Europäischer Kulturpreis Margot Käßmann verweigert Auszeichnung

Niemand genoss in Deutschland nach einer Rücktrittsentscheidung je so hohes Ansehen wie Margot Käßmann. Die ehemalige Chefin der Evangelischen Kirche gab nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss ihre Ämter auf. Nun lehnte sie einen Preis ab, der ihr ob ihrer Zivilcourage zugedacht war.

DPA

Hamburg - Wie man aus eine beruflich und persönlich peinliche und problematische Krise in einen Triumph verwandelt, demonstrierte Margot Käßmann vor einem Jahr. Wegen einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss trat sie im Februar 2010 von ihrem Amt als Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche und Bischöfin der Landeskirche Hannover zurück - und gilt seitdem als Musterbeispiel einer integren Persönlichkeit.

Unlängst wurde bekannt, dass der früheren Kirchenfrau der Europäische Kulturpreis für Zivilcourage verliehen werden soll. Doch die 52-Jährige will die Auszeichnung nicht annehmen. Das teilte sie am Dienstag in einer Stellungnahme mit.

"An der Seriosität der Europäischen Kulturstiftung besteht kein Zweifel", betonte die Theologin, die auf eine lange Reihe namhafter Preisträger in den zahlreichen Kategorien folgen sollte - unter anderem Simon Wiesenthal, Verleger Hubert Burda oder Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Auch der Ex-Bischof und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, nahm bereits den Europäischen Medienpreis entgegen. Ebenso wie der Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad, Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche.

Sie danke der Europäischen Kulturstiftung "für die Ehre, die sie mir zuteil werden lassen wollte", so Käßmann. In der Erklärung der Stiftung heiße es, der Preis werde für Käßmanns Zivilcourage als Seelsorgerin, Bischöfin und Ratsvorsitzende verliehen - für die öffentliche Debatte, die sie mit dem Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" angestoßen habe.

"So hätte ich den Preis angenommen", heißt es in der Presseerklärung vom Dienstag. "Um ihn in der Dankesrede den Menschen zu widmen, die sich in der Friedensfrage couragiert an vielen Orten engagieren, ohne dass ihnen je ein Preis dafür verliehen würde." Die Tatsache jedoch, dass die Preisverleihung in den Medien ausschließlich mit ihrem Rücktritt in Verbindung gebracht werde, lasse ihr keine andere Möglichkeit, als den Preis abzulehnen.

"Wir bedauern diesen Schritt sehr", sagte der Präsident der Stiftung Pro Europa, Ernst Seidel, SPIEGEL ONLINE. "Aber es ist die Entscheidung von Frau Käßmann." Die Stiftung habe mit dem Preis das Lebenswerk der Theologin auszeichnen wollen. Es sei bedauerlich, dass die Öffentlichkeit nach Bekanntwerden davon ausgegangen sei, vor allem ihr Rücktritt werde als Zivilcourage interpretiert. "Bislang haben wir keinen Alternativ-Kandidaten für den Preis", so Seidel weiter. Man werde sich am Abend im Stiftungsrat mit dem Thema auseinandersetzen.

Durch die Vermittlung der ehemaligen Hamburger Bischöfin Maria Jepsen war die Europäische Kulturstiftung im Sommer 2010 an Käßmann herangetreten. Die von der Kulturstiftung Pro Europa ausgelobte Auszeichnung soll am 4. März in der Frankfurter Paulskirche verliehen werden.

ala



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