Deutschland lässt Erntehelfer einfliegen Rumänische Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Gedränge am Flughafen

Mitten in der Coronakrise lässt Deutschland Erntehelfer einfliegen. An einem rumänischen Flughafen drängelten sich deshalb Hunderte Menschen. Der Ministerpräsident fordert Konsequenzen.
Stundenlanges Warten auf den ersten Flieger: Gedränge am Flughafen in Cluj

Stundenlanges Warten auf den ersten Flieger: Gedränge am Flughafen in Cluj

Foto: Raul Stef/ AP

Hunderte Erntehelfer sind am Donnerstag vom rumänischen Flughafen Cluj nach Deutschland aufgebrochen. Dabei herrschte trotz der Corona-Pandemie dichtes Gedränge. Das könnte nun juristische Konsequenzen haben. Rumäniens Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen des mutmaßlichen Verstoßes gegen das Seuchengesetz eingeleitet, berichten die Nachrichtenagentur dpa und Euronews .

"Es ist völlig inakzeptabel, was dort vorgefallen ist."

Ludovic Orban, Ministerpräsident Rumäniens

Ministerpräsident Ludovic Orban forderte laut dpa bei einer Kabinettssitzung die Entlassung des Flughafendirektors. Dieser habe keine der lokalen Behörden über die bevorstehenden Massentransporte von Saisonarbeitern informiert. "Angesichts dessen, was ich aus dem Fernsehen erfahre, sollten Sie vielleicht am besten den Flughafen Cluj ganz zumachen", riet Orban dem Verkehrsminister laut einem Bericht der "Tagesschau ". "Das Innenministerium muss sofort Ermittlungen veranlassen. Es ist völlig inakzeptabel, was dort vorgefallen ist."

Die lokalen Behörden hätten zu überprüfen, ob die Flughafenleitung und die Transportunternehmen, die die rumänischen Erntehelfer aus ihren Heimatdörfern zum Flughafen brächten, sämtliche Notstandsregeln respektierten. Die Behörden stoppten die Flüge daraufhin vorübergehend, inzwischen dürfen aber wieder Maschinen starten.

Lange Schlangen bereits Stunden vor dem ersten Flieger

In Cluj waren über den Tag verteilt die meisten der Erntehelfer abgeflogen. Auf Bildern ist zu sehen, wie die Menschen am Flughafen dicht gedrängt stehen. Laut den Verantwortlichen am Flughafen wurde der in Corona-Zeiten notwendige Abstand nicht eingehalten. Bereits acht Stunden vor dem Start des ersten Flugzeugs hätten am Flughafen bis zu 1800 Menschen gewartet. Sie seien aus allen Landesteilen mit Bussen angekommen.

Per Charterflug zum Spargelstechen: Saisonarbeiter auf dem Weg nach Deutschland

Per Charterflug zum Spargelstechen: Saisonarbeiter auf dem Weg nach Deutschland

Foto: Raul Stef/ AP

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) hatten sich vergangene Woche darauf geeinigt, 80.000 ausländische Saisonkräfte nach Deutschland einzufliegen. Um beim Ernten und anderen dringenden Feldarbeiten zu helfen, können im April und Mai je 40.000 Menschen kommen. Die Arbeiter werden vor allem zur Spargelernte dringend benötigt. Andere Länder, wie Spanien und Frankreich, suchen vor allem im eigenen Land nach geeigneten Arbeitern.

Medizinische Untersuchung am Flughafen

Aus Osteuropa werden die Erntehelfer mit Charterflügen nach Düsseldorf, Berlin und Hamburg eingeflogen, eigentlich unter strengen Auflagen, wie es hieß. Sie sollen am Flughafen zunächst medizinisch untersucht werden. Anschließend gilt für alle Ankommenden eine Quarantäne-ähnliche Phase.

Laut einer Sprecherin des Deutschen Bauernverbands stehen danach die Betriebe dann in der Verantwortung, die Helfer in kleinen Teams zu organisieren, die während dieser ersten Zeit in Deutschland unter sich bleiben, leben und arbeiten. Die Flugzeuge werden von den Agrarbetrieben gechartert, die die Helfer auch vom Flughafen abholen sollen.

"In unserem Vertrag steht, dass wir acht Stunden am Tag arbeiten, aber in Wirklichkeit arbeiten wir zehn bis zwölf Stunden an sieben Tagen in der Woche."

Mariana Hopulele, 43

Mariana Hopulele, 43, ist eine der Rumäninnen, die am Donnerstag vom Flughafen Cluj aufbrach. Sie wartete mit ihrem 17-jährigen Sohn Valentin auf den Flug nach Düsseldorf. Die Arbeit in der Landwirtschaft in Deutschland sei körperlich anstrengend, sagt sie. Aber für sie gebe es in Rumänien keine Möglichkeit, eine Arbeit zu finden, die genug Geld einbringe, um die Familie zu ernähren.

"Ich habe 15 Jahre im Ausland gearbeitet, die vergangenen acht Jahre in Deutschland auf Spargelfeldern", sagte Hopulele. "In unserem Vertrag steht, dass wir acht Stunden am Tag arbeiten, aber in Wirklichkeit arbeiten wir zehn bis zwölf Stunden an sieben Tagen in der Woche." Das sei sehr, sehr hart. "Aber wir erhalten eine Vergütung für die zusätzlichen Stunden.''

Mehr als 10.000 Erntehelfer haben sich bereits gemeldet

Hopulele und die anderen Erntehelfer müssen sich über ein Portal des Deutschen Bauernverbands anmelden. Laut dem Verband haben sich für April bereits knapp 10.000 Saisonkräfte registriert. Für Mai seien bislang weitere 4300 Anmeldungen eingereicht worden.

Allerdings steigt die Zahl der Anfragen offenbar rasant. Die Fluggesellschaft Eurowings, die zahlreiche Sonderflüge für die Erntehelfer durchführt, sprach von Registrierungen für 20.000 Erntehelfer, die auf einem eigenen Portal eingegangen seien.

slü/dpa/AP
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