Angst und Streit wegen Moscheeneubau Thüringens größte Baustelle

Der erste Neubau einer Moschee in Thüringen sollte in diesen Tagen fertig werden, doch daraus wird so bald nichts. Die Planer haben offenbar eines unterschätzt: die Wirkmacht des Ressentiments.

Peter Maxwill/ DER SPIEGEL

Von , Erfurt


Wäre die Angst ein Gebäude, könnte man sie sich als Kuppelbau mit Türmchen vorstellen, gelegen in einem Gewerbegebiet zwischen Autowerkstätten und Rotkreuz-Niederlassung. Eine Moschee. Kaum etwas scheint derzeit größere Furcht auszulösen - jedenfalls im unwirtlichen Nordwesten von Erfurt.

Dort gibt es dieses Gebäude tatsächlich, bislang allerdings ohne Kuppel und Turm. Mohammad Suleman Malik scharrt im schlammigen Boden und weist mit der Hand in Richtung des grauen Betonskeletts. "Das hier", sagt er, "ist mein Baby." Er lächelt glückselig.

Malik ist der örtliche Vertreter der Ahmadiyya-Gemeinde, die für den ersten Neubau eines muslimischen Gotteshauses in den ostdeutschen Flächenländern verantwortlich ist. Dass die Moschee in Erfurt-Marbach tatsächlich gebaut wird, hatte der 32-Jährige selbst nicht mehr geglaubt, zu groß schienen die bürokratischen Hürden - und die Islamfeindlichkeit.

Doch im November vor einem Jahr legte Ministerpräsident Bodo Ramelow tatsächlich den Grundstein - unter Polizeischutz, während Demonstranten auf der anderen Straßenseite krude Verschwörungstheorien in ihre Megafone brüllten. Auf ihren Plakaten standen solche Sprüche: "Hier entsteht eine Trutzburg auf dem Eroberungsfeldzug des Islam!"

Inzwischen ist es ruhig geworden im Marbacher Gewerbegebiet. Verschwunden ist der hässliche Widerstand gegen das Bauprojekt aber nicht. Er hat nur sein Antlitz verändert.

Gemeindesprecher Malik kramt einen Zettel hervor: ein Ausdruck der Mail eines Bauunternehmers, der vor Monaten das Dach auf die Moschee heben sollte. Daraus werde nichts, heißt es darin, weil eine Kranfirma sich nicht beteiligen wolle. Diese befürchte "Übergriffe auf ihr Fahrzeug und Anfeindungen".

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Thüringens erster Moscheeneubau: Gebetshaus im Gewerbegebiet

Ein weiteres Unternehmen habe ähnlich reagiert, heißt es in der Mail weiter. Und Malik sagt, er habe auch telefonische Absagen dieser Art erhalten: "Manche haben ganz deutlich gesagt, dass sie mit einem Moscheebau nichts zu tun haben möchten." Er könne das auch ein wenig nachvollziehen, sagt Malik. Ein Unternehmer habe laut eigenen Angaben mehrere Aufträge verloren, weil sich seine Beteiligung am Moscheebau herumgesprochen habe.

Eine Art Boykott gegen das Gotteshaus einer religiösen Minderheit, im Deutschland des 21. Jahrhunderts? "Das", sagt Malik, "resultiert aus dem Klima der Angst, das hier herrscht."

Im Sommer kamen die Bauarbeiten wegen der Absagen für mehrere Monate fast vollständig zum Erliegen, seitdem ist der Zeitplan aus den Fugen geraten: Statt in diesem November wird die Moschee erst 2020 eröffnet, mit mindestens vier Monaten Verspätung.

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12.12.2019, 23:44 Uhr
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Der Fall zeigt: Es braucht keine manifesten Drohungen und Übergriffe, um Minderheiten einzuschüchtern. Ressentiments und Rassismus, Irrationalität und Islamfeindlichkeit haben das gesellschaftliche Klima mancherorts längst vergiftet. Die einen hassen den Islam, die anderen fürchten die Islamhasser.

Malik betrachtet all das mit Sorge - nicht nur als Muslim, sondern auch als Erfurter, als Deutscher, als engagierter Bürger. Der gelernte Kaufmann ist in seinem Stadtteil parteiloser Abgeordneter und stellvertretender Ortsteilbürgermeister. "Mir fehlt einfach die Sensibilität", sagt er, "und eine gesellschaftliche Debatte über Islamophobie."

Stimmenfang #118 Thüringen-Wahl: Wie die AfD einen geplanten Moscheebau instrumentalisiert

Dass die Ahmadiyya-Gemeinde für manche Aufträge keine Betriebe in der Region gefunden habe, zeige ein grundsätzliches Problem, sagt er. Bedroht seien nicht nur die Religionsfreiheit und der gesellschaftliche Friede: "Dieser Rechtsruck schadet der heimischen Wirtschaft."

