Zufallsfund im Wald bei Seevetal Erddepot könnte Bunker der »Revolutionären Zellen« sein

Die in Niedersachsen im Waldboden vergrabene Plastiktonne aus den Achtzigerjahren könnte nach SPIEGEL-Informationen ein Versteck der »Revolutionären Zellen« sein. Darauf deuten dort gefundene Schriftstücke der Terrorgruppe hin.
Fundstelle bei Seevetal, Niedersachsen

Fundstelle bei Seevetal, Niedersachsen

Foto: Axel Heimken / dpa

Es war ein Zufallsfund. Beim Baumfällarbeiten stießen Arbeiter am vergangenen Freitag im niedersächsischen Seevetal auf eine runde Plastiktonne, die im Waldboden vergraben war, nur wenige Zentimeter unterhalb der Bodendecke. Der Inhalt: Ordentlich in Plastikhüllen verpackte Schriftstücke und diverse Chemikalien samt einer Bombenbauanleitung. Sofort kam die Frage auf: Handelt es sich um eine sensationelle Hinterlassenschaft der RAF? Ein Erdbunker, der helfen könnte die letzten Geheimnisse der Roten-Armee-Fraktion zu lüften, die Deutschland in den Siebziger- und Achtzigerjahren mit einer Serie von Mord- und Terroranschlägen überzog?

Eine erste Sichtung des Materials in der Tonne deutet nach SPIEGEL-Informationen auf eine andere Terrororganisation hin. Am Samstagabend versandte die Polizei einen internen Vermerk, in dem es um eine erste Sichtung der Inhalte geht. Nach »Inaugenscheinnahme der Fotos mit den lesbaren Seiten scheint es sich um Schriftmaterial aus den Reihen der bundesweit agierenden Revolutionären Zellen zu handeln«, heißt es in dem Papier. Unter anderem befindet sich demnach ein Artikel aus dem April 1980 unter den Fundstücken. Er stammt aus der Publikation »Revolutionärer Zorn«, Nr. 7, einer Zeitung der Revolutionären Zellen.

Depot der »Feierabendterroristen«?

Die Revolutionären Zellen (RZ) waren eine ebenfalls von den Siebzigern bis in die Neunzigerjahre hinein in der Bundesrepublik aktive Terrorgruppe. Anders als die straff im Untergrund organisierten Terroristen der RAF, handelten die Revolutionären Zellen in kleinen unabhängigen Gruppen, die nebenbei ganz normalen Berufen nachgingen und sich politisch engagierten. Darum wurden sie bisweilen auch als »Feierabendterroristen« belächelt.

Auf das Konto der RZ gehen eine ganze Reihe von Anschlägen und sogenannten Knieschussattentaten. Gezielte Tötungen von Menschen lehnten sie – anders als die RAF – indes ab.

Die RZ verübte Anschläge auf den ITT-Konzern in Berlin und Nürnberg, die »Rote Zora«, ein Ableger von militanten Frauen, führte einen Bombenanschlag auf das Bundesverfassungsgericht durch. Zudem gab es einen internationalen Ableger der RZ, deren Mitglieder sich an dem Überfall auf die Opec-Konferenz (1975) und an der Entführung einer Air-France-Maschine von Athen nach Entebbe (1976) beteiligen. Das Kommando bei diesen Aktionen hatte eine palästinensische Terrororganisation.

Eine Endbeurteilung des aktuellen Fundes sei noch offen, heißt es in dem Polizeivermerk. Die Durchsicht der übrigen Schriften sei noch nicht abgeschlossen. Zudem stehen DNA-Analysen aus. Bei den sichergestellten Chemikalien handelt es sich nach SPIEGEL-Informationen um Schwefel-, Essig- sowie Salzsäure.

Einen Bezug zu den gesuchten RAF-Terroristen Burkhard Garweg, Daniela Klette und Ernst-Volker Staub entdeckten die Ermittler laut der ersten Auswertung des gefundenen Materials nicht.