"Erdogan-Burger" in Köln Politisches Gericht

Ein Kölner Imbiss bietet einen "Erdogan-Burger" an und muss wegen Drohungen schließen. Doch der Inhaber plant schon den nächsten Coup: den AfD-Burger mit Minarett - aus Spargel.

"Erdogan-Burger"
Urban Burgery

"Erdogan-Burger"

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Nach gut einem Monat war schon wieder Schluss. Kaum hatte Jörg Tiemann seinen Burgerladen nahe des Barbarossaplatzes in Köln eröffnet, musste er schon ein Schild an die Ladentür hängen: "Die Inhaber des Urban Burgery sehen sich gezwungen, ihr Geschäft bis auf Weiteres zu schließen." Der Grund für den Verkaufsstopp: der "Aufruf eines Erdogan-Anhängers zu einem 'Besuch'", so steht es an der Tür.

Ein Imbiss, der aus politischen Gründen schließen muss?

Begonnen hatte diese Geschichte mit einer provokanten Rezeptidee. Seit Kurzem steht in Tiemanns Laden, den der Vegetarier gemeinsam mit seinem Mann betreibt, der "Erdogan-Burger" auf der Karte, Markenzeichen: ein großes Stück Ziegenkäse. Der Verweis auf das berühmte Schmähgedicht von Jan Böhmermann ist offenkundig; darin hatte der Satiriker den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor einigen Wochen als "Ziegenficker" bezeichnet und so eine veritable Staatskrise ausgelöst.

"Wir werden Euch die AKP schicken"

Diesen Angriff auf die Satirefreiheit wollte Tiemann unbedingt kritisieren, wie er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagt, schließlich habe sein Lokal ein unmissverständliches Motto: "Politisch essen". Daher habe er den Burger entworfen und sich auf der Facebook-Seite seines Imbisses zu den umstrittenen Haftstrafen gegen regierungskritische Journalisten in der Türkei geäußert.

Zwar lief das Geschäft anfangs so gut, dass der Laden nach eigenen Angaben am 1. Mai alle Erdogan-Burger verkauft hatte und daher geschlossen blieb. Doch die Reaktion der Gegenseite ließ nicht lange auf sich warten - und sie fiel heftig aus: "Wir werden Euch die AKP und die Grauen Wölfe in den Laden schicken", sollen Facebook-Nutzer geschrieben haben. In einem Beitrag kündigten gleich mehrere einen "Besuch" im Urban Burgery an.

Daraufhin erstattete Tiemann nach eigenen Angaben Anzeige gegen unbekannt und schloss das Lokal vorübergehend - wohl auch mangels Personal: Alle drei Mitarbeiter seien türkischer Herkunft, alle drei hätten nach den Drohungen gekündigt. "Eine Mitarbeiterin hatte Schiss, mit dem Laden in Verbindung gebracht zu werden", sagt Tiemann, ein anderer Kollege habe gesagt: "Das ist Politik, da halte ich mich raus."

Aber aufgeben? Das will Tiemann nicht.

"Wir machen Mittwoch wieder auf", sagt er, denn inzwischen sei das Personalproblem behoben. Ein befreundeter Unternehmer helfe mit Angestellten aus, die den Betrieb des Imbiss garantieren sollen. "Für mich bedeutet das ein Bekenntnis zur Kunst- und Satirefreiheit", sagt Tiemann. "Denn natürlich ist ein Erdogan-Burger mit Ziegenkäse selbst auch Satire."

Politischer Protest mit Spargel

Und Tiemann will noch mehr: Bislang bietet sein Laden nur Pommes, Burger und Kaffee an, am Mittwoch sollen auch Cookies in den Verkauf gehen - als Geste für die verurteilten Journalisten in der Türkei. "Der Verkaufserlös soll zu hundert Prozent den Familien der betroffenen Journalisten zugute kommen", sagt Tiemann. Die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen habe Unterstützung zugesagt, Tiemann ist daher zuversichtlich.