"Sie gefährden unsere Demokratie"

Malik kramt nun sein Handy aus der Hosentasche und wischt durch die Hetze der vergangenen Monate. Es sind Screenshots von Facebook-Postings voller Gehässigkeiten und Gewaltfantasien, Malik liest sie einzeln vor: Mal richten sie sich gegen die Moschee und Muslime im Allgemeinen ("als Grundstein bitte eine Splitterbombe"), mal gegen ihn persönlich ("der kann froh sein dass er noch lebt").

Malik erhält solche Nachrichten eigenen Angaben zufolge täglich. "Das sind die Gefährder, sie gefährden unsere Demokratie", sagt er. "Die Leute wollen nichts mit uns zu tun haben, beschweren sich aber ständig über uns." Ob er resigniert habe? Malik schüttelt den Kopf: Er setze auf Dialog, aus Prinzip. Im April führte er den AfD-Mitbegründer Bernd Lucke über die Baustelle, ein paar Wochen später stritt er mit Thilo Sarrazin auf einem Podium über den Islam.

Samstags stehe er oft im Stadtzentrum und lade Passanten zum Gespräch ein. Vor allem junge Leute seien aufgeschlossen, ihm sei aber auch schon ins Gesicht gespuckt worden. "Man wird auch beleidigt", sagt Malik, "aber wenigstens kommen wir ins Gespräch."

Gemeindesprecher Malik auf der Baustelle: Das soll eine "Trutzburg des Islam" sein?
Peter Maxwill/ DER SPIEGEL

Gemeindesprecher Malik auf der Baustelle: Das soll eine "Trutzburg des Islam" sein?

Angestachelt wird die Ablehnung der Moschee und ihrer Besucher auch auf einschlägigen Portalen: Die selbsternannte "Bürgerinitiative einprozent" etwa, ein Thinktank des rechtsintellektuellen Publizisten Götz Kubitschek, wettert online gegen die "Prunkmoschee mit Minarett" und lobt den "friedlichen und kreativen Protest der Erfurter Bürger" gegen dieses "Symbol der fortschreitenden Islamisierung".

Die vermeintliche "Prunkmoschee" liegt in Sichtweite von Getreidesilos hinter einer Autowerkstatt, bis zur Straße dürften es mindestens 50 Meter sein, in der Nähe ist nur ein einziges Wohngebäude zu sehen. Gäbe es einen Muezzin, würde dessen Gebetsruf kaum jemand hören. Das acht Meter hohe Minarett soll aber ohnehin nur der Zierde dienen.

Zudem fiel der Protest in den vergangenen Jahren keineswegs nur "friedlich und kreativ" aus: Vollverschleierte Islamfeinde zogen durch Marbach, in der Innenstadt inszenierte ein Rechtsextremist eine Scheinhinrichtung im Stil dschihadistischer Terroristen, auf dem Moscheegelände landete ein aufgespießter Schweinekopf mitsamt Blut und Pfoten.

Selbsternannte "Bürger für Erfurt" versuchten sogar, ihren Protest mit Holzkreuzen neben dem Moscheegelände als christlichen Widerstand zu inszenieren. Dass die Amtskirchen an der Seite der Muslime stehen, störte die vermeintlichen Abendland-Verteidiger nicht.

Holzkreuz-Protest im März 2017 in Marbach: Das soll christlicher Widerstand sein?
DPA

Holzkreuz-Protest im März 2017 in Marbach: Das soll christlicher Widerstand sein?

Die Fronten in diesem Kulturkampf verlaufen entlang jener Konfliktlinien, welche die gesamte Gesellschaft zu spalten scheinen. In der Zuwanderungsdebatte, in der Leitkulturdebatte, in der Islamdebatte.

Zur Allianz der Angstmacher zählt auch die Thüringer AfD des ultrarechten Landesvorsitzenden Björn Höcke. Malik wird wütend, wenn es um die Partei geht, er redet dann schneller und energischer. Für ihn ist sie die Wurzel des Übels.

Die Thüringer AfD organisierte Demonstrationen, unterstützte ein Bürgerbegehren, klagte später gegen dessen Abweisung. Sie machte den Moscheebau auch zum Thema im Landtag, mit einer Petition namens "Regelung religiöser und kultureller Konflikte und Gefahren bei Sakralbauten".

Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft in Deutschland
    Die Ahmadiyya-Muslim-Jamaat-Gemeinschaft (AMJ) hat in Deutschland nach eigenen Angaben rund 45.000 Mitglieder und innerhalb der verschiedenen muslimischen Gruppen eine herausgehobene Position: Als erste Gemeinde haben die Ahmadiyyas den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts zuerkannt bekommen, 2013 in Hessen, später auch in Hamburg. Das bedeutet, dass die Ahmadiyyas damit den christlichen Kirchen rechtlich gleichgestellt sind und zum Beispiel Islamunterricht an Grundschulen geben und von ihren Mitgliedern Steuern erheben dürfen. Die Ahmadiyyas haben ihren Ursprung in Indien, viele ihrer Anhänger in Deutschland stammen aus Pakistan. Dort, ebenso wie in anderen muslimisch geprägten Ländern, werden Anhänger der Gemeinschaft unterdrückt und nicht als Muslime anerkannt. Die Ahmadiyyas gelten als friedlich, aber konservativ.

