Seenotrettung Evangelische Kirche will eigenes Schiff ins Mittelmeer schicken

"Es ist mehr als Symbolik, es geht um exemplarisches Handeln": Mit einem eigenen Schiff will die evangelische Kirche Migranten vor dem Ertrinken im Mittelmeer retten. Offenbar laufen schon Kaufverhandlungen.

"Mehr als Symbolik": EKD-Chef Heinrich Bedford-Strohm im Gespräch mit Christoph Hey, Projektleiter in Libyen von Ärzte ohne Grenzen
Wolfgang Kumm/DPA

"Mehr als Symbolik": EKD-Chef Heinrich Bedford-Strohm im Gespräch mit Christoph Hey, Projektleiter in Libyen von Ärzte ohne Grenzen


Die Evangelische Kirche in Deutschland will ein eigenes Schiff zur Seenotrettung von Flüchtlingen ins Mittelmeer schicken. Nach gründlicher Prüfung habe man beschlossen, eine entsprechende Resolution des Kirchentages umzusetzen, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm in Berlin.

"Es ist mehr als Symbolik, es geht um exemplarisches Handeln. Es werden Menschen im Mittelmeer gerettet", sagte Bedford-Strohm. Die Kirche trete auch für eine politische Lösung ein. Nötig sei ein Verteilmechanismus für im Mittelmeer gerettete Migranten, damit nicht jedes Mal das "Geschachere" um ihre Verteilung beginne.

Die Kirche bemühe sich schon seit Jahrzehnten um die Bekämpfung sogenannter Fluchtursachen, etwa in Afrika. Der Rat wisse, dass es auch in der Kirche Menschen gebe, die eine solche Aktion kritisch sehen. Die Entscheidung sei aber in der Kirchenkonferenz und im Rat der EKD "in großer Einmütigkeit getroffen" worden.

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Bedford-Strohm zufolge wird die EKD das Rettungsschiff nicht selbst betreiben, dazu solle ein Trägerverein gegründet werden. Nötig sei eine intensive Vorbereitung. Es gebe bereits Sondierungen für den Kauf des Schiffes, das dann umgebaut werden müsse. Das alles werde Monate dauern.

Der EKD-Ratsvorsitzende forderte, die Kriminalisierung von Seenotrettern zu beenden. "Wer Menschen vor dem Ertrinken rettet, darf nicht kriminalisiert werden." Er verlangte zudem, dass die staatliche Seenotrettung im Mittelmeer wieder aufgenommen wird.

"Folter, Versklavung und Gewalt"

"Solange schutzsuchende Menschen im Mittelmeer ertrinken und staatliches Handeln versagt, werden wir die zivile Seenotrettung nach Kräften unterstützen", sagte Bedford-Strohm. Die Not habe keine Nationalität, und "egal, aus welchen Gründen Menschen in Not sind, wir haben die Pflicht, sie zu unterstützen und ihnen zu helfen."

Bedford-Strohm sprach auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Vertretern von Ärzte ohne Grenzen, der Hilfsorganisation Sea-Eye, der Seebrücke und dem Oberbürgermeister von Potsdam, Mike Schubert. Der SPD-Politiker sprach für die inzwischen mehr als 90 Kommunen im Netzwerk Städte Sicherer Häfen, die sich bereit erklärt haben, Flüchtlinge aufzunehmen: Es sei ein Zeichen von Humanität, sich zu engagieren.

Neben einem dringend gebotenen Verteilmechanismus aufnahmebereiter EU-Mitgliedstaaten forderten die Organisationen einen Stopp der Rückführungen nach Libyen. Flüchtlinge seien dort dem Risiko "systematischer Folter, Versklavung und Gewalt" ausgesetzt. Jede Unterstützung und Ausbildung der libyschen Küstenwache müsse eingestellt werden.

mxw/dpa/AFP



insgesamt 134 Beiträge
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Seite 1
Navygo 12.09.2019
1. Das wird der Moment sein
in dem ich aus der Kirche austrete! Ich will nicht mit meiner Kirchensteuer eine Aktion finanzieren, die falsche Anreize schafft, Menschen aufs Meer mit dem Versprechen einer lebenslangen Alimentierung in der EU lockt und letztendlich nicht nur der illegalen Einwanderung sondern noch viel schlimmer an weiteren Toten im Mittelmeer schuld ist!
lozenz 12.09.2019
2. So
werden die Mitgliederzahlen der Kirchen signifikant steigen. Darauf haben doch alle gewartet. Die Kirche stellt sich damit gegen die geltende Recht. Retten ja, Schleppen nein, wird nicht eingehalten werden. Ein sehr bedenkliche Entwicklung. Damit ruft die Kirche nicht mehr zur Versöhnung, sondern zur Spaltung auf. Mal sehen, wie lange sie sich das leisten kann.
djstzhsrthrt 12.09.2019
3. gut zu wissen
wenn ich in Flip-Flops und trotz Gewitterwarnung eine Bergtour starte - mich also selber wissentlich in Gefahr begebe - dann kommt die evangelische Kirche und rettet mich, denn: "egal, aus welchen Gründen Menschen in Not sind, wir haben die Pflicht, sie zu unterstützen und ihnen zu helfen."
irgendwieanders 12.09.2019
4. Richtig
Wer Menschen vor dem Ertrinken rettet ist nicht kriminell. Wer Menschen, die keinen Anspruch darauf haben nach Europa bringt, ist ein Schleußer. Und wer behauptet, das es nur in Europa, oder besser Italien und Malta, sichere Häfen gibt, der ist ein Lügner. Und wenn sich Kirchen in das politische Geschäft einmischen, dann sind es keine Gemeinnützigen Vereine mehr, welche rechtliche und vor allem steuerliche Sonderbehandlung verdient haben.
charly05061945 12.09.2019
5. Seenotrettung
Mit dem Einsammeln von sich selbst vorsätzlich in Gefahr bringenden Menschen vor der afrikanischen Küste und dem anschliessendem Transport ins "gelobte Land" anstatt zur naheliegenden afrikanischen Küste wird mit dem Begriff "Seenotrettung" Schindluder getrieben.
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