Umfrage in Kölner Erzbistum Katholiken halten Kirche für weltfremd

Verhütung, Scheidung, Homo-Ehe: Mit einer weltweiten Umfrage will der Vatikan herausfinden, wie das Kirchenvolk zu Streitfragen steht. Das Erzbistum Köln hat erste Ergebnisse veröffentlicht. Die Differenz zwischen kirchlicher Lehre und den Auffassungen der Gläubigen ist offenbar groß.
Kölner Dom: Erkenntnisse aus den Rückmeldungen der Gläubigen

Kölner Dom: Erkenntnisse aus den Rückmeldungen der Gläubigen

Foto: INA FASSBENDER/ REUTERS

Köln - Papst Franziskus gibt sich volksnah wie kaum ein Pontifex vor ihm. Zu seinem unkonventionellen Stil passt, dass er mit einer weltweiten Umfrage die Haltung von Katholiken zu Familienthemen herausfinden will. Darunter auch Konfliktthemen wie Verhütung, Umgang mit Geschiedenen und gleichgeschlechtliche Partnerschaften.

In Deutschland hat das Erzbistum Köln nun erste Ergebnisse präsentiert. Zentrale Erkenntnis aus den Rückmeldungen der Gläubigen: "Eine starke Differenz zwischen kirchlicher Lehre und dem Leben der Katholiken wird deutlich", heißt es in einer Mitteilung des größten deutschen Bistums.

Der Fragebogen war Mitte Oktober vom Generalsekretariat der Bischofssynode in Rom an alle nationalen Bischofskonferenzen verschickt worden. Das Dokument soll zur Vorbereitung der von Franziskus geplanten Sonderbischofssynode zum Thema im Oktober 2014 dienen. Neun Abschnitte umfasst der Fragebogen, es geht um das Verständnis der Katholiken von Ehe, Familie, Partnerschaft und Sexualität, es geht um Sakramente für Geschiedene, homosexuelle Partnerschaften und christliche Kindererziehung.

Lebenswelten von Kirche und Gesellschaft driften auseinander

Die Erkenntnisse aus Köln legen nahe, dass in allen Punkten eine erdrückende Mehrheit der Gläubigen offenbar völlig anders denkt, als die Kirche es lehrt. Die Zusammenfassung der Ergebnisse ist 23 Seiten lang. Das Dokument ist online einsehbar  und wurde an die Deutsche Bischofskonferenz geschickt, die es an den Vatikan weiterleiten soll.

"Insgesamt wird die Lehre der Kirche als welt- und beziehungsfremd angesehen", heißt es in dem Stimmungsbild in Bezug auf das Thema Familie. Dabei sei die Lehre der Kirche jedoch nur wenig bekannt, zudem werde sie häufig auf das Thema "Unauflöslichkeit der Ehe" und Aussagen zur Sexualität reduziert. Die Folge: Vor allem in diesen Bereichen "driften die Lebenswelten von Kirche und Gesellschaft eklatant auseinander".

Als wichtiges Thema wird laut Bistum auch der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen angesehen. "Viele wiederverheiratete Geschiedene fühlen sich diskriminiert von der Amtskirche, fühlen sich ausgegrenzt und zeigen sich hierdurch oft belastet", heißt es in dem Dokument.

Tausende Gläubige befragt

Eine erneute Heirat nach einer Scheidung gilt in der katholischen Lehre als Sünde. Menschen, die sich nach einer kirchlichen Trauung scheiden lassen und danach eine neue Ehe beschließen, sind bisher keine gleichberechtigten Mitglieder der Kirche mehr. Sie sind von kirchlichen Ämtern ausgeschlossen, sie dürfen die Sakramente nicht empfangen. So ist die Lehre, wenn sich auch manche Priester schon anders verhalten.

Welchen Wert die Erkenntnisse aus Köln wirklich haben, ist umstritten. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, das Erzbistum vermutet jedoch, dass das Ergebnis die Einstellung der kirchlich gebundenen, aktiven Katholiken widerspiegelt. Mehrere tausend Gläubige hätten sich in die Befragung eingebracht, sagte Monsignore Markus Bosbach. Er ist Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Erzbistum, dem mehr als zwei Millionen Katholiken angehören.

In den einzelnen Dekanaten des Bistums kamen die Ergebnisse auf sehr unterschiedliche Weise zustande. In Düsseldorf gab es etwa einen "Konvent der Verantwortlichen" mit 70 Teilnehmern "aus allen Bereichen des katholischen Lebens der Stadt". In Bonn setzte man auf eine Online-Befragung, an der sich etwa 2200 Menschen beteiligten. "Nun sind wir sehr gespannt, wie die Synode diese Ergebnisse beurteilen und handeln wird", sagte Bosbach.

Das Erzbistum konstatiert unter den Katholiken auch eine "zunehmende Offenheit für alle möglichen Formen von Partnerschaft (homosexuelle Verbindungen, Patchwork-Familien)". Zudem könnten viele Gläubige nicht verstehen, dass sich die Kirche der Öffnung der standesamtlichen Ehe für Homosexuelle widersetze. "Die Christen vor Ort und viele Seelsorger und pastorale Dienste drängen nach einer pastoralen, menschlichen Lösung, damit homosexuelle Paare mit oder ohne eingetragene Partnerschaft in den Gemeinden anerkannt werden können."

Die kirchlichen Verbote bei der Empfängnisverhütung werden "von den Gläubigen nicht verstanden und nicht angenommen". Besonders das Verbot von Kondomen werde nicht akzeptiert. Vor allem Jugendliche nähmen die Kirche und ihre Mitarbeiter nicht mehr als kompetente Gesprächspartner wahr. Missbrauchsskandale hätten die Glaubwürdigkeit der Kirche zusätzlich tief erschüttert.

wit/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.