Forderung nach staatlicher Unterstützung "Mehr Hauptamtliche in den Tafeln könnten das Klima dort vergiften"

Der Bundesverband der Tafeln fordert Geld von der Bundesregierung. Jörg Sartor, Chef der Tafel in Essen, sieht die Unabhängigkeit seiner Arbeit gefährdet - und verlangt stattdessen eine Ehrenamtspauschale.

Warteschlange an der Essener Ausgabe: "Die Tafel dient als Zusatzversorgung"
Roland Weihrauch/ DPA

Warteschlange an der Essener Ausgabe: "Die Tafel dient als Zusatzversorgung"

Ein Interview von


Jörg Sartor, 63, leitet seit 14 Jahren die Tafel in Essen. Mit einem vorübergehenden Aufnahmestopp für Ausländer bei seiner Organisation hatte Sartor 2017 bundesweit eine heftige Debatte ausgelöst. Der ehemalige Bergmann stammt aus einer Familie von Sozialdemokraten und ist ein Freund klarer Worte. Im September erschien sein Buch "Schicht im Schacht", in dem er die Integrationspolitik der Bundesregierung scharf kritisiert.

Jörg Sartor, Vorsitzender der Tafel in Essen: "Unser Ziel ist es, uns selbst überflüssig zu machen"
Roland Weihrauch/ DPA

Jörg Sartor, Vorsitzender der Tafel in Essen: "Unser Ziel ist es, uns selbst überflüssig zu machen"

SPIEGEL: Herr Sartor, der Bundesverband der Tafeln fordert staatliche Hilfe, da die Zahl der Bedürftigen wachse und die Ehrenamtlichen in den Tafeln überfordert seien. Halten Sie das für einen richtigen Vorstoß?

Jörg Sartor: Nein, damit würden wir uns abhängig machen. Wer die Musik bezahlt, kann auch bestimmen, was gespielt wird. Ich sehe auch gar keine Notwendigkeit für staatliche Unterstützung und ich weiß, wovon ich rede: Ich leite die Tafel in Essen im Ehrenamt. Aber ich kenne Tafeln, da sitzen im Büro vier Hauptamtliche - und die sitzen sich da auf gut Deutsch den Arsch platt. Ich lehne das Konzept mit den Hauptamtlichen ganz grundsätzlich ab, das widerspricht dem Tafel-Gedanken.

SPIEGEL: Mehr Hauptamtliche könnten mehr Professionalisierung bedeuten, warum lehnen Sie das ab?

Sartor: Wir sollten hier keine neuen Sozialkonzerne aufbauen, keine zweite Caritas. Die Lohnkosten einiger Großstadt-Tafeln gehen inzwischen in die Hunderttausende - was könnte ich in Essen mit so viel Geld alles machen? Die Tafel darf nicht zum Selbstzweck werden.

SPIEGEL: Warum sehen Sie das so negativ?

Sartor: Der Grundgedanke der Tafel ist einfach: Wir wollen Lebensmittel, die sonst vernichtet würden, an Bedürftige verteilen. Darum geht es - um nicht mehr und nicht weniger. Wer ein Gehalt bekommt, will auch seinen eigenen Arbeitsplatz sichern. Das geht in die falsche Richtung. Außerdem glaube ich: Mehr Hauptamtliche in den Tafeln könnten das Klima dort vergiften.

SPIEGEL: Inwiefern?

Sartor: Ich habe in Essen sieben ehrenamtliche Helfer, die schon über 80 Jahre alt sind, der älteste ist 92. Soll ich zu dem sagen: Ich als Leiter kassiere 5000 Euro, weil ich oben ans Telefon gehe, während du unten in der Ausgabe die Kisten schleppst? Das geht doch nicht! Mehr Hauptamtliche sind kontraproduktiv fürs Ehrenamt, ich sehe das bei anderen Tafeln: Dort, wo es die hauptamtlichen Geschäftsführer gibt, haben sie Probleme, genug ehrenamtliche Mitarbeiter zu finden. Wir in Essen haben das Problem weniger.

SPIEGEL: Bis 2030 will die Bundesregierung die Lebensmittelverschwendung halbieren. Welche Rolle sollten die Tafeln bei diesem Ziel spielen?

Sartor: Das deckt sich natürlich mit unserem Grundgedanken. Unser Ziel ist es, uns selbst überflüssig zu machen. Dazu muss man wissen: Wenn wir heute alle Tafeln schließen, verhungert kein Mensch in Deutschland. Die Tafel dient als Zusatzversorgung. Aber mit einer finanziellen Unterstützung vom Staat könnte der Eindruck entstehen, dass die Tafeln für die Grundversorgung der Menschen zuständig sind, die wenig Geld zur Verfügung haben.

SPIEGEL: Es heißt, es würden in den Tafeln mitunter so viele Lebensmittel ankommen, dass man viel ablehnen müsse, weil die nicht vorhanden sei, um die Mengen verwerten zu können.

Sartor: Das ist Quatsch. Da geht es um Großlieferungen von Firmen, das kommt aber sehr selten vor. Ich hatte hier auch mal drei Sattelzüge mit Pizzen drin, da brauchten wir ein Zwischenlager. Aber was nützen mir am Ende viele Pizzen, wenn ich keine Ehrenamtlichen habe, die sie verteilen? Das ist doch in vielen Orten das eigentliche Problem.

Tafel-Auslage in der Gemeinde St. Gertrud in Essen: "Wir lehnen nichts ab"
biky/ imago images

Tafel-Auslage in der Gemeinde St. Gertrud in Essen: "Wir lehnen nichts ab"

SPIEGEL: Haben Sie in Essen auch mal Lebensmittel abgelehnt, weil es zu viel wurde?

Sartor: Nein, wir lehnen nichts ab. Aber wir lassen uns nichts andrehen, was weit über das Haltbarkeitsdatum hinaus abgelaufen ist. Das können wir nicht vertreten.

SPIEGEL: Eine Forderung des Bundesverbands ist zudem, auf Landesebene für die Tafeln Logistiklager und Fahrzeugpools aufzubauen, um die Lebensmittel zu verteilen. Halten Sie das für sinnvoll?

Sartor: Ich habe da meine Zweifel, ob wir das flächendeckend brauchen. Früher war ich ja selbst im Landesverband Nordrhein-Westfalen aktiv und da hatten wir auch mal Lagerflächen angemietet. Aber wirklich drängend ist dieses Problem meiner Meinung nach nicht.

SPIEGEL: Derzeit wird auch über ein Gesetz diskutiert, das Lebensmittelhändler dazu verpflichten soll, ihre Überschüsse zu spenden. So ist das beispielsweise in Frankreich oder Dänemark geregelt.

Sartor: Wer soll diese ganzen Lebensmittel denn verwenden? Da bräuchte ich ja 50 Ausgabestellen allein in Essen - und wer sollte die Arbeit dort machen? In kleinen Orten gibt es bestimmt Tafeln, die mitunter Versorgungsprobleme haben, aber in den großen Städten gibt es schon jetzt viel zu viel.

SPIEGEL: Was müsste passieren, damit es mehr Ehrenamtliche in den Tafeln gibt?

Sartor: Ich wünsche mir eine Art Ehrenamtspauschale, ähnlich wie die Übungsleiterpauschale, die es für Trainer im Sport gibt. Diese Form der Anerkennung bekommen Menschen, die Kinder oder Ältere betreuen - aber warum nicht auch die Tafel-Mitarbeiter? Hilfreich wäre auch eine Befreiung von der Autosteuer für unsere Wagen, mit denen wir die Lebensmittel abholen. Aber Geld für Hauptamtliche - ich finde, das geht komplett an der Sache vorbei.

Lesen Sie hier mehr über die Forderung des Bundesverbandes.



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