Die EM im 11. Arrondissement Mit Trotz und Toren

Am 13. November 2015 richteten Terroristen im 11. Bezirk von Paris ein Blutbad an. Wie haben die Menschen in dem Viertel jetzt das Auftaktspiel verfolgt? Wie gehen sie mit der Angst um? Ein Besuch in den Bars.

Jeannette Corbeau

Aus Paris berichtet


Als die Marseillaise erklingt, das alte Kriegslied, Frankreichs Nationalhymne, reißen sie die Arme hoch, die Hände zu Fäusten geballt: "Hört ihr im Land das Brüllen der grausamen Krieger? Sie rücken uns auf den Leib, eure Söhne, eure Frauen zu köpfen!" Sie hüpfen jetzt, sie brüllen, sie machen sich heiß für einen Kampf, der nicht mit Waffen, sondern mit Gesten entschieden werden soll.

Sie, das sind Hunderte Bobos, die Bourgeois-Bohémiens: Bürger, die Alltagsartisten sind, Künstler, ewige Kinder, manche nennen sie auch Hipster. Sie tragen dünne Schnurrbärte, ihre Haare sind gescheitelt, die Seiten ausrasiert, die Hosen an den Knöcheln hochgekrempelt.

So stellen, setzen, quetschen sie sich nun im Le Carillon vor eine Leinwand, ein Beamer surrt leise, es läuft das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft zwischen Frankreich und Rumänien. Chips, Bier, Wein und Joints wandern herum, es ist heiß, stickig. Neben dem Klo knutschen zwei Frauen so heftig miteinander, dass manch einer es nicht schafft, sich auf den Anstoss zu konzentrieren.

Fans im Le Carillon
Jeannette Corbeau

Fans im Le Carillon

Hier, vor dem Carillon, mitten auf der Straße, parkten im vergangenen November drei Männer ihren Seat mit belgischen Kennzeichen. Sie stiegen gegen 21.25 Uhr aus dem Auto, luden ihre Kalaschnikows durch und richteten 15 Menschen in einem Kugelhagel hin. Zehn weitere Personen wurden teils lebensgefährlich verletzt.

Es war ein Freitag, der 13., ein Abend, der Frankreich und Europa völlig verändern sollte. Es war ein Angriff des Islamischen Staates, der eigentlich kein Staat, schon gar kein islamischer, sondern eine Mafiaorganisation ist. Die Täter gingen radikal, effizient, organisiert vor. In diesen Stunden starben im 10. und im 11. Arrondissement, wo auch das Carillon ist, 129 Menschen, 352 wurden schwer verletzt. Seitdem herrscht in Paris eine andauernde Alarmbereitschaft.

Dabei sollte der damalige Abend nichts anderes sein als Freude, als Spannung, als gemeinsames Mitfiebern. Damals spielte die französische Nationalmannschaft gegen die deutsche. Genau wie das Eröffnungsspiel der EM, so fand auch die damalige Partie im Stade de France statt.

Was macht der Terror mit den Menschen? Haben sie Angst? Gehen sie erneut in die Cafés und schauen sich gemeinsam ein Fußballspiel an?

"Allez, allez les bleus", dröhnt es aus dem kleinen Carillon nach draußen. Auf dem Vorplatz, an dem fünf Straßen zusammenlaufen, stehen haufenweise junge Menschen herum. Sie genießen den warmen Sommerabend, reden, lachen, werfen ab und zu einen Blick hinter sich auf die Leinwand. "Keiner hier will an die 'Attacks' zurückdenken, wir wollen das Leben leben. Und im Ernst: Sollen die Arschlöcher doch noch mal kommen. Sollen sie doch wieder auf uns schießen. Irgendwann werden sie merken: Wir sind zu viele, sie können uns niemals alle töten, wir kommen wieder und wieder", sagt Muriel, ein etwa 1,70 Meter großer Mann. Der 22-Jährige studiert Soziologie, er sagt, er käme an zwei bis drei Abenden in der Woche ins Carillon, es sei sein Wohnzimmer. Er sei auch schon vor dem 13. November hergekommen. Seine Freunde ziehen ihn zurück ins Lokal, er solle sich "nicht so runterziehen lassen", brüllen sie.

Die Leute im Carillon wirken trotzig, sauer, genervt. Sie wollen nur feiern und nicht ewig über die Terroristen sprechen. Nichts im Carillon erinnert sichtbar an die Angriffe. Keine Plakette, keine Statue, kein Mahnmal.

