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16. Juni 2015, 22:14 Uhr

Enzyklika von Franziskus

Der grüne Papst

Von , Rom

Am Donnerstag präsentiert der Papst seine Enzyklika zum Thema Umwelt, Lobbyisten wollten massiv Einfluss auf den Kirchentext nehmen. Eine nicht autorisierte Fassung ist ins Netz gelangt. Was steht drin?

Laudato si' - gelobt seist du: So lautet der Titel des päpstlichen Lehrschreibens über den Umgang mit der Umwelt, oder, wie der Papst es ausdrückt, "über die Pflege des gemeinsamen Hauses". Und eigentlich ist damit fast alles gesagt. Laudato si', so beginnt nämlich eine Zeile im "Sonnengesang" des Heiligen Franziskus von Assisi, geschrieben im 13. Jahrhundert kurz vor seinem Tod. Darin preist er Sonne, Mond und Sterne, Luft und Wasser und natürlich "Mutter Erde, die uns ernährt und vielfältige Früchte hervorbringt und Kräuter".

In der Tradition jenes tier- und umweltliebenden Ordensmannes will nun auch der Papst die Schöpfung preisen und die Menschheit zugleich dazu anhalten, diese göttliche Leihgabe zu bewahren und zu pflegen. Nicht sonderlich aufregend, scheint es auf den ersten Blick. Und doch haben sich viele schon vorab darüber gewaltig aufgeregt, sich Sorgen oder Hoffnungen gemacht.

Denn wenn ein Papst über die Umwelt schreibt und dabei womöglich konkret wird, dann stehen handfeste Interessen auf dem Spiel. So schreckten nicht nur Energiekonzerne und Autobauer auf, als Papst Franziskus ankündigte, eine Enzyklika zur Umwelt zu schreiben. Agrargiganten und Geldhäuser, Wirtschaftsverbände und Regierungen fürchteten sogleich, dass dieser unberechenbare Katholikenführer Schaden anrichten könnte. Sie schickten Lobbyisten und genehme Wissenschaftler in den Vatikan, um dort zur Meinungsbildung in ihrem Sinne beizutragen.

So wurden zum Beispiel Mitarbeiter des Heartland Institutes, einer konservativen Denkfabrik aus Chicago, in Rom vorstellig. Sie wollten den Papst "vor dem Fehler" bewahren, so heißt es auf ihrer eigenen Homepage, "seine enorme moralische Autorität für Schrott-Wissenschaften und -Politiken einzusetzen, die die Welt nur noch schlechter machen". Deshalb haben sie sich bemüht, ihm klarzumachen, "dass menschliche Aktivitäten keine Klimakrise auslösen".

Exxon zu Gast im Vatikan

Auch der mächtige Energiemulti Exxon half dem Papst bereitwillig beim Nachdenken über die globalen Probleme. Anfang dieses Monats reisten seine Experten im Vatikan an und präsentierten die Exxon-Vorstellungen von Umweltschutz in einer Power-Point-Präsentation. Selbst aus der katholischen Innenwelt kamen gut gemeinte Warnungen. So meldete sich beispielsweise Donald Wuerl, der Erzbischof von Washington, mit dem Gedanken, Umweltschutz sei gewiss wichtig, dürfe freilich "die wirtschaftliche Entwicklung nicht gefährden".

Gleicher Druck kam von der Gegenseite. Umweltverbände aus aller Welt drängten den Papst, sich für ihre Ziele einzusetzen. Uno-Chef -Ban Ki Moon umwarb Franziskus als Helfer für die nächste Klimarunde, diesen Herbst in Paris.

Wohl nie zuvor hat es vor einer Enzyklika einen derartigen Auflauf von Interessenvertretern im Vatikan gegeben. Auch in den Medien ist die Diskussion voll entbrannt, noch ehe das rund 200 Seiten umfassende Werk an diesem Donnerstag offiziell vorgestellt wird. Unautorisierte Fassungen des Lehrschreibens zirkulieren bereits. Vergeblich warnt der Vatikansprecher davor, diese zu zitieren. Die Text-Exegese hat begonnen. Manche hoffen auf eine antikapitalistische Kampfschrift, anderen wäre ein harmlos-religiöser Text über die Schöpfung lieber.

Der Papst selbst hatte ja schon vieles über die Ziele der Enzyklika vorab erklärt. Er sieht seine Schrift als einen "dringenden Appell, über die Zukunft des Planeten zu diskutieren", als einen Weckruf, der sich nicht nur an seine katholischen Glaubensbrüder richte, sondern an die ganze Menschheit. Dabei geht es ihm nicht nur um eine ökologische Betrachtung. Auch über Armut und Hunger, Krankheit und Arbeitslosigkeit, Chancengleichheit und Freiheit müsse neu nachgedacht werden, sagt Franziskus, weil es ebenso umweltrelevante Aspekte seien wie die Erderwärmung, die Verschmutzung von Flüssen und Meeren, die Plünderung und Vermüllung "unseres gemeinsamen Hauses".

Für eine neue weltweite Solidarität

Um diese Probleme zu lösen, schreibt Papst Franziskus, "brauchen wir eine neue weltweite Solidarität". Die Verbindung von ökologischen, sozialen und politischen Fragen ist wohl das Leitmotiv des päpstlichen Schreibens. Es findet sich immer wieder in dem durchgesickerten Entwurf, und es bleibt, selbst wenn sich der endgültige Wortlaut noch etwas von den jetzt umlaufenden Fassungen unterscheiden sollte, die zentrale Botschaft.

Franziskus fordert die Menschheit auf, andere Wege im Umgang mit der Welt zu suchen, vor allem "andere Formen des Wirtschaftens". Eile ist bei dieser Suche wohl geboten, denn der Globus, den das Katholiken-Oberhaupt beschreibt, ist in einem schlechten Zustand. Er schreibt davon, dass die Erde sich immer mehr in eine "gewaltige Müllhalde" zu verwandeln scheine; dass das "Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser" einem großen Teil der Erdbevölkerung vorenthalten werde; dass Menschen in weiten Teilen der Welt kein Dach über dem Kopf hätten, während in anderen ein "skandalöses Konsumniveau" herrsche.

Der Text schlägt einen großen Bogen vom Verlust an Artenvielfalt bis zur globalen Ungleichheit, mit einer sozialen Degradierung in großem Umfang. Franziskus macht die Politik verantwortlich für die Misere, erwartet aber offenbar kaum Besserung von dieser Seite.

Die Menschen selbst, so seine Botschaft, müssen sich ändern, um das System zu ändern. Vor allem jene, die im Überfluss leben. Die können den Gebrauch "von Plastik und Papier" ebenso reduzieren wie ihren Wasserkonsum. Sie können Müll trennen und sollten "nur das kochen, was sie wirklich essen", sollten andere Lebewesen rücksichtsvoll behandeln, mit anderen im Bus fahren, statt allein im Auto, Bäume pflanzen und Lampen ausschalten, die sie nicht brauchen.

Für viele Umwelt- und Sozialkritiker ist das Konzept vielleicht nicht gerade revolutionär, aber mit der Aussicht verbunden, so Franziskus, "mit weniger besser zu leben".

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