Das nächste Ziel seiner politischen Burger-Initiative hat der 52-Jährige auch schon ausgemacht: die rechtspopulistische "Alternative für Deutschland". In Kürze werde das Angebot über den Erdogan-Snack hinaus erweitert um einen "AfD-Burger mit Minarett" - dargestellt durch eine Stange Spargel.

Ein "politisches Statement für Religionsfreiheit" nennt der Unternehmer das, nach den Drohungen der vergangenen Woche will er trotzdem nicht mehr voll auf Risiko gehen: Noch am Dienstag werde er im Laden Videokameras installieren.

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maxis.papa 09.05.2016
1. Schön!
Wenn schon unsere Kanzlerin in vorauseilendem Gehörsam dem Despoten den Böhmermann filetiert serviert und ihne Not eine öffentliche Vorverurteilung ausspricht, dann braucht es solche Bürger, die unsere Werte der Freiheit hochhalten! Danke dafür!
fatfrank 09.05.2016
2. Super
Schweigemärsche gegen Fremdenfeindlichkeit und Burger essen gegen Despoten. Super, damit zeigen wir es den Antidemokraten aber gewaltig. Wann marschieren wir endlich mit NATO-Truppen in Istanbul ein, putschen den Ziegenkäse dort aus dem Amt und installieren eine echte Demokratie? DAS wäre mal eine Verbreitung unserer Werte über die Welt. Aber dann kommen die Schlaumeier wieder um die Ecke und sagen: "Geht ja nicht, die Türkei ist ja auch in der NATO - und außerdem wäre das ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg." - Ja, stimmt. Aber hat uns das bisher auch gestört?! - Siehste, und deswegen bringen solche "Kunstaktionen" überhaupt nichts, wenn man nicht auch nach außen seine Werte mit staatlicher Gewalt (=Krieg) vertritt. Wenn "der Westen" mal seine Werte in der Welt wirklich "verteidigen" würde. Aber so? Ach hör mir auf. Das sind lustige Späße, die bald ihr Ende finden werden, wenn's wirklich ernst wird. Die Römer haben auch noch im Kolloseum gelacht, bis sie schlicht überrannt wurden. Und die Merkel macht auch noch gemeinsame Sache mit Erdogan. Eine tolle Kanzlerin. Erinnert mich an Brüning. Besten Dank.
arminmeiwes89 09.05.2016
3.
"Wir werden euch die AKP und die grauen Wölfe schicken" Clever. Dass die grauen Wölfe Erdogan Gegner sind hat dieser "stolze Türke" wohl nicht mitbekommen. Oder er wollte beide Parteien für eine Diskussionrunde in das Lokal schicken. Man wird's nie erfahren.
bindummund 09.05.2016
4. Die Welt ist verrückt ....
Unglaublich über was sich die Leute alles aufregen ... Einen Erdogan Burger .... Ist doch super ... Wird doch keiner gezwungen dem zu essen ... Aber wer ist beleidigt ? Und kommt gleich ? Jedenfalls ein gute Werbung... Dank der " BESUCHER" Und sollte ich in Köln sein komm ich auch .... Zum essen ....
suboptimal_ 09.05.2016
5. Menschenwürde unantastbar
Interessant auch im anderen Spiegel-Artikel, wie der Anwalt von Erdogan sagt, dass Herr Erdogan ein Mensch und die Menschenwürde unantastbar ist. Gilt aber wohl nicht für seine türkischen Mitbürger, die er in das Gefängnis werfen oder bei Demonstrationen zusammen knüppeln lässt. Die kleinen Möchtegern-Erdogans lassen auch nicht lange auf sich warten, wie man im Fall des Bürgerladens sieht. Ich glaube für den gesunden Umgang mit dem eigenen Ego und Nationalstolz sollte man einen Führerschein machen müssen.
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