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ESC in Düsseldorf Die Dorf-Disco

Düsseldorf - schon der Name klingt nach Provinz. Doch vielleicht ist der ungewöhnlich erscheinende Austragungsort des Eurovision Song Contest in Wirklichkeit die richtige Wahl: Unwichtige Musik trifft eine durchschnittliche Umgebung.

Gefragt, was er denn davon halte, dass der Eurovision Song Contest ausgerechnet in Düsseldorf stattfinde, zögert Stefan Raab einen Moment, was nicht häufig geschieht. Raab ist Kölner, und vielleicht geht ihm nun durch den Kopf, was man in seiner Heimat in diesem Moment instinktiv hervorzustoßen hat. Etwa: "Das Beste an Düsseldorf ist die Straße nach Köln", gefolgt von hämischem Gelächter.

Doch Raab ist eben auch durch und durch ein Medienprofi und diese Multi-Millionen-Euro-Show in Deutschland sein vielleicht größtes Projekt, weshalb er sich nun ziemlich diplomatisch gibt: "Düsseldorf ist ein Ort, der ganz nett ist", sagt er. Grinst. Schweigt. Und setzt hinzu: "Düsseldorf ist das Köln des Niederrheins." Ganz falsch ist das nicht.

Seien wir ehrlich. Eigentlich gibt es in Deutschland nur zwei Städte, die so etwas wie Weltläufigkeit bieten können und über die man sich deshalb kaum lustig machen kann: Berlin und Hamburg. Vielleicht, vielleicht - wenn man ganz großzügig ist - auch noch München. Aber der Rest? Hannover, Frankfurt, Stuttgart, Köln? Spielen doch alle in derselben Liga. Und sehen sich zum Verwechseln ähnlich: ein bisschen Altbau in den besseren Gegenden, ein paar Parks, sehr viel Beton aus den Siebzigern und an den Ausfallstraßen die elenden grauen Einheitsfassaden der Nachkriegszeit. Da kann Düsseldorf locker mithalten.

Lässt sich eine Stadt tapezieren?

Gut, das Klischee besagt, Düsseldorf werde vor allem von Jaguar-fahrenden Zahnarzt-Gattinnen bevölkert. Was natürlich Quatsch ist, die meisten fahren Mercedes. Aber im Ernst: Natürlich sieht man in Düsseldorf - in Köln übrigens ebenso - mehr gezwirbelte Schnauzbärte, Zweireiher mit Goldknöpfen und Leopardenjäckchen als auf der Mönckebergstraße oder dem Ku'damm. Aber sei's drum.

Düsseldorf ist die letzte schuldenfreie Bastion des rheinischen Kapitalismus, eine gutbürgerlich-konservative Stadt mit ordentlich Hüftgold, die für etwas so Überflüssiges wie einen Schlagerwettbewerb noch fast zehn Millionen raushauen kann, während ein paar Kilometer entfernt, in Duisburg oder Oberhausen, Schwimmbäder und Büchereien geschlossen werden. Deshalb muss man sagen: Düsseldorf hat diese Show voll verdient!

Denn Düsseldorf ist Understatement und Gelassenheit ebenso fremd wie jeder dieser bunt angemalten Träller-Eulen auf der ESC-Bühne. Hier wird mit rheinischer Lebensfreude lieber geklotzt als gekleckert, so dass der Oberbürgermeister ganz frei von jeglicher Ironie von einer "erstklassigen Bewerbung" für eine "erstklassige Stadt" sprechen kann. Und die hat sich nun auch so richtig hübsch gemacht, also volles Ornat, neudeutsch heißt das City Dressing.

Ein Journalist fragte: "Lässt sich eine Stadt tapezieren?"

Eine Stadt? Keine Ahnung. Aber ein Düsseldorf, ja, auf jeden Fall!

Auf zur "Lena-Meyer-Landrut-Gasse"

An jeder Ecke ist mittlerweile das Logo der Schlagerparade zu sehen, es prangt auf Bussen, Bahnen, Stromkästen, vor Baustellen, wahrscheinlich gibt es sogar Wahnsinnige, die es sich haben tätowieren lassen. Die "Bild"-Zeitung wird sie sicherlich bald aufspüren.

Doch war es nicht nur das Geld, das schließlich den Ausschlag gab für Düsseldorf, wo - am Rande sei etwas Statistik erlaubt - nach offiziellen Angaben 588.169 Menschen leben, darunter 306.228 Frauen, die Zahl der Männer lässt sich nun ganz leicht im Kopf errechnen.

Die Düsseldorfer Messe und das Stadion können sich wirklich sehen lassen, der Nahverkehr ist vorbildlich und auch so schön sauber, die Benelux-Länder sind nicht weit weg, und der WDR gilt, jetzt sind wir doch wieder beim Geld, finanziell als potenteste Anstalt der ARD. Was nicht schaden kann, soll die Li-La-Laune-Sause doch ungefähr 25 Millionen Euro kosten.

Apropos Geld.

Eine örtliche Zeitung erklärt gerade aus gegebenem Anlass jeden Morgen ihre Stadt, wobei noch unklar ist, wie viele Auswärtige die "Rheinische Post" deshalb kaufen. Am Donnerstag erfuhren die Leser jedenfalls, dass die Königsallee nur so heißt, weil 1848 ein aufmüpfiger Düsseldorfer den Preußen-Herrscher mit Pferdeäpfeln bewarf, weshalb die Stadt anschließend auf Wiedergutmachung setzte: Und ein Straßenname kam wohl billiger als ein Denkmal.

Vielleicht hätte man bei diesem Modell bleiben sollen. Der Oberbürgermeister hätte eine Spielstraße im feinen Kaiserswerth "Lena-Meyer-Landrut-Gasse" oder eine Schnellstraße gen Flughafen "LenAllee" getauft und für die ESC-Millionen bestimmt auch eine andere sinnvolle Verwendung gefunden, Stichwort Soziales. Aber wie sagt man so schön im Rheinland: Et is, wie et is.

Am Samstag marschieren nun übrigens sämtliche Schützen und Karnevalisten durch die Stadt. In bunten Uniformen, mit Goldknöpfen, Schnauzbärten, volles Ornat auch hier. Und das, muss man ehrlicherweise sagen, wäre in Hamburg oder Berlin ohne hässliche Farbbeutel-Attacken von Autonomen völlig undenkbar. Insofern ist Düsseldorf wirklich die beste Wahl.

Nicht wahr, Köln?