Barbesucher im Casa Nostra
Jeannette Corbeau

Barbesucher im Casa Nostra

Geht man die Straße hoch, nur ein paar Meter, kommt irgendwann die Rue de la Fontaine-au-Roi. Hier schossen die Terroristen auf das Café Bonne Bière und auf das direkt daneben liegende Casa Nostra: fünf Tote, acht Schwerverletzte.

Heute Abend findet man im "Casa Nostra" trotzdem kaum einen Sitzplatz. Erst als ein US-Amerikaner zwei zusätzliche Stühle an seinen Tisch stellen lässt und die Plätze anbietet, bekommt man noch eine Chance, die zweite Halbzeit des Spiels zu sehen. Jonathan, ein Tourist aus New York, trinkt schweren Rotwein. Er hat eigentlich keine Ahnung von "Soccer", aber er findet die Atmosphäre gut, sagt er. Ob er keine Angst habe, das Spiel an diesem Ort zu schauen, an dem Menschen gestorben sind, weil sie ebenfalls nur die Atmosphäre genießen wollten? Jonathan reißt die Augen auf. "Oh, really?", fragt er. "Hier? Hier waren die 'Attacks'? Unbelievable!"

Auch hier, rund um diesen ehemaligen Tatort, gibt es nichts, das an die Anschläge erinnert. Touristen, die den Ort nicht kennen, können nicht wissen, welches Horrorszenario sich hier abgespielt hat, wie viel Blut hier geflossen ist. Heute erinnert im Casa Nostra nichts mehr an die Toten, die Einschusslöcher in den Scheiben, die gebrochenen Stühle und die umgeworfenen Tische.

Vor dem Bataclan
Jeannette Corbeau

Vor dem Bataclan

Bis zum Bataclan dauert es von hier zu Fuß etwa acht Minuten. Es ist ein Spaziergang vorbei an vielen Gemüseläden, an flippigen Boutiquen, an Metzgereien, die auch noch spätabends Berge an Fleisch in ihren Schaufenstern liegen haben. Es ist ein buntes Viertel, in vielen der Lokale wehen zahlreiche Flaggen der EM-Teilnehmer. Die Menschen hier versuchen, die Religion und die Herkunft hinter das gemeinsame Zusammenleben zu schieben. Es gelingt nicht immer, aber so gut es eben geht.

Das Bataclan war immer Ausdruck dieses Lebensgefühls. Die Musikhalle wurde 1864 erbaut, man erkennt sie von außen sehr leicht an den vielen bunten Farben der Fassade. Hier spielte am 13. November die Band Eagles of Death Metal, als die Terroristen das Konzert stürmten und in einer rund zweieinhalbstündigen Geiselnahme 89 Menschen töteten.

Das Bataclan ist seitdem geschlossen. Ein grün-weißes Absperrgitter steht vor dem Haupteingang, rund um das Gebäude ist ein Stahlgeländer gespannt. Irgendwer hat "Je t'aime Paris" an das Gitter gesprayt.

Das Bataclan wird für immer das größte Mahnmal für die Angriffe sein.

Auf dem Rückweg zum Carillon hört man Leute aus den Häusern jubeln und fluchen, man sieht Frankreichfahnen aus den Fenstern wehen. Was man nicht sieht: Polizei. Nirgendwo. Weder auf dem Weg zwischen Carillon und Bataclan, noch in irgendeinem der Lokale selbst.

Spricht man mit den Einwohnern, dann sagen sie, der Terroranschlag sei "wie ein Unwetter". So etwas sei tragisch, könne aber leider passieren, immer, überall. Danach müsse man aber weiterleben. "Wer glaubt, dass wir hier Angst haben, der versteht nicht, aus was dieser Ort gemacht ist", ruft ein älterer Mann aus seinem Fenster. Seine beiden Söhne lachen, weil dem Alten beim Herumschreien fast das Gebiss herausgefallen wäre. Die Jungs, beide gebürtige Marokkaner, sagen, sie hätten schon länger nicht mehr an die Terroristen gedacht. Das sei alles schon ganz weit weg, fast vergessen.

Es wirkt, als wolle hier niemand den Schmerz aus dem November wirklich zulassen, die Medizin des 11. Arrondissements scheint der Trotz zu sein.

Wieder zurück im Carillon findet man kaum noch einen Platz im Laden, es ist zu voll. Alle starren auf die Leinwand, es ist hochspannend, zwischen den Teams von Frankreich und Rumänien steht es 1:1, die letzten Minuten laufen. Als Dimitri Payet in der 89. Minute den 2:1-Siegtreffer erzielt, erreicht die Stimmung den Höhepunkt. Die Menschen fallen sich in die Arme, eine Frau tanzt vor der Leinwand, es wird gejubelt.

An diesem Abend ist der Trotz eine gute Medizin.



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