Waffenruhe zwischen Gangs Brüchiger Frieden in El Salvador

Schulen sollen künftig keine Kampfzone mehr sein: Ein Waffenstillstand zwischen großen Gangs lässt El Salvador aufatmen - zumindest ein wenig. Von echtem Frieden ist das Land aber noch weit entfernt, die Hoffnung ruht auf den Versprechen der Banden.

REUTERS

San Salvador - Ist es schon Anlass für Hoffnung, wenn verfeindete Gangmitglieder vereinbaren, sich nicht mehr zu töten? In El Salvador will man das glauben. Zu sehr leidet das Land seit Jahren unter der Gewalt der Banden.

Nun scheint eine Wende eingeleitet: Am 9. März verkündeten Anführer der Gangs Mara Salvatrucha (MS-13) und Mara 18 in einem Hochsicherheitsgefängnis einen Waffenstillstand. Demnach sollen beispielsweise auf Schulgeländen keine Kämpfe mehr ausgetragen werden. Vermittelt hatten Vertreter der Zivilgesellschaft und die katholische Kirche.

"Wir leben in einer Kriegssituation und sind zur Entscheidung gelangt, dass sie enden muss", sagte ein Bandenboss. Ein anderer sagte, man habe Gott und die Gesellschaft enttäuscht und bitte im Namen von Mara Salvatrucha um Verzeihung. Man hoffe, dass man eine Chance bekomme, sich zu ändern.

Es wird geschätzt, dass 20.000 Salvadorianer Gangmitglieder sind. Die Haupteinnahmequellen der Banden sind Drogenhandel- und schmuggel sowie Erpressung. 2011 gab es nach Angaben der Nachrichtenagentur Inter Press Service knapp 4400 Morde in dem Land. Das entspricht einer der höchsten Mordraten der Welt.

"Das ist ein Frieden der Mafia"

Woran sich das Land gewöhnt hatte - rund 15 Morde am Tag - zeigt ein Vorfall vom 14. April, über den der "Guardian" berichtet: An jenem Tag gab es offiziellen Angaben zufolge zum ersten Mal seit Jahren keine tödliche Schießerei, Messerstecherei oder Schlägerei. Das ist wohl auch das Resultat des Waffenstillstandes. Die Mordzahlen in dem zentralamerikanischen Land sind merklich zurückgegangen, auf etwa fünf pro Tag.

Der Waffenstillstand mag besser als der vorherige Zustand sein, aber bis zu echtem Frieden ist es noch ein weiter Weg. "Das ist ein Frieden der Mafia", zitiert der "Guardian" den katholischen Geistlichen Antonio Rodríguez, der in Bandenrevieren arbeitet. Seiner Ansicht nach vernachlässigt der Friedensschluss die Ursachen der Gewalt und lindert nur deren Symptome.

Andere Beobachter sind skeptisch, ob Gangs nicht einfach nur Leute auf diskretere Art verschwinden lassen. Zudem gilt es als riskant, auf die Kooperation und den guten Willen der Gangs zu setzen. Doch es könnte die einzige Möglichkeit sein: In den vergangenen Jahren hatte es der Staat nicht geschafft, die Sicherheit im Land zu gewährleisten.

Nun will das Land die Chance nutzen, die der Waffenstillstand bietet. "Das ist eine Möglichkeit, Teil eines Friedensprozesses, den wir seit Jahren anschieben, sagte das frühere Gangmitglied Rafael Jordan dem "Guardian". "Wenn ihn jemand sabotiert, wird es keine der Gangs in El Salvador sein."

ulz



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