Evangelischer Kirchentag in Dortmund Wenn nicht mal Kevin Kühnert streiten will

Der Evangelische Kirchentag könnte ein Diskussionsforum sein, bei dem über wichtige gesellschaftliche und theologische Fragen gestritten wird. Doch auf den Podien geht es vor allem um eines: Selbstvergewisserung.

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Aus Dortmund berichtet


Die Kanzlerin wirkt gelöst. Rund Zehntausend Zuschauer lauschen andächtig ihren Worten. Immer wieder brandet Applaus auf. Hier in der Westfalenhalle muss Angela Merkel keine Querelen fürchten, niemand sägt an ihrem Stuhl. In Dortmund gibt es für sie eine zweistündige Wohlfühlkur voller Zuneigung. Sie spricht über "Vertrauen als Grundlage internationaler Politik". Ohne Vertrauen könne "Zusammenarbeit nicht gelingen!", ruft sie in die Halle.

Es ist Evangelischer Kirchentag in Dortmund und der Auftritt der Kanzlerin bildet den krönenden Höhepunkt. Merkel wirbt für eine politische Lösung der Krise zwischen den USA und Iran, sie bekennt sich zur Klimaneutralität Deutschlands bis 2050. Sie fordert die Bereitschaft zu "Veränderungen zum Guten": Man könne den Hunger besiegen, Krankheiten ausrotten, Fluchtursachen bekämpfen: "Das können wir alles schaffen."

Den Religionen komme für die Gestaltung des Miteinanders eine wichtige Rolle zu, schließt sie ihre Rede: "Deshalb bin ich dankbar, dass auch dieser Evangelischer Kirchentag Vertrauen stifte." Seit Mittwochabend sind rund 121.000 Teilnehmende nach Dortmund gekommen, um an dem religiösen Massenevent teilzunehmen. Man erkennt sie an