Elektroschrott Grüne wollen Pfandpflicht auf Handys

25 Euro Pfand für ein Smartphone oder Tablet: Laut SPIEGEL-Informationen drängen die Grünen die Regierung zu Maßnahmen gegen Elektroschrott. Denn Deutschland verfehlt deutlich die Sammelquote der EU.
Heute Trend, morgen Müll: Elektroschrott auf einem Wertstoffhof in Erfurt

Heute Trend, morgen Müll: Elektroschrott auf einem Wertstoffhof in Erfurt

Foto: DATA73/ imago images

Während die Christbäume nach Weihnachten fachgerecht von den Kommunen entsorgt werden, wächst zugleich ein deutlich problematischerer Abfallberg: Elektroschrott. Pro Jahr produziert jeder Bundesbürger davon mehr als 20 Kilogramm.

Viele Geräte haben ein kurzes Leben. Die meisten Handynutzer ersetzen ihr Gerät inzwischen binnen zwei Jahren durch ein noch neueres Modell. Und selbst in Kinderspielzeug sind heute immer öfter Batterien und Chips verbaut.

Die Grünen-Bundestagsfraktion will deshalb die Regierung auffordern, auf Smartphones und Tablets ein Pfand in Höhe von 25 Euro einzuführen. Das ist eine von rund 20 Maßnahmen, die die Grünen im Januar in den Bundestag einbringen wollen mit ihrem Antrag "Elektroschrott - Wertstoffkreisläufe schließen", der dem SPIEGEL vorliegt.

Deutschland hat die Sammelquote "krachend verfehlt"

"Hochwertiges Recycling", heißt es darin, sei "von zentraler Bedeutung, um die enormen Rohstoffpotenziale von Elektro- und Elektronikaltgeräten zu erschließen und die Umwelt zu entlasten." Daneben gehe es aber auch um ein gebrochenes Politikversprechen. "Deutschland hat krachend die von der EU beschlossene Sammelquote von 65 Prozent für 2019 verfehlt", sagt Bettina Hoffmann, umweltpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion.

Unter Sammelquote versteht man in diesem Fall die jährliche Menge der gesammelten Altelektronikgeräte gegenüber dem Mittelwert der in Verkehr gebrachten Gerätemengen der drei Vorjahre (siehe Grafik). Länder wie Kroatien oder Estland erreichen bereits eine Quote von 80 Prozent, Deutschland dagegen höchstens 45 Prozent.

"Alte Elektrogeräte wieder loszuwerden muss genauso einfach sein wie neue zu kaufen!", fordert die Bundestagsabgeordnete. Händler haben heute nur dann eine Verpflichtung, Altgeräte zurückzunehmen, wenn ihre Verkaufsfläche mindestens 400 Quadratmeter groß ist. "Wir wollen, dass zum Beispiel auch Discounter Geräte zurücknehmen müssen", sagt Hoffmann.

Was die wenigsten Verbraucher wissen: Onlinehändler sind schon seit 2016 zur Rücknahme verpflichtet. Die Grünen fordern, dass Amazon & Co über die Rücknahmepflicht offensiv informieren müssen. Ein Vorbild ist die Schweiz, wo zum Beispiel im Vorprogramm von Kinos für das Elektrorecycling geworben wurde. Offenbar mit Erfolg: Während im Alpenland pro Jahr und Einwohner 16 Kilogramm Altgeräte gesammelt werden, sind es hierzulande nur neun Kilogramm.

Die Deutschen horten zu Hause rund 100 Millionen alte Handys

Dabei geht es um wertvolle Ressourcen: In Deutschland werden laut Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe jährlich 24 Millionen neue Smartphones verkauft, in denen 720 Kilogramm Gold, 7,3 Tonnen Silber und 396 Tonnen Kupfer stecken. "Spezialfirmen können schon heute 98 Prozent der Bestandteile eines Mobiltelefons recyclen", sagt Hoffmann. Ihnen fehlt es aber an Material. Über 100 Millionen alte Handys horten die Deutschen daheim in den Schubladen, schätzt der Branchenverband Bitkom.

Zu dem von den Grünen geforderten Maßnahmenpaket gehört auch die Verbesserung der Wiederverwertbarkeit durch Ökodesignrichtlinien mit Vorgaben zur Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Giftfreiheit von Elektrogeräten. Insbesondere Akkus von Laptops und Smartphones sollen problemlos austauschbar sein.

"Alles andere als verbraucherfreundlich"

Rüdiger Kühr ist Direktor des Programms für nachhaltige Kreisläufe an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn; mit Elektroschrott befasst er sich seit 20 Jahren. Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler kann inzwischen selbst in fünf Minuten eine Festplatte ausbauen. "Dafür muss ich aber 20 kleine Bohrungen mit dem Akkuschrauber vornehmen", erzählt Kühr, "das ist alles andere als verbraucherfreundlich."

Elektroschrott gehört für ihn dringend auf die politische Agenda. "2019 sind weltweit 53 Millionen Tonnen Elektroschrott angefallen", sagt Kühr. "Wenn die Entwicklung ungebremst fortschreitet, wird diese Menge im Jahr 2050 doppelt so hoch sein." Hierzulande sei nicht einmal die Größe des Problems bekannt. Die vom Umweltbundesamt zuletzt 2017 erhobene Sammelquote von 45,08 Prozent liege heute wohl eher bei 40 Prozent, so Kühr. Und: Wenn mehr als die Hälfte des Schrotts nicht in Deutschland gesammelt wird: Wo geht er dann hin? Wie viele reparierbare Geräte werden legal in Dritte Welt-Länder exportiert, wie viele nur scheinbar legal, da nicht mehr verwertbar? (Lesen Sie hier mehr über einen UNO-Bericht über das weltweite Aufkommen von Elektroschrott undeine Reportage aus Ghana.)

Müllhalde für Elektroschrott in Accra

Müllhalde für Elektroschrott in Accra

Foto: Kay Nietfeld/ picture alliance / dpa

"Es existiert eine enorme Schattenwirtschaft", sagt der Experte. "Im Hamburger Hafen gibt es nicht annähernd genug Kontrolleure, um korrekt deklarierte Gebrauchtware von falsch deklariertem, hoch problematischem Schrott zu unterscheiden."

Ein Pfandsystem sieht Kühr dennoch skeptisch. "Der Verwaltungsaufwand wäre enorm", sagt Kühr, "und behindert die transnationale Weiternutzung von Handys." Wenn alte Tablets in andere Länder verkauft und dort weiter gebraucht würden, wäre dies ja durchaus ökologisch sinnvoll.

Service oder Geräte?

Kühr fordert hingegen: "Wir brauchen ein Wirtschaftsmodell, bei dem die Kunden nicht mehr ein Handy oder eine Waschmaschine kaufen, sondern den Service, den diese Geräte leisten." Die Geräte blieben weiterhin im Besitz der Hersteller, die diese je nach Bedarf austauschen könnten. Vorreiter einer neuen "Service-Gesellschaft" könnten Behörden sein oder Banken. "Als Großabnehmer können sie auf Hersteller Druck ausüben für entsprechende Angebote", sagt Kühr.

Doch Kührs Vision ist von der Realität weit entfernt. Ein Wettbewerb um den kleinsten ökologischen Fußabdruck ist in der Branche kein Thema. Inzwischen gibt es zwar fair gehandelte beziehungsweise nachhaltige Handy-Modelle, doch die sind ein Nischenprodukt. Kühr sagt: "Für den normalen Kunden ist es kaum möglich, zu beurteilen, ob das neueste Handy von Apple oder von Samsung umweltfreundlicher ist."

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