Wie sollen ein paar Dutzend Gläubige in einem Gewerbegebiet die Islamisierung der Republik vorantreiben? Wie kann man eine Moschee zwischen der Bundesstraße 35 und dem städtischen Gefahrenschutzzentrum für eine "Trutzburg des Islam" halten?

Malik zuckt mit den Schultern und geht in den Rohbau. Lieber redet er über das, was er sein Baby nennt: Bedächtig schreitet er durch den künftigen Gebetsraum, die Bibliothek, den Waschraum - und er zeigt, wo einmal das Schuhregal sein soll, der Spielplatz, ein Obstgarten. Malik wirkt jetzt wie ein Vater, der es kaum erwarten kann, seinem Kind beim Wachsen zuzusehen.

"Wir haben keine Angst"

Wer diesen Stolz verstehen will, muss die Vorgeschichte kennen: Als junger Mann fuhr Malik einmal im Monat mit dem Zug nach Berlin, um in der dortigen Ahmadiyya-Moschee zu beten. Seit 2004 kämpft er darum, in Erfurt ein Gotteshaus bauen zu können, sprach mit Politikern, besichtigte Grundstücke - und erhielt immer wieder Absagen.

Als er kurz davor gewesen sei aufzugeben, so erzählt er es, habe sich plötzlich der Bauplatz im Marbacher Gewerbegebiet angeboten. Inzwischen hat sich auch eine Kranfirma gefunden, die das Dach auf den Rohbau gehievt hat - allerdings für den vierfachen Preis, der dafür eingeplant war.

Der Baustellenrundgang endet auf dem Dach. Malik blickt über die Werkstätten und Parkplätze zum Horizont. Im Frühjahr, sagt er, werde die Moschee fertig sein. Ob er keine Angst habe, dass wieder was dazwischenkommen könnte? Malik lächelt breit. "Wir haben keine Angst", sagt er, "wir haben eigene Ingenieure". Die Kuppel und das Minarett würden die Gemeindemitglieder in Eigenarbeit errichten, ohne Hilfe anderer Handwerker und Firmen.

Die Angst der anderen soll ihm nicht schon wieder in die Quere kommen.

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insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
blubbblubber 27.10.2019
1.
solange niemand, in welchem gotteshaus auch immer, radikalität und extreme ansichten verbreitet, sollen doch alle machen was sie wollen. wo liegt das problem? ich selbst will mit religion nichts mehr zu tun haben, kirchgänger, gläubige, muslime, juden, wer auch immer stören mich aber nicht im geringsten...
derblauekurfuerst 27.10.2019
2. der Einschubartikel zur Ahmadiyya ist naiv und unvollständig
es waere einem angeblichen "Leitmedium" wie dem Spiegel "nach Relotius" schon zuzumuten, etwas tiefer zu graben,wenn er über die Ahmadiyya berichtet. Das Projekt "hundert Moscheen" sowie die Person des "Gründers" dieser Sekte sowie dessen Absichten eines sehr wohl gewollten "Gottesstaates" und seine Sicht auf alle Andersgläubigen sollten auch erwaehnt werden!
Dida 27.10.2019
3. Ressentiments??
"Die Planer haben offenbar eines unterschätzt: die Wirkmacht des Ressentiments." das Kind soll bein Namen genannt werden: Rassismus
aggro_aggro 27.10.2019
4. Wahnsinn
Das es Menschen gibt, die einen nicht unerheblichen Aufwand in Kauf nehmen, weil sie Angst vor einem Gebäude haben. Die AfD-Verantwortlichen leben immerhin davon diese Ängste zu kultivieren, aber was treibt einen normalen Menschen an nachts mit einem blutigen Schweinekopf oder einem 3m-Holzkreuz in ein Gewerbegebiet zu schleichen? Angst vor Gebäuden muss dringend als ernste psychische Störung anerkannt werden. Nicht dass das ansteckend ist und Millionen Atheisten plötzlich Angst bekommen vor den Hunderttausenden christlichen, läutenden, an besten Lagen errichteten christlichen Prachtbauten.
MisterD 27.10.2019
5. Immer wieder schön zu lesen...
dass sich dann am Ende doch noch ein Raffke gefunden hat, der das Dach setzen konnte, natürlich für einen entsprechenden Wucherpreis... Gierigen Nutzen aus der Not anderer Mitmenschen ziehen, eine Eigenschaft, die in vielen Teilen der Gesellschaft ja gerne Juden zugesprochen wird, ist offenbar auch unter deutschen Bauunternehmern nicht unbekannt... man kann nur hoffen, dass die Auftragslage bald sinkt und wieder Zeiten kommen, in denen die Baufirmen um Aufträge buhlen und betteln müssen. Die Arroganz, die diese Branche im Moment an den Tag legt, grenzt ans Widerliche. 4facher Preis bedeutet für die Baufirma weit über 50% Marge und dürfte unter "Wucher" nach BGB fallen...
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