmbar.

Schneider: Ich gehe damit ja auch nicht hausieren. Ich will keine Politik machen, sondern sie möglich machen. Wenn es mir gelingt, aus dem Hintergrund erfolgreich Entwicklungen anzustoßen, bin ich zufrieden.

SPIEGEL ONLINE: Raten Sie Frau Merkel zum Betreuungsgeld?

Schneider: Nein, denn das Geld sollte bei den Kindern landen und ihnen guttun. In erster Linie sollte es also eine Investition ins System und nicht in die Portemonnaies der Eltern sein. Wenn Eltern selbst entscheiden sollen, welche Form der Betreuung sie vorziehen, setzt das voraus, dass sie eine Entscheidungsfreiheit haben. Davon kann aber angesichts fehlender Krippenplätze in der Realität gar keine Rede sein.

SPIEGEL ONLINE: Wofür steht der Protestantismus im Jahr 2012? Was sind ureigenste protestantische Themen?

Schneider: Der Protestantismus steht für den Glauben an Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist. Und die Themen sind im Evangelium vorgegeben: Die Würde des Menschen, der Umgang mit den Armen, Kranken, Schwachen und Benachteiligten, soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Spiegelt sich das auch intern wider? Wie werden in der EKD interne Entscheidungen getroffen?

Schneider: Bei uns werden alle Leitungsgremien von unten nach oben gewählt, vom Gemeinderat bis zum Rat der EKD. In unseren Leitungsgremien sind nicht nur Geistliche in ordinierten Ämtern, sondern Männer und Frauen aus vielen Berufen, denn Gott wirkt nicht nur durch Theologen sondern durch alle Gläubigen. "So werden wir allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht", sagte schon Luther in Abgrenzung zum römischen Priestertum. Wir vertrauen unseren Gemeinden bis in die Basis. Das ist eine große Stärke unserer Kirche.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht auch eine Schwäche? Der Apparat wird dadurch träge.

Schneider: Träge nicht unbedingt. Das Kollegialprinzip ist richtig und wichtig, hat aber den Nachteil, dass jeder gefragt werden will und muss, die Abstimmungsprozesse daher überaus lang sind.

SPIEGEL ONLINE: Mit Joachim Gauck steht ein ehemaliger evangelischer Pastor an der Spitze des Staates. Ist das gut für die EKD?

Schneider: Ich hoffe, es ist gut für unser Land. Wir freuen uns natürlich, dass ein Mensch mit einer theologischen Ausbildung und geistlichem Fundament diese Aufgabe wahrnimmt. Aber Joachim Gauck ist Präsident aller Deutschen und nicht die Außenstelle der EKD im Schloss Bellevue.

SPIEGEL ONLINE: Die evangelische Kirche beschäftigt Hunderttausende Angestellte, bietet eine riesige Palette an Dienstleistungen. Dennoch dringt wenig davon an die Öffentlichkeit, die Mitgliederzahlen sinken. Wie kann es Ihnen gelingen, den eigenen Mehrwert zu verkaufen?

Schneider: Ihre Einschätzung teile ich ganz und gar nicht. Hunderttausende Menschen erleben Tag für Tag, was Kirche bietet: liebevolle Betreuung in Kindergärten, zugewandte Pflege durch die Schwestern der Diakoniestationen, ermutigende Gottesdienste, offene Ohren bei Problemen und kompetente Beratung. Das ist das tägliche Brot kirchlicher Arbeit. "Verkaufen" müssen wir das übrigens nicht - wir werben für den Glauben und die Mitgliedschaft in der Kirche in der persönlichen Begegnung.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit müsste es der evangelischen Kirche doch eigentlich leicht fallen, Gläubige zu rekrutieren: Die Finanzkrise verunsichert die Menschen, bei der Arbeit werden sie verheizt, es gibt insgesamt eine große Verunsicherung. Und Ihre Konkurrenz bricht weg, die katholische Kirche diskreditiert sich selbst.

Schneider: "Not lehrt beten" - dieser Satz gilt auch heute, weil er der menschlichen Natur entspricht, und wir merken schon, dass Fragen des Glaubens und wesentliche Lebensthemen mehr nachgefragt werden. Aber ich möchte unsere Erfolge in der Mission nicht auf die schlechten Zeiten verkürzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie konkret den Mitgliederschwund bremsen?

Schneider: Der Mitgliederverlust hat in erster Linie demografische Ursachen: Wir haben teil an der deutschen Bevölkerungsentwicklung, die massiv rückläufig ist. Das trifft uns besonders, weil die meisten Menschen, die zu uns von außen nach Deutschland kommen, nicht evangelisch sind. Um eine Trendwende zu erreichen, müssen wir Ausgetretene auf ihre Taufe ansprechen und mit ihnen Kontakt aufnehmen. Da ist natürlich jeder Pfarrer und jede Pfarrerin gefordert. Darüber hinaus sind erfreulich viele Menschen wieder in die evangelische Kirche eingetreten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den geplanten Bau einer Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld als imperial und anmaßend gebrandmarkt. Ist der Islam Teil Deutschlands, wie es Ex-Bundespräsident Wulff formulierte?

Schneider: Der Islam gehört zu Deutschland, aber im Moment vor allem durch die Menschen, die ihn praktizieren. Solange das mit dem Grundrecht konform geht, ist es in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE: Aber?

Schneider: Es gibt Dinge, die nicht tolerabel sind: Die Einführung der Scharia, die Missachtung von Frauen- und Menschenrechten oder eine eigene Rechtssprechung. Aber ich will den Unmut über und die Abgrenzung von anderen Religionen nicht instrumentalisieren oder funktionalisieren.



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