Erziehung muslimischer Jungen "Mama, halt endlich die Klappe"

Was läuft in manchen muslimischen Familien bei der Erziehung der Jungen falsch? Pädagogikprofessor Ahmet Toprak sieht die Eltern als "Macho-Macher"und rät zu klaren Ansagen.
Zur Person
Foto: Marcus Heine/ Econ Verlag

Ahmet Toprak wurde in der Türkei geboren und kam mit zehn Jahren nach Deutschland. Nach seinem Pädagogikstudium in den Neunzigerjahren arbeitete er als Anti-Gewalt-Trainer mit mehrfach straffälligen Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Seit 2007 ist er Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Dortmund.
Am 25. Oktober erscheint sein neues Buch "Muslimisch, männlich, desintegriert. Was bei der Erziehung muslimischer Jungen schiefläuft".

SPIEGEL: Junge muslimische Männer haben in Deutschland einen schlechten Ruf. Wird ihnen damit Unrecht getan?

Toprak: Vielen schon. Aber einige Jungen bedienen diesen Ruf ziemlich gut, weil sie sich in der Öffentlichkeit schlecht benehmen, sich zum Beispiel in Gruppen an Warteschlangen vorbei drängeln oder wie frauenfeindliche Machos auftreten. Klischees entstehen häufig nicht aus heiterem Himmel. Bei manchen Gruppen junger muslimischer Männer gibt es erhebliche Probleme, in den Schulen, aber auch was ihre Gesetzestreue betrifft.

SPIEGEL: Welche Erklärung haben Sie dafür?

Toprak: Für den Erfolg oder Misserfolg der Integration mache ich in erster Linie die Erziehung und das Verhalten der Eltern verantwortlich. Sie sind die Macho-Macher.

SPIEGEL: Was läuft da falsch?

Toprak: In vielen streng konservativen muslimischen Familien dreht sich bei den Eltern alles darum, ihre Söhne darauf vorzubereiten, das Oberhaupt zu werden. Sie sollen später die Familie repräsentieren, beschützen und ernähren.

SPIEGEL: Wie hat man sich das vorzustellen?

Toprak: Ein Junge darf im Gegensatz zu den Mädchen raus, soll die Welt erkunden, sich ausprobieren, von anderen Männern lernen. Und ganz wichtig: Er darf Fehler machen. Wenn er seiner Mutter widerspricht, ist das kein Problem.

SPIEGEL: Und ein Mädchen...

Toprak: ... soll eine anständige Hausfrau werden. Es muss sich an der Mutter orientieren und soll diese imitieren. Ein Mädchen darf keine Fehler begehen, sonst macht die Mutter Rabatz. Die Tochter muss bei allem, was sie tut, diszipliniert sein, ordentlich, zuverlässig und organisiert. Alles ist darauf ausgerichtet, dass sie frühzeitig eine gute Ehefrau und Mutter werden kann. Im Gegensatz zu ihrem Bruder darf sie der Mutter übrigens auch nicht widersprechen. Diese überkommene Geschlechtervorstellung ist eines der größten Probleme für die Integration.

SPIEGEL: Die Erwartungshaltung an die Kinder scheint ja enorm zu sein. Wie wirkt sich das auf die Jungen aus?

Toprak: In Deutschland müssen manche von ihnen schon viel früher in die Rolle des starken Mannes rutschen, als ihnen guttut. Der Tradition entsprechend bleibt zwar vermeintlich der Vater die autoritäre Instanz. In der Realität sind aber in einem bestimmten Milieu viele Väter arbeitslos oder sprechen nicht gut Deutsch. Sie können ihre Vorbildfunktion nur selten gut erfüllen. Im schlimmsten Fall haben sie sich - obwohl es ihnen ihr Glauben verbietet - dem Glücksspiel oder dem Alkohol zugewandt. Die Söhne müssen die Lücken füllen.

SPIEGEL: Sie haben in Ihrer Zeit als Sozialarbeiter viel mit schwierigen muslimischen Jugendlichen gearbeitet. Können Sie ein Beispiel aus der Praxis beschreiben?

Toprak: Da fällt mir Fatih ein, ein 17-jähriger Junge mit kurdischen Wurzeln. Er ließ sich gemeinsam mit seiner Mutter von einer Kollegin und mir bei der Jugendgerichtshilfe beraten, weil er wegen kleinerer Delikte angeklagt war. Uns fiel von Anfang an auf, wie schlecht der Junge seine Mutter behandelte.

SPIEGEL: Inwiefern?

Toprak: Er war ein Bilderbuch-Macho. Frauen hatten in seinen Augen nichts zu sagen. Er verdrehte ständig die Augen und sagte Sachen wie "Mama, halt endlich die Klappe".

SPIEGEL: Wie haben Sie darauf reagiert?

Toprak: Meine Kollegin hat sehr resolut eingegriffen und sagte: "Hör mal, wie redest du denn mit deiner Mutter? Du musst mehr Respekt zeigen!" Ich habe ihm dann klargemacht, dass wir so ein Verhalten in der Beratung nicht zulassen. "Wenn du die Regeln nicht beachtest, kannst du gleich nach Hause gehen."

SPIEGEL: Wie hat er reagiert?

Toprak: Er hat sich entschuldigt. Auf einmal wurde dieser körperlich sehr große Junge ganz klein. Er hatte Tränen in den Augen. Eine solche Reaktion, auch noch von einer Frau, kam für ihn scheinbar vollkommen unerwartet. Als wir danach mit der jungen Mutter sprachen, erzählte sie uns die Familiengeschichte. Sie hatte Fatih mit 18 Jahren bekommen. Der Vater des Jungen hatte die beiden verlassen, als Fatih 13 war. Von da an war der Junge das Familienoberhaupt. Er war der Bestimmer. Zu keiner Zeit gab ihm die Mutter das Gefühl, das sie als die Erwachsene Herrin der Lage ist. Dabei hätte sie ihr Kind unbedingt wie einen Dreizehnjährigen behandeln müssen, mit den angemessenen Freiheiten und Grenzen.

SPIEGEL: Welche Bedeutung schreiben Sie speziell den Müttern in der Erziehung zu?

Toprak: Die Väter sind oftmals selten zu Hause und übernehmen wenig Verantwortung für die Kinder. Der Großteil der Arbeit lastet deshalb auf den Schultern der Mütter. Leider machen sie viele Fehler. Sie glauben, dass sie ihre Söhne in jeder Situation beschützen und abschirmen müssen. Sie werden zu Furien, wenn ihre Söhne kritisiert oder angegriffen werden - von den bösen Lehrkräften zum Beispiel oder den Sozialarbeitern. Die Jungen haben also überhaupt keine Chance, reflektiert und selbstständig zu werden. Sie spüren ja selten Konsequenzen, wenn sie sich danebenbenehmen. Ihnen darf nicht zu viel zugemutet werden, auch keine Hausarbeit zum Beispiel. Die Söhne werden gehegt und gepflegt, bis sie in die erfahrenen Hände einer Ehefrau kommen.

SPIEGEL: Wie sollen Jungs aus solchen Familien in der Schule klarkommen?

Toprak: Der Großteil der muslimischen Jungs weiß, dass der Hase in der Schule anders läuft als in der Familie. Und akzeptiert das auch. Einem Teil allerdings gelingt es nicht immer, sich umzustellen. Die denken, weil sie sich zu Hause alles erlauben dürfen und dem vermeintlich überlegenen Geschlecht angehören, gilt das auch im Klassenzimmer.

SPIEGEL: Was raten Sie Lehrerinnen, die mit solchen Jugendlichen zu tun haben?

Toprak: Sie müssen vor der Klasse sehr deutlich machen, welche Regeln in der Schule gelten und dass sie das Sagen haben. Wer sich nicht daran hält, muss Ärger bekommen. Ein großer Fehler wäre es zum Beispiel, einen Mann zu Verstärkung zu holen. Das wäre das absolut falsche Signal und würde die Jungs nur in ihrem Weltbild bestärken. Ich würde übrigens auch nie etwas sagen wie: "Ich weiß ja, in eurem Kulturkreis ist das anders." Das tut nichts zur Sache und relativiert das Fehlverhalten. Man sollte den Jungen klar und deutlich sagen, wo es langgeht.

SPIEGEL: Sie wurden selbst in einem zentralanatolischen Dorf geboren. Ihre Familie lebte dort von Landwirtschaft und Viehzucht. 1969 ging ihr Vater als Gastarbeiter nach Deutschland, ihre Mutter folgte ein Jahr später, erst 1980 wurden Sie nachgeholt. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass auch Ihre Eltern anfangs sehr traditionell gewesen seien, sich aber im Lauf der Zeit geöffnet hätten. Was hat den Ausschlag gegeben?

Toprak: Anfangs dachten meine Eltern noch, sie würden zurück in die Türkei gehen. Solange hielten sie auch an den Wertevorstellungen und alten Geschlechterrollen fest, die in unserem Heimatdorf galten. Als klar war, dass wir in Deutschland bleiben würden, hat sich das geändert. Meine Eltern mussten niemandem in der Türkei mehr etwas beweisen oder vorleben. Das hat alles verändert.

SPIEGEL: An diesem Punkt standen aber doch viele türkische Familien in Deutschland in den Achtzigerjahren. Gab es weitere Gründe für den Wandel bei den Topraks?

Toprak: Meine Eltern waren immer pragmatisch. Ihnen war es wichtig, dass ihre Kinder Erfolg haben. Da ihnen mit der Zeit klar wurde, dass man es in Deutschland viel besser schaffen kann, wenn man sich von den alten und traditionellen Vorstellungen löst, haben sie es einfach getan.

SPIEGEL: Sie schreiben, dass Ihre Mutter sogar ihr Kopftuch abgelegt hat. Ein einschneidender Schritt?

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Toprak, Ahmet

Muslimisch, männlich, desintegriert: Was bei der Erziehung muslimischer Jungen schiefläuft

Verlag: Econ
Seitenzahl: 240
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31.03.2023 23.52 Uhr

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Toprak: Für meine Mutter war es das nicht. Sie hatte das Kopftuch nur deshalb getragen, weil das auf dem Land so üblich war und nicht aus religiösen Gründen. Man konnte unter dem locker geschwungenen Tuch auch ihren Haaransatz sehen. Ich kenne ein Foto meiner Mutter, da trägt sie Minirock und trotzdem ein Kopftuch. Wir sind Aleviten, aber unsere Familie war nie besonders religiös.

SPIEGEL: Ist Religion oft ein Integrationshemmnis?

Toprak: Ich bin davon mittlerweile überzeugt. Sicherlich kann man religiös sein und integriert, soweit muss man schon differenzieren. Aber sobald die Eltern alles im Leben der Religion unterordnen, wird sie zum Problem.

SPIEGEL: Wie kann sich das äußern?

Toprak: Wenn die Mädchen nicht zum Schwimmunterricht dürfen oder die Klassenfahrt tabu ist. Und auch, wenn die Koranschule zu wichtig genommen wird. Wenn die Leistungen dort mehr zählen als die in der Schule. Viele Moscheevereine sind nicht gerade integrativ. Manche verlangen sogar, dass ihre Gemeindemitglieder sich nicht anpassen. Da wären die Kinder aus meiner Sicht im Sportverein besser aufgehoben.

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