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28. Februar 2018, 18:57 Uhr

Debatte um Essener Tafel

"Ups, zack"

Von , Essen

Die Essener Tafel nimmt vorerst nur noch Deutsche auf, das bekamen nun mehrere Ausländer zu spüren. Die betroffenen Bedürftigen reagierten erstaunlich gelassen, Tafel-Chef Jörg Sartor wischt Einwände beiseite.

Vier Grad unter Null, auch die Stimmung ist eisig. Hinter einer rot-weißen Kette im Schatten des Wasserturms am Steeler Berg stehen ein junger Vater und sein Sohn. "Haben Sie einen deutschen Pass?", fragt ein weißhaariger Herr auf der anderen Seite der Absperrung. Der Vater schaut ihn fragend an und schüttelt den Kopf, er spricht nur gebrochen Deutsch. "Ohne deutschen Pass darf ich Sie nicht reinlassen", sagt der Herr, "ich kann nichts daran ändern."

Szenen wie diese spielen sich am Vormittag in der Steeler Straße 137 in Essen mehrfach ab. Hier, in einem klobigen Wasserturm neben der A40, sitzt die örtliche Tafel. Seit Mitte Januar nehmen die Ehrenamtlichen nur noch Bedürftige mit deutschem Pass neu auf - angeblich, weil sich einheimische Senioren und Frauen wegen der vielen ausländischen Kunden nicht mehr wohlfühlen.

Der Fall hat eine Debatte weit über die Stadt hinaus entfacht: Angela Merkel äußerte Kritik, Horst Seehofer äußerte Verständnis, es handele sich um einen Hilferuf von Menschen, die sich um Mitmenschen kümmern. Alexander Dobrindt zeigte sich solidarisch und rief den Chef der Essener Tafel an. Vor Ort war bisher allerdings noch kein Spitzenpolitiker.

Julian, 31 Jahre alt, arbeitslos, lehnt an diesem Morgen vor dem Eingang des Wasserturms und zieht an seiner Zigarette: "Manche Politiker reißen das Maul auf, ohne zu wissen, was hier wirklich los ist." Julian hatte in der Zeitung gelesen, dass Arbeitslose hier Lebensmittel bekommen, jetzt möchte er eine Kundenkarte beantragen.

Für die Entscheidung der Tafel zeigt Julian Verständnis: "Ich kann mir das gut vorstellen", sagt er über Flüchtlinge, "die sind ja schon respektloser". Nur wenig später wird er eine andere Erfahrung machen.

Jörg Sartor, der Chef der Essener Tafel, lässt sich an diesem Morgen um kurz nach neun zum ersten Mal blicken. "Alle raus hier", ruft er den Journalisten zu, die sich im Foyer aufwärmen. "Es ist doch alles gesagt", fügt er hinzu und rauscht wieder ab. Nur wenig später wird er doch noch einiges sagen.

"Die Temperatur wärmer, die Stimmung kälter"

Viele der Menschen, die an diesem Tag im Wasserturm eine Kundenkarte beantragen, haben von der Aufregung der vergangenen Tage nichts mitbekommen. Als einer der Ersten kommt ein Iraner in Daunenjacke aus dem Anmeldezimmer im ersten Stock. "Ich weiß nicht, warum sie mich diesmal abgelehnt haben", sagt der Mann namens Mehrad. Seit zwei Jahren habe er hier wöchentlich Lebensmittel erhalten, nun hätten sie ihn fortgeschickt: Er solle ein andermal wiederkommen.

Als Mehrad erfährt, dass es an seiner Nationalität liegt, zieht er die Augenbrauen hoch. "Das ist doch nicht fair", sagt der 69-Jährige, "die Tafel ist für alle da, nicht nur für die Deutschen." Die Entscheidung treffe ihn und seine Familie hart, er bekomme nur 650 Euro vom Amt: "Jetzt fehlt uns was."

Wenig später kommt Omathuku Solange aus dem Wasserturm, sie hält eine grüne Wärmflasche in der Hand. "Die Temperatur da drin ist wärmer, die Stimmung kälter", sagt sie und lacht. Die 39-Jährige hat einen deutschen Pass.

Sie findet die neue Regelung fair: "In den letzten Jahren wurden Ausländer bevorzugt", sagt sie mit deutlichem Akzent und schlägt ein neues Verfahren vor: Die Essener Tafel könnte für jeweils zwölf Monate nur Deutsche aufnehmen und im Folgejahr dann ausschließlich Ausländer. Das wäre gerecht, sagt Solange, dann fügt sie hinzu: "Wir sind doch alle gleich."

"Gibt's auf die Fresse"

Irgendwann schleicht ein älteres Ehepaar aus dem Wasserturm: Sie spricht kaum Deutsch, er ist blind und klammert sich an ihrem Mantel fest. "Wir sollen in ein paar Wochen wiederkommen", sagt er, "wir wissen nicht, warum."

Ja, warum? Gründe für die Abweisung haben die Bedürftigen ohne deutschen Pass offenbar nicht genannt bekommen.

Um kurz vor halb zehn eilt Jörg Sartor noch mal ins Foyer. Er leitet einige Journalisten in ein schlauchförmiges Büro, um ihnen einen Tafel-Kunden vorzustellen. "Stellt einer 'ne dämliche Frage", sagt Sartor, "gibt's auf die Fresse." Er meint das wohl nicht wörtlich, Sartor ist eine Ruhrpott-Type, ein Lautsprecher. Aber irgendwie ernst meint er es schon.

Der Tafel-Kunde, ein Mann mittleren Alters mit dicken Brillengläsern, dient als eine Art Kronzeuge für Sartors Entscheidung. Irgendwann im vergangenen Jahr habe es in der Tafel mal eine unangenehme Begegnung mit Ausländern gegeben, sagt der Mann. "Es wurde gedrängelt, ich bin zur Seite gestoßen worden." Dann ruft Sartor dazwischen: "Jetzt ist auch gut, aus!"

Es ist eine kurze, absurde Vorführung. Vor der Tür präsentiert Sartor dann seine Interpretation: "Das zum Thema 'Unwohlsein'", sagt er und fügt direkt an: "Nicht Angst! Les ich das irgendwo, dreh ich durch." Die Aussage des namenlosen Brillenträgers soll belegen, dass es ein Problem gebe, dass er sich das nicht alles ausdenke. "Wir sind doch keine Unmenschen, keine Kanackenjäger." Das sagt er etwas leiser - als würde er die Angemessenheit eines Satzes nicht über Worte steuern, sondern über die Lautstärke. Dann sagt Sartor ganz sanft: "In sechs Wochen sieht die Welt vielleicht wieder anders aus."

"Manchmal rutscht mir ein Satz raus"

Julians Welt sieht bereits um kurz vor zehn etwas besser aus, als er aus dem Anmeldebüro zurückkommt. "Ich durfte mir sogar den Tag aussuchen", sagt er, "das ging ja ratzfatz." Zufrieden ist er trotzdem nicht. "Ich habe mitbekommen, dass einige ohne deutschen Pass wieder runtergeschickt wurden", sagt er. "Das fand ich dann schon diskriminierend. Es ist ja keiner freiwillig hier - und die haben sich alle gut benommen."

Und Sartor? Der legt gegen Mittag noch einen dritten Auftritt hin. Jetzt spricht er über Rassismusvorwürfe und seine Zukunft bei der Tafel: Natürlich habe er noch immer Bock auf die Arbeit, "der Sartor", sagt er, mache so lange weiter, wie seine Kollegen das wollten.

Und das angebliche "Nehmer-Gen" mancher Ausländer, von dem er im Gespräch mit dem SPIEGEL vergangene Woche gesprochen hatte? "Ich stehe ja nicht jeden Tag vor der Presse", sagt Sartor. "Manchmal rutscht mir ein Satz raus, wo ich hinterher denke: Ups, zack." Er sei eben "ein Mensch der geraden Worte", und daraus würden manche dann gleich "so eine Nazi-Sache" machen. Bereut er manche seiner Worte? "Ich sach Ihnen dazu jetzt gar nichts mehr."

Ein irgendwie versöhnliches Ende nimmt der Tag dann zumindest noch für den Vater und seinen Sohn, die als Ausländer keine Lebensmittel erhalten. Nach ein paar Minuten kommt der weißhaarige Tafel-Mitarbeiter noch einmal zu den beiden und hält ihnen eine Schachtel voller Bonbons hin. Der Junge schaufelt die Süßigkeiten in die mitgebrachte Tasche, und der Alte sagt: "Wir sind doch gar nicht so."

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