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26. April 2011, 10:00 Uhr

Erziehungsfreie Zonen

Die Monster anderer Eltern

Darf man fremde Kinder tadeln, wenn sie sich danebenbenehmen? Nein, lautet häufig die Antwort. Denn Erziehung gilt zunehmend als intime Angelegenheit - mit abstrusen Folgen. Kinder brauchen Grenzen, meint dagegen Frank Patalong. Und die sollten nicht nur die eigenen Eltern setzen.

Meine Frau empfindet viele deutsche Kinder als asozial im Sinn des Wortes: als sozial nicht kompetent, als nicht vorbereitet auf adäquates Verhalten in Gesellschaft. Sie ist Irin, die Gesellschaft, aus der sie kommt, tickt anders in Sachen Erziehung. Manieren sind dort wichtig, Kinder wissen, wann sie sich zurückhalten sollten.

Was sie hier zu oft erlebt, sagt sie, sind aufdringliche, laute, auch arrogante und dominante Kinder, die in jeder Situation die volle Aufmerksamkeit aller Erwachsenen einfordern und deren Kommunikation unterbinden. Kinder, die elementare soziale Regeln nie gelernt haben: Grüßen, Jacke aufhängen, korrekt essen, laufende Gespräche nicht lautstark unterbrechen, Respekt vor dem Eigentum anderer zeigen, anderen auch einmal den Vorrang lassen, höflich sein, bescheiden.

Meine Frau sieht in solchen Verhaltensweisen nützliche Fähigkeiten. Kindern das alles nicht zu vermitteln, hält sie für unterlassene Hilfeleistung. "Damit tut man den Kindern keinen Gefallen", sagt sie.

"Wir Erwachsenen wollen uns unterhalten"

Sie hat recht. Aber ist das noch individuelles erzieherisches Versagen, oder nicht schon gesellschaftliches? Drei Szenen aus dem deutschen Kinderalltag zeigen das Problem:

Wir haben verlernt, sicher zu bewerten und zu reagieren

Es fällt uns nicht schwer, diese drei Szenen zu beurteilen. Natürlich setzt das Kind in der ersten Szene seine Mutter erfolgreich unter sozialen Druck. Prinzipiell wissen wir, dass die Mutter in dieser Situation unsere Solidarität braucht, und nicht das Kind. In der Praxis aber sieht das oft anders aus. Wir lieben glückliche Kinder, doch schreiende, weinende Kinder nerven uns. Und Hand aufs Herz, wie oft haben Sie schon so etwas gedacht: Hat die Mutter nicht schon versagt, weil sie das Kind nicht unter Kontrolle hat?

Auch die zweite Szene scheint klar, spätestens, als der Satz mit dem "ausleben" fällt: Die Mutter versagt erzieherisch auf ganzer Linie. Andererseits: Was wäre gewesen, wenn der alte Mann den Jungen in einem Reflex auch nur leicht angefasst hätte? Wer hätte die Sympathien dann auf seiner Seite?

Szene drei: Natürlich muss ein Kind wissen, dass man nicht einfach das Gespräch anderer unterbricht. Aber wäre es nicht Aufgabe des Vaters gewesen, das Mädchen zurechtzuweisen? Hat ein Dritter überhaupt das Recht, so etwas zu tun? Ist das nicht eine Einmischung, die man 1950 erwartet hätte, heute aber als unangemessen empfindet? Wie reagieren Sie auf Menschen, die die Kinder anderer Leute zurechtweisen? Und wie, wenn es um Ihr eigenes Kind geht?

Ich war Zeuge dieser Szenen. Was mich daran irritiert: Wie unzuverlässig unser sozialer Kompass mittlerweile funktioniert, wenn es um Kinder geht. Wir scheinen unsere gemeinsamen Bewertungsmaßstäbe verloren zu haben. Wir "wissen" nicht mehr prinzipiell: So und so muss es sein.

Die Frage ist nicht, ob das Kind etwas Süßes bekommen sollte oder nicht. Es sollte lernen, sich nicht schreiend auf den Boden zu werfen, um seinen Willen durchzusetzen. Die Frage ist nicht, ob ein Getretener ein Kind wütend anbrüllen oder anfassen darf oder nicht. Das Kind muss wissen, dass es nicht einfach jemanden treten darf, weil es gefrustet ist. Die Frage ist nicht, ob ein "Fremder" einem Kind sein Fehlverhalten vorhalten darf. Das Kind muss wissen, wie es sich in sozialen Situationen angemessen verhält.

Um all das zu lernen, braucht es erzieherisches und eben kein widersprüchliches Feedback - und das nicht nur von seinen Eltern.

Das soziale Minenfeld - Erziehung als Nicht-Einmischungszone?

Das Schlimmste aber ist, dass wir als Gesellschaft die Erziehung zur Intimsache erklärt haben, statt daran teilzunehmen. Natürlich sollte man nicht als Unbeteiligter in die Erziehung anderer Leute hineingrätschen. Aber was spricht dagegen, Kindern unmissverständlich zu signalisieren, ob sie sich gut oder schlecht verhalten?

So gehört seit einigen Jahren ein afrikanisches Sprichwort zum Standard-Repertoire vieler Politiker, Kirchenleute und Sozialarbeiter, wenn sie das Ideal einer funktionierenden, kinderfreundlichen Gesellschaft beschwören: "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen."

Gemeint ist: Wir alle sollten teilnehmen an der Erziehung der Kleinen, auf dass diese ihren Platz finden in der Gesellschaft. In der Realität gibt es aber einen virtuellen Schutzkreis um jedes Kind, der einem verminten Gelände gleicht. Es ist eine Nicht-Einmischungszone - und eine der wenigen Normen, die die meisten von uns in Bezug auf die Kindererziehungsfrage noch teilen: Man mischt sich nicht ein in die Erziehung fremder Kinder.

Wer das trotzdem wagt und "miterziehend" wirkt, ohne durch seine berufliche Position dazu ermächtigt zu sein, läuft Gefahr, sich zum sozialen Paria zu machen. Der richtige Konsens darüber, dass Erziehung erst einmal Privatsache ist, hat uns fälschlich dazu gebracht, auch ehrliche, intuitive Interaktionen mit den Kindern anderer Leute einzustellen, sie fast zu tabuisieren - weil jedes Feedback an das Kind als Botschaft an oder Angriff auf die Eltern missverstanden wird.

Kokereien, Kläranlagen, Kinder

Wir haben den Umgang mit dem Kind verlernt. Das zeigt auch dieses Beispiel: Im Bundesrat ist eine Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes verabschiedet worden. Es definiert mit einem neu eingefügten Absatz erstmals, dass "Geräuscheinwirkungen, die von Kindertageseinrichtungen, Kinderspielplätzen und ähnlichen Einrichtungen wie beispielsweise Ballspielplätzen durch Kinder hervorgerufen werden, [...] im Regelfall keine schädliche Umwelteinwirkung [sind]."

Eigentlich sollte uns dieses Gesetz zutiefst beschämen. Erstens, weil es überhaupt nötig geworden ist; und zweitens, weil man Rechte von Kindern nur im Rahmen eines Gesetzes in den Griff bekommen hat, über das normalerweise Fragen wie Kokerei-Abgase, Kläranlagen-Gerüche oder Kraftfahrstraßenlärm geregelt sind. Kinderlärm ist zwar eine Umwelteinwirkung, "im Regelfall" aber "keine schädliche". Gut, dass das mal einer gesagt hat.

Das Gesetz schützt nun Kinder (und ihre Eltern) davor, rechtlich belangt zu werden, wenn sie sich normal verhalten - nämlich laut. Nötig wurde es, weil bis zu einem Drittel aller aktenkundigen Nachbarschaftsbeschwerdesachen auf Anzeigen wegen Kindergeräuschen entfallen.

Wir sind mitverantwortlich, wenn Monster heranwachsen

So bizarr ticken wir inzwischen als Gesellschaft: Wir halten die Klappe, wenn Kinder öffentlich zu Monstern mutieren, und beschweren uns, wenn sie sich normal verhalten.

Stattdessen haben wir das einzelne Kind zu einem schützenswerten Sanktum erklärt, als stünde es auf der Roten Liste. Es kann nichts falsch machen, es darf alles, es muss sich ausleben, Kritik ist nicht angesagt, die Interessen Erwachsener zählen nicht.

Zum einen die kinderfeindliche Enge des öffentlichen Raums, in dem sich Kinder immer weniger frei bewegen dürfen, zum anderen das erzieherische Vakuum in Situationen, in denen ihnen eigentlich Grenzen gesetzt werden müssten, sind zwei Seiten derselben Medaille: Sie sind Zeichen dafür, wie fremd uns der Umgang mit kleinen Menschen geworden ist, wie artifiziell wir mit Erziehung umgehen.

Im Idealfall erzieht das ganze Dorf mit und vermittelt damit nicht nur Grenzen, sondern auch Sicherheiten: Dem Kind solches Feedback nicht zu geben, ist unverantwortlich. Eine Gesellschaft, die das vergisst, erzieht sich ihre Monster selbst.

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