Entwöhnung Ohne Rauch geht’s auch

Wenn die Politik Recht behält, sind sie die Pioniere einer breiten Bewegung: Am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf lernen Kettenraucher, dem Nikotin zu entsagen. Vom Rauchverbot halten die meisten dennoch nur wenig.

Hamburg - Die Abstinenzler-Avantgarde trifft sich im ersten Stock eines unscheinbaren Flachbaus aus rotem Klinker: Haus S 37, Bereich Süd, Universitätsklinikum Eppendorf. Drei Frauen und vier Männer sitzen in einem schmucklosen Seminarraum. Grauer Nadelfilzteppich, Stuhlkreis, Flipchart, darauf hat jemand mit schwarzem Schreiber notiert: "Normalität, Ablenkung, Klarheit, feste Regeln".

Früher haben die sieben, die an dem Programm "Rauchfrei in zehn Schritten" der Diplom-Psychologin Bettina Düker teilnehmen, zusammen wöchentlich etwa 1000 Zigaretten durchgezogen, das sind etwa 50 Schachteln für insgesamt 200 Euro. Gemeinsam bringt es die Gruppe, darunter der Geschäftsführer eines Betriebes für medizinische Geräte, eine Kellnerin, ein Bühnenarbeiter und ein Bibliothekar, auf fast 200 Jahre Kettenraucherei. Für jeden von ihnen war es ein langer, ein schwieriger Weg bis zu dem Punkt, an dem sie sich sagten: Ich höre jetzt auf.

Nun ist es vollbracht, und wenn man den Versicherungen der Ämter, Krankenkassen und Hilfseinrichtungen glauben darf, werden dem Beispiel dieser glorreichen Sieben viele weitere Menschen folgen. Nach Inkrafttreten des ausgedehnten Rauchverbots sollen, so hofft es die Politik, mehr und mehr Bundesbürger dem Nikotin entsagen. Und diese Erwartung, dieses Ziel macht die frisch gebackenen Ex-Raucher in Raum 115 zu so etwas wie den Pionieren eines nikotinlosen Lebens.

Doch so heterogen wie die Gruppe ist, so vielfältig sind auch Standpunkte der Seminarteilnehmer zum Nichtraucherschutz. Da gibt es zum Beispiel den Typus des einsichtigen Ex-Qualmers: Sascha, ein lebensfroher Unternehmer in schwarzem Cordhemd und beiger Jeans. Er sagt: "Die Nichtraucher stellen die Mehrheit in Deutschland und sie verdienen, endlich berücksichtigt zu werden." Er habe keine Lust mehr gehabt, nur noch vor der Tür zu qualmen und damit ständig Außenseiter zu sein, deshalb habe er aufgehört. Das ausgedehnte Rauchverbot sei daher "auslösendes Moment" seines Entschlusses gewesen. Auch Jürgen, Saschas Nebenmann zur Linken, wollte nicht mehr derjenige sein, der sich "fortwährend dissozialisiert". Seine letzte Zigarette erlosch vor wenigen Wochen.

Im Kreis neben Jürgen wiederum sitzt Marc, gescheitelte Haare, Anzug, Krawatte, und schüttelt heftig den Kopf: Es sei alleine sein Entschluss gewesen, das Rauchen aufzugeben, mit der veränderten gesetzlichen Situation habe das nichts zu tun gehabt. "Es ärgert mich, dass in Deutschland zunehmend in die persönlichen Rechte des Einzelnen eingegriffen wird." Friderique, die Frau an seiner Seite, spricht gar von "Totalitarismus" und fühlt sich vom "Extremismus der Nichtraucher" bedroht, obschon sie nun selbst zu ihnen zählt.

In der Tat ist es verwunderlich, dass fast alle Neu-Nikotinabstinenzler, die sich seit neun Wochen regelmäßig im Krankenhaus treffen, das Rauchverbot auf der einen Seite als Hilfe für sich erleben und auf der anderen Seite zumeist entschieden ablehnen. "Der Raucher steckt eben noch immer in ihnen. Meine Patienten müssen erst eine neue Identität als Nichtraucher aufbauen", erklärt Psychologin Düker das widersprüchliche Phänomen. Gleichwohl will sie beobachtet haben, dass sich mit den neuen Gesetzen auch die Nachfrage nach Entwöhnungsseminaren erhöht habe.

Aussagekräftige Zahlen zur gestiegenen Teilnahme an Nichtrauchertrainings gibt es noch nicht, doch der Bedarf ist groß: Jeder dritte Erwachsene in Deutschland greift regelmäßig zur Zigarette. An den unmittelbaren Folgen ihrer Sucht sterben jährlich rund 140.000 Bundesbürger. Und der Drogenbericht der Bundesregierung verzeichnet zudem 3300 Nichtraucher, die jedes Jahr ums Leben kommen, weil sie dauerhaft den schadhaften Qualm eingeatmet haben.

Doch Verbote können Abhilfe schaffen, wie internationale Vergleiche zeigen. In Irland habe die Zahl der Herzinfarkte seit dem Rauchverbot im März 2004 um elf Prozent abgenommen, sagen irische Wissenschaftler. In Schottland waren es im Jahr nach der Rauchstunde null sogar 17 Prozent, und in der Stadt Pueblo im US-Bundesstaat Colorado (Slogan: "Home of Heroes") stockten nach dem öffentlichen Qualmverbot 27 Prozent weniger Herzen als zuvor.

"Ich schmecke mein Essen wieder"

"Der Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Herzinfarkt ist inzwischen hervorragend belegt", sagt Tobias Raupach, wissenschaftlicher Leiter der Raucherentwöhnungsambulanz an der Universitätsklinik Göttingen. Beim Rauchen, ob aktiv oder passiv, könne bereits eine minimale Dosis einen maximalen Effekt nach sich ziehen. Ähnlich wie bei einer Schneelawine reicht schon ein kleiner Anstoß zu einer Kaskade von Ereignissen: Schon wenige Stunden Passivrauchen führen zu messbaren Veränderungen im Blut.

Die Dauerraucher a. D. beschäftigen sich mit diesen wissenschaftlichen Weisheiten wenig, viel eher preisen sie wortreich die Vorzüge der neu gewonnenen Unabhängigkeit vom Nikotin. Marc berichtet, er fühle sich frischer als früher. Jürgen sagt: "Mein Geruchsinn hat sich deutlich verbessert, ich schmecke mein Essen wieder und freue mich auf den Frühling, weil ich ihn zum ersten Mal seit langer Zeit werde riechen können." Und Sascha beglücken das "gesteigerte Selbstbewusstsein" und der Umstand, dass er sich nun nicht mehr schlecht und schuldig fühlen müsse wie früher als Raucher.

Die sieben wissen, dass sich nicht "leichsinnig" werden dürfen und "streng mit sich" sein müssen, wollen sie keinen Rückfall erleiden. "Eine Zigarette reicht, um mich wieder zum Raucher zu machen", sagt Klaus. Doch Jürgen ist überzeugt von seinem Weg und seiner Willensstärke: "Die Zigarette", so sagt der junge Mann im Kapuzenpulli, "ist für mich zur hässlichen Frau geworden. Ich will und werde sie nicht mehr anrühren."

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