Empörung in Brasilien Erzbischof relativiert den Holocaust

Die katholische Kirche hat erneut ein Problem - der brasilianische Erzbischof Dadeus Grings behauptet in einem Interview, nicht die Juden, sondern die Katholiken seien Hauptopfer des Holocaust. Der Mann fällt nicht zum ersten Mal mit entsprechenden Äußerungen auf.

Der brasilianische Erzbischof Dadeus Grings hat mit einer relativierenden Äußerung über den Holocaust für Empörung gesorgt. "Die Juden reden über etwa sechs Millionen Tote. Aber wie viele Katholiken wurden Opfer des Holocausts? Es waren insgesamt 22 Millionen", sagte Erzbischof Dadeus Grings aus dem südbrasilianischen Porto Alegre am Freitag dem Werbefachblatt "Press & Advertising".

"Während die Juden behaupten, die Hauptopfer des Holocausts zu sein, waren die größten Opfer doch die Zigeuner, weil sie ausgerottet wurden", sagte der Bischof außerdem. Das sei der Öffentlichkeit deshalb nicht bewusst, weil "die Juden die Kontrolle über die Propaganda" in der Welt hätten.

Die Äußerungen sorgten für einen Aufschrei der Empörung. Die jüdische Gemeinde des Staates Rio Grande do Sul beschuldigte den Erzbischof umgehend, nicht zum ersten Mal den Holocaust verzerrt zu haben. Laut Henry S. Chmelnitsky, dem Sprecher der Federación Israelita de Río Grande do Sul, habe Erzbischof Grings diese und ähnliche Positionen bereits mehrmals öffentlich vertreten, erstmals in den neunziger Jahren .

Damit hat die katholische Kirche erneut ein Problem mit einem altgedienten, wie hochrangigen und meinungsfreudigen Priester. Der 1936 geborene Grings wurde 1961 ordiniert und bereits 1991 von Johannes Paul II. zum Bischof geweiht. Seit 2000 ist er Erzbischof, seit 2001 steht er der Erzdiözese seiner Geburtsstadt Porto Alegre vor. Im Einzugsbereich der städtischen Diözese leben rund vier Millionen Menschen.

Nur weltfremd?

Bei denen sorgt Erzbischof Grings nicht zum ersten Mal für Diskussionsstoff. Weltweite Schlagzeilen machte er erstmals vor sechs Jahren mit der These, dass dem Problem des Hungers nicht durch Geburtenkontrolle, die er als "Reduzierung der Zahl der Esser" erklärte, beizukommen sei, sondern durch eine Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung.

Dazu gehöre es, dass man die Familienplanung sinnvoll gestalte: Wohlhabende sollten mehr Kinder bekommen, statt dies "zum Schaden der Gesellschaft" zu unterlassen, während Arme, die sich deren Ernährung gar nicht leisten könnten, sich zurückhalten sollten, statt sich verantwortungslos fortzupflanzen. Enthaltsamkeit sei hier der Schlüssel, vor allem die außereheliche Fortpflanzung, bei denen Frauen sogar Kinder von mehreren verschiedenen Vätern bekämen, hielt der Erzbischof für bekämpfenswert.

Seine Äußerungen sorgten in einem Land mit ausgeprägten urbanen Slums, in denen auch Elendsprostitution zum Alltag gehört, für wenig Begeisterung.

Kein Versehen: Grings und der Holocaust

Auch über den Holocaust äußerte sich Grings nicht zum ersten mal. Bereits 2003 hatte er in einem Artikel in der Zeitung "A Folha De Sao Paolo"  den Vergleich aufgestellt, "eine Million" jüdischer Opfer ließen sich nicht mit der weit größeren Zahl christlicher Opfer vergleichen.

Diese Opferzahl hatte Grings, den die Lokalzeitung gern mit "de origem alemã" ("von deutscher Herkunft") bezeichnet, bei mehreren Gelegenheiten öffentlich gebraucht, nach Angaben der jüdischen Gemeinde bereits in den Neunzigern. Der Artikel vom 23. März 2003 enthält auch eine Variante des nun gebrauchten Vergleichs: Den "angeblich sechs Millionen" jüdischen Opfern stünden 22 Millionen katholischen Kriegsopfer gegenüber.

Der Artikel blieb außerhalb Brasiliens zunächst fast unbemerkt, wie im aktuellen Fall kam es allerdings zu öffentlichen Protesten der jüdischen Gemeinde. Erst als eine katholische Website ihn im Sommer 2003 erneut veröffentlichte, kam es zu größerer öffentlicher Empörung: Nachdem der israelische Botschafter in Brasilien dem dortigen Nuntius des Vatikan eine offizielle Protestnote übergab, äußerte sich Grings "überrascht über die Aufregung", da es doch keine Reaktion gegeben habe, als er den Artikel erstmals veröffentlichte.

In einer Protestnote ruft die jüdische Gemeinde von Porto Alegre den Erzbischof nun auf, seine aktuellen Äußerungen "zu überdenken". Darin heißt es unter anderem: "Durch die Wiederholung von Stereotypen, die von Nazis eingeführt wurden, stellt sich Dom Dadeus auf die falsche Seite der Geschichte. Seine Äußerungen verletzen nicht nur Juden, sondern auch Millionen von Roma, von Behinderten, Homosexuellen und Gegnern des Nazi-Regimes, die ebenfalls ermordet wurden."

Der Vorfall erinnert stark an den Skandal um Richard Williamson, einem Bischof der Piusbruderschaft, dessen zeitweilige Exkommunikation Anfang des Jahres von Papst Benedikt XVI. aufgehoben worden war. Der erschütterte die katholische Kirche mit einem Interview, in dem er ganz beiläufig tiefe Einblicke in eine wenig konsensfähige Geschichtsauffassung gab: Der bis dahin in Argentinien tätige Williamson bezweifelte, dass es im Rahmen des Holocaust überhaupt zur systematischen Vernichtung von Menschenleben in Gaskammern gekommen sei.

Williamson ist inzwischen seiner Funktionen enthoben, aus Argentinien ausgereist und nach Großbritannien geflogen. Am Freitag hatte der Kölner Erzbischof und Kardinal Meisner mit scharfen Worten eine Entschuldigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel an Papst Benedikt XVI. gefordert, weil diese den Papst wegen der Aufhebung der Exkommunikation Williamsons kritisiert habe. Der Kardinal betonte, der Papst habe keinen Holocaust-Leugner rehabilitiert. "Der Papst wusste nichts von den unsäglichen Äußerungen Bischof Williamsons, "und die Aufhebung einer Exkommunikation ist auch keine Rehabilitierung."

Williamson hat sich von seinen Äußerungen bisher nicht distanziert. Nach eigener Aussage hält er sich zurzeit in einem Haus der Piusbruderschaft in England auf. In seinem bisher letzten öffentlichen Statement vom 21. März  heißt es: "Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich etwas dagegen hätte, zum Schweigen gebracht worden zu sein. Aber wenn die Alternative so aussieht, dass ich nur die Dinge sagen könnte, die den 'Herren von der Presse' in den Kram passen, dann ziehe ich die Stille vor." Einsicht klingt anders.

mit Informationen von AFP
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.