Arno Frank

Debatte über Essener Tafel Pegel des Elends

"Ganz unten" konnten die Schwächsten schon immer am besten gegeneinander ausgespielt werden. Selten war dieses Spiel so gefährlich wie heute. Staatliche Versäumnisse dürfen nicht an den Tafeln hängen bleiben.
Lebensmittel-Ausgabestelle der Essener Tafel

Lebensmittel-Ausgabestelle der Essener Tafel

Foto: Roland Weihrauch/ dpa

Die Tafel ist als Idee und Einrichtung überraschend jung. 1993 in Berlin gegründet, gibt es heute bundesweit etwa 930 Tafeln mit rund 2000 Stellen, an denen Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben werden. Mit 60.000 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die wöchentlich die Grundversorgung von bis zu 1,5 Millionen Menschen sicherstellen, ist die Tafel eine der größten sozialen Bewegungen unserer Tage. Fast wäre man versucht, ihr schnelles Wachstum als Erfolgsgeschichte zu verbuchen. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Tafel ist eine taktische, keine strategische Antwort auf die Armut. Sie lindert eine Situation, statt sie zu beheben. Sie springt ein und damit einem Staat bei, der sich zusehends aus seiner Verantwortung für die Schwächsten in der Gesellschaft zurückzieht.

Die Tafel ist ein Pegel des Elends. Je größer die Nachfrage nach gespendeten Lebensmitteln, desto größer die Not. Arm? Kann sein. Aber niemand muss Hunger leiden bei uns in Deutschland, nicht wahr?

Ablesen lässt sich das Ausmaß der Probleme auch daran, wer die Tafel in Anspruch nimmt. Anfangs waren das vor allem Obdachlose, Menschen "ganz unten". Mit den Hartz-IV-Reformen durften sich bald auch Arbeitslose und Empfänger von Sozialhilfe "ganz unten" fühlen, desgleichen die wachsende Gruppe älterer Menschen, deren Rente nicht zum Leben reicht. Zuletzt ließen sich immer mehr Studierende registrieren und damit offiziell ihre Armut bescheinigen.

Menschen mit höchst unterschiedlichen Biografien und Perspektiven kamen hier zusammen, ohne gemeinsame Sache zu machen. Die Tafel war immer ein Ort der mehr oder weniger verstohlenen Abgrenzung. Wer "nur" Angst um seine Wohnung hat, steht ungern in einer Schlange mit Leuten, die längst unter der Brücke schlafen. Wer um seine Arbeit fürchtet, meidet den Arbeitslosen. Und das bedürftige Alter blickt mit abschätzigem Missfallen auf eine Jugend, die ja wohl so bedürftig gar nicht sein kann.

Verfehlungen in Drogenpolitik, Arbeitsmarktpolik, Sozialpolitik, Gesundheitspolitik, Bildungspolitik und Wohnungspolitik - all das federte die Tafel tapfer ab. Immer mit dem naiven und zugleich pragmatischen Ideal im Hinterkopf, dass in Wahrheit noch immer "genug für alle da" und Wohlstand nur eine Frage der Effizienz sei, mit der vorhandener Überfluss (und sei es auch nur ein Überfluss an Bananen mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum) umzuverteilen wäre. Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet Unternehmensberater von McKinsey dabei halfen, die logistischen Abläufe der Verteilung der Lebensmittel zu perfektionieren.

Selten war dieses Spiel so gefährlich

In dieses heterogene und ohnehin unter enormem, weil existentiellen Druck stehende Gefüge "ganz unten" drängen nun Menschen von noch wesentlich weiter "unten" und, was erstmals eine Rolle spielt, aus einem fremden Kulturkreis. Plötzlich ist, wie an der Tafel in Essen, die stillschweigende Übereinkunft aufgekündigt, in Deutschland müsse niemand Hunger leiden. Nun, da es offenbar hart auf hart kommt, erhalten Deutsche an der Tafel in Essen den Vortritt. Hier wird eine Obergrenze festgelegt. Und so regt sich auch weiterhin niemand über die skandalös mickrige Rente der "deutschen Oma" auf. Stattdessen über die Geflüchteten.

Im Video: "Tafel"-Gründerin distanziert sich von Essener Entscheidung

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Die Tafel kann allerhand leisten, Übergangshilfe für Asylsuchende aber nicht. Sie kann viel abfedern an staatlichen Versäumnissen, nicht aber die eklatanten Verfehlungen in der Flüchtlings- und Integrationspolitik. Die Tafel ist keine staatliche Institution. Sie ist ein Verein, der nach eigenen Statuten handeln darf, handeln sollte. Sie ist zugleich die Bühne, auf der sich Angela Merkels "Wir schaffen das!" bewahrheitet - oder als schlechter Witz erweist. Wenn schon überforderte Ehrenamtliche darüber entscheiden, wer "zu uns" gehört und wer nicht, läuft etwas gründlich falsch in unserer Gesellschaft - vor allem wenn, wie in dem Essener Fall, auch offenkundig rassistisch argumentiert wird.

"Ganz unten" findet man gewiss nicht den einzigen Nährboden für Ressentiments und Rassismus. Es ist aber auch der Ort, an den die Starken traditionell ihre Probleme weiterreichen. Dort dürfen sie ruhig gären und gesellschaftlich explosiv werden. Denn "ganz unten" konnten die Schwächsten schon immer am besten gegeneinander ausgespielt werden. Nur war dieses Spiel selten so gefährlich wie heute. Es gibt täglich mehr Gründe, sich nicht darauf einzulassen.


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