Italien Nach schwerem Erdbeben nahe Rom - Deutschland bietet Hilfe an

Bei einem Erdbeben im Zentrum Italiens sind Dutzende Menschen gestorben. Nach Angaben des Bürgermeisters traf es den Ort Amatrice besonders hart: "Die Hälfte des Ortes gibt es nicht mehr."


Mittelitalien ist in der Nacht zu Mittwoch von einem Erdbeben erschüttert worden. Nach Angaben des US-Erdbebeninstituts USGS hatte es eine Stärke von 6,2 und ereignete sich in einer Tiefe von etwa zehn Kilometern. Das Epizentrum lag demnach südöstlich der Stadt Norcia in der Provinz Perugia.

Seit dem Morgen steigen die bestätigten Todeszahlen immer weiter an. Laut Zivilschutz kamen mindestens 73 Menschen ums Leben. In mehreren Orten wurden schwere Schäden gemeldet. Am stärksten betroffen waren Accumoli, Amatrice, Posta, Pescara del Tronto und Arquata del Tronto. Dicht besiedelte Gebiete dürften ersten Erkenntnissen zufolge jedoch verschont geblieben sein, da sich das Beben in einer Bergregion ereignete, in der mehrere Nationalparks liegen.

Amatrices Bürgermeister Sergio Pirozzi berichtete, zahlreiche Menschen seien unter Trümmern begraben. "Wir bereiten einen Ort für die Leichen vor", sagte Pirozzi der Nachrichtenagentur Ansa. Ziel sei es nun, so viele Verschüttete zu retten wie möglich. Straßen seien blockiert, der Strom sei ausgefallen, es herrsche Chaos. "Es ist ein Drama", sagte er dem Sender Rai. "Die Hälfte des Ortes gibt es nicht mehr." Die Nachrichtenagentur Ansa berichtete, bislang seien in Amatrice sechs Tote geborgen worden. Ärzte halfen einem verletzten sechsjährigen Zwilling aus den Trümmern. Der Bruder des Jungen sei noch verschüttet, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa.

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Provinzen Rieti und Ascoli Piceno: Zerstörung nach dem Erdbeben

"Jetzt, wo die Sonne aufgegangen ist, sehen wir, dass die Lage schlimmer ist als befürchtet", sagte der Bürgermeister der Kleinstadt Accumoli, Stefano Petrucci. Zwei Menschen seien tot geborgen worden. Zudem sei ein Elternpaar mit zwei kleinen Kindern unter den Trümmern, und es gebe kein Lebenszeichen.

Der Zivilschutz meldete zudem mindestens zehn Todesopfer in Pescara del Tronto: Dort sei unter anderem ein Ehepaar beim Einsturz seines Hauses getötet worden. Zwei Kinder konnten bislang lebend aus den Trümmern gerettet werden.

Das Beben beschädigte mehrere Krankenhäuser, unter anderem in Amatrice. Die Patienten müssten weggebracht werden, berichtete Ansa. Auch in anderen Orten der Region wurden Krankenhäuser und Seniorenheime geräumt.

Nach ersten Schätzungen sind mehrere Tausend Menschen vorerst obdachlos. Allein der Bürgermeister von Accumoli sprach von 2.500 Menschen ohne Dach über dem Kopf. Es sei kein einziges Haus mehr bewohnbar. "Wir müssen eine Zeltstadt für die gesamte Bevölkerung organisieren", sagte Petrucci der Nachrichtenagentur Ansa zufolge. "Obwohl August ist, herrschen hier nachts zehn Grad."

Der Erdstoß war auch in der rund 170 Kilometer entfernten Hauptstadt Rom deutlich zu spüren. Dort wackelten einige Häuser für etwa 20 Sekunden, wie die Zeitung "La Repubblica" berichtete. Einem Sprecher der italienischen Feuerwehr zufolge liegen Berichte über Verletzte vor. Genaue Angaben gebe es noch nicht, nach Sonnenaufgang wurden Hubschrauber losgeschickt.

Karte: Wo war das Erdbeben in Italien?

"Es gab an die hundert Nachbeben, das stärkste davon hatte eine Stärke von 5.4", sagte Andrea Tertulliani vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanismus dem Nachrichtensender Rai News 24. Es könne zudem zu weiteren Nachbeben kommen. "Wie stark, das kann man nicht voraussagen. Man kann aber auch nichts ausschließen."

Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .

Wie die italienische Regierung berichtete, berief der Chef des nationalen Zivilschutzes, Fabrizio Curcio, ein Notfallkomitee ein. Er sprach von einem "schweren Beben", es sei vergleichbar mit dem in der Stadt L'Aquila im Jahr 2009. Damals waren mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen. "Das, was wir in L'Aquila vor Jahren gesehen haben, ist nun hier geschehen", sagte auch der Bürgermeister von Accumoli, Stefano Petrucci.

AußenministerFrank-Walter Steinmeier (SPD) hat Italien Unterstützung aus Deutschland angeboten. "Die Nachrichten aus Italien über das nächtliche Erdbeben habe ich mit Erschrecken aufgenommen", teilte Steinmeier in einer Nachricht via Twitter mit. "Wir stehen in dieser Stunde in Trauer und Solidarität vereint an der Seite unserer italienischen Freunde und Partner." Außerdem bot Steinmeier Hilfe an: "Wenn gewünscht, stehen wir natürlich bereit, Unterstützung zu leisten."

Bundespräsident Joachim Gauck äußerte sich in einem Kondolenzbrief an das italienische Staatsoberhaupt Sergio Mattarella: "Mit großer Bestürzung habe ich die Bilder der Zerstörung gesehen, die das Erdbeben in Umbrien hinterlassen hat." Gauck sprach Mattarella und den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. "Den vielen Verletzten sende ich meine besten Genesungswünsche."

Die Europäische Union bot ebenfalls Unterstützung an. "Die EU steht bereit zu helfen", teilte Krisenmanagement-Kommissar Christos Stylianides mit. Das Zentrum für die Koordination von Notfallmaßnahmen sei bereits in Kontakt mit den italienischen Behörden. In einem ersten Schritt fragte Italien nach Angaben aus Brüssel die Nutzung des EU-Satellitenbilder-Dienstes EMS an. Dieser wurde eingerichtet, um im Katastrophenfall die Lagebeurteilung zu erleichtern.

Auch das Oberhaupt der Katholischen Kirche äußerte sich bestürzt. "Ich kann meinem Schmerz und meine Anteilnahme für die Opfer kaum in Worte fassen. Zu wissen, dass unter den Opfern auch Kinder sind trifft mich sehr", sagte Papst Franziskus bei seiner Mittwochsaudienz auf dem Petersplatz in Rom.

Präsident Sergio Mattarella sprach von einem "Moment des Schmerzes und der Verantwortung": "Das ganze Land muss sich in Solidarität mit der betroffenen Bevölkerung zusammenschließen."

"Diese Bilder zu sehen, das hätte ich mir nie vorstellen können. Das tut weh, diese kleinen Orte so getroffen zu sehen", sagte Giuseppe Rinaldi, Präsident der Provinz Rieti.

Ministerpräsident Matteo Renzi sagte seine Termine für Mittwoch und Donnerstag ab. "Wir lassen niemanden alleine", sagte Renzi. Es gehe nun vor allem darum, weitere Opfer aus den Trümmern zu retten. Er dankte den Helfern, die teils vom ersten Moment mit bloßen Händen nach Verschütteten gegraben hatten. Renzi will am Nachmittag aus Rom in das Erdbebengebiet reisen.

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien
Erdbeben 2009 in L‘Aquila
Am 6. April 2009 bebte in der Region Abruzzen um die mittelalterliche Stadt L‘Aquila nachts um 3.32 Uhr die Erde. Das Beben hatte nach verschiedenen Messungen eine Stärke von 5,8 bis 6,3 auf der Richter-Skala . Mehr als 290 Menschen kamen ums Leben, Schätzungen zufolge wurden rund 17.000 Menschen obdachlos.
2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise)
Bei einem Erdbeben der Stärke 5,3 auf der Richter-Skala starben am 31. Oktober 2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise) 30 Menschen - darunter 26 Kinder, die unter den Trümmern ihrer baufälligen Schule verschüttet wurden.
1997 in Umbrien und Marken
Ein Beben der Stärke 5,7 auf der Richter-Skala beschädigte am 26. September 1997 in den Apennin-Regionen Umbrien und Marken in 77 Orten etwa 9000 Gebäude. Insgesamt starben zwölf Menschen. Schwere Schäden erlitt auch die Basilika San Francesco von Assisi , in der sich weltberühmte Fresken von Giotto und Cimabue befinden. Als ihr Dach einstürzte, starben vier Menschen. Der Gesamtschaden des Bebens wird auf umgerechnet mindestens 2,56 Milliarden Euro beziffert.
1980 in Irpinia
Ein Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschütterte am 23. November 1980 das süditalienische Gebiet Irpinia . Über 3000 Menschen verloren ihr Leben, rund zehntausend Menschen wurden verletzt.
1976 in Friaul
Bei einem Erdbeben der Stärke 6,5 auf der Richter-Skala in Friaul kamen im Mai 1976 etwa 970 Menschen ums Leben, 70.000 Menschen wurden obdachlos. Die Erdstöße waren bis nach Bayern spürbar.
1915 in Avezzano
Am 13. Janur 1915 gab schon einmal ein schweres Erdbeben in der Provinz L’Aquila . Das Epizentrum lag in der der Stadt Avezzano , die vollständig zerstört wurde. Das Beben der Stärke 7,5 auf der Richter-Skala forderte nach Schätzungen fast 30.000 Todesopfer.
1908 in Messina (Sizilien)
Am 28. Dezember 1908 erschütterte eines der schwersten Erdbeben Europas mit einer Stärke von 7,5 auf der Richter-Skala die sizilianische Stadt Messina und die Region Südkalabrien . Mehr als hunderttausend Menschen starben.
Erdbeben in L'Aquila 2009

aar/kbl/dpa/Reuters/AFP



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