Erfahrungen einer Leihmutter "Schwangersein macht süchtig"

Die Kalifornierin Susan Ring hat schon zehn Kinder zur Welt gebracht - acht davon für fremde Menschen. Gerade erst hat sie zwei Schwule zu stolzen Vätern gemacht. Man muss loslassen können, sagt die 47-Jährige. Auf SPIEGEL ONLINE erzählt sie aus ihrem Leben als Leihmutter.


Das erste Mal habe ich kurz nach der Geburt meines ersten Sohnes daran gedacht, als Leihmutter für andere Paare Babys auszutragen. Es war ein Wunder, dieses gesunde Kind auf die Welt gebracht zu haben, und ich wollte anderen Menschen die Gelegenheit geben, dieses Wunder selbst zu erfahren.

Leihmutter Ring: "Eine Liebe, die nur eine Mutter kennt"

Leihmutter Ring: "Eine Liebe, die nur eine Mutter kennt"

Damals war ich noch verheiratet, und meine Familie kam an erster Stelle. Es war mir allerdings wichtig, meine eigene Familie zu vervollständigen, bevor ich anderen Paaren dabei helfen konnte, ihren eigenen Traum zu verwirklichen.

Mein Mann war dagegen. Er verstand meinen Wunsch, Leihmutter zu sein, einfach nicht. Unsere Ehe ging bald darauf in die Brüche. Das war eine große Veränderung für mich. Ich zog in eine neue Stadt und traf auf einer Party eine Freundin, die eine eigene Ei-Spender-Agentur gegründet hatte und gerade ein Programm für Leihmütter begann. Als Ei-Spenderin war ich damals schon zu alt. So wurde ich eben Leihmutter - wahrscheinlich war ich eine der ersten, die mit einer fremden, extern befruchteten Eizelle als Leihmutter schwanger wurde. Das war im Jahr 2000. Meine eigenen Kinder waren da schon acht und elf Jahre alt.

Die Auftraggeber des ersten Babys und ich, wir waren so ahnungslos. Aber es war eine phantastische Erfahrung. Deswegen wurde ich für sie daraufhin wieder schwanger, diesmal mit Drillingen. Im Vertrag stand aber, dass ich nur zwei Kinder auf die Welt bringen sollte. Die Auftraggeber sagten: "Nein, wir wollen nur zwei." Natürlich hätte ich auch drei Kinder ausgetragen. Da besteht kein Zweifel. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich musste einen Embryo abtreiben lassen.

In der 13. Woche rief mich dann meine Agentur an und sagte mir, dass sich das Paar getrennt habe und nun überhaupt keine Babys mehr haben wolle. Ich fiel aus allen Wolken und war völlig schockiert. Die Auftraggeber übernahmen keinerlei Verantwortung und verstießen gegen unseren Vertrag. Dennoch konzentrierte ich mich auf meine Aufgabe als Leihmutter. Ich wollte die Zwillinge unbedingt zur Welt bringen und habe deshalb darum gekämpft, das Sorgerecht für die beiden zu bekommen. Mit Erfolg.

Ich konnte es gar nicht fassen: Plötzlich war ich die Mutter dieser beiden Kinder. Durch Mundpropaganda gelangte ich an 40 Paare, die die Babys gerne adoptieren wollten. Ich musste eine Wahl treffen und entschied mich für das Paar, das mir am besten gefiel. Die Zwillinge - ein Junge und ein Mädchen - haben gerade ihren sechsten Geburtstag gefeiert. Wir sehen uns regelmäßig. Sie sind wunderschön, wirklich gut gelungen. Die beiden wissen, dass ich sie auf die Welt gebracht habe. Von den Auftraggebern habe ich nie wieder was gehört.

Vor einigen Wochen habe ich wieder Zwillinge auf die Welt gebracht. Es ist unglaublich. Schwangersein macht süchtig - den meisten geht es ja anders, bei mir ist es aber ganz klar der Fall. Mir fehlen die Worte, das zu beschreiben. Ich helfe damit Menschen, die das ohne mich nicht schaffen würden. Die Eltern der beiden Kleinen sind zwei Schwule aus Los Angeles. Sie hatten über eine Agentur eine Ei-Spenderin gefunden. Deren Eizellen wurden dann mit ihrem gemischten Sperma befruchtet. Die beiden sind wunderbare Eltern. Ich habe sie sehr gerne. Ich pumpe meine Brustmilch ab, und einer der beiden kommt jeden Tag vorbei, um die Milch abzuholen und mich am Laufenden zu halten. Wir sind Freunde geworden. Sie sind schon 17 Jahre zusammen, und es ist wunderbar mitzubekommen, wie sich ihr Leben verändert hat, seit sie Eltern geworden sind. Ich war vorher eher konservativ.

Ich denke, dass ich inzwischen das Ende meiner Tage als Leihmutter erreicht habe. Ich liebte es, schwanger zu sein. Das ist nicht bei vielen Frauen der Fall. Aber ich hatte wahnsinniges Glück: Alle meine Schwangerschaften verliefen problemlos, und ich brachte nur gesunde Kinder auf die Welt. Wenn ich könnte, würde ich einfach so weitermachen.

Das ist eine Liebe, die nur eine Mutter kennt. Aber als Leihmutter muss man mit einem Mal loslassen. Dieses Loslassen ist wie ein Geschenk. Letztendlich, nützt mir das viel. Manche Menschen können dieses Konzept verstehen und andere nicht. Für mich ist es ein Geschenk, das Loslassen gelernt zu haben.

Übrigens, die erste Frage, die mir die Leute stellen, lautet: "Wie kannst du das Kind nur weggeben?" Und ich sage ihnen, "Aber das Baby hat ja von Anfang an nicht mir gehört." Selbst meine eigenen Kinder gehören mir nicht. Ich darf sie großziehen und lieben, jeden Tag. Aber ich muss sie jeden Tag ein wenig mehr loslassen, ich lasse sie wachsen und sich entwickeln. Als Leihmutter lässt man die Kinder eben anders los. Manche Menschen können das. Andere nicht. Bei mir hat's funktioniert. Ich habe zu fast allen Kindern, die ich für andere auf die Welt brachte, guten Kontakt, die meisten Kids kennen sich sogar untereinander. Nur meine ersten Auftraggeber, die später mit den Zwillingen solche Probleme machten, habe ich nie wieder getroffen; und ihr erstes Kind habe ich seit Jahren nicht gesehen.

Ich finde den technologischen Fortschritt, der diese Ersatzschwangerschaften ermöglicht, wunderbar, weil es vielen Menschen eine Wahl gibt. Die Personen, die diesen Prozess hinterfragen und sagen, man dürfe nicht Gott spielen, sind genau diejenigen, die von Unfruchtbarkeit nicht betroffen sind und wahrscheinlich auch niemanden mit solchen Problemen kennen. Diese Wahl muss jeder für sich treffen.

Aufgezeichnet von Frank Hornig; übersetzt von Sarah Girner


"Geschäft mit der Hoffnung": Lesen Sie in der Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL, warum Hunderttausende Paare in Deutschland ungewollt kinderlos bleiben, sich von den Ärzten ausgenommen und von der Politik im Stich gelassen fühlen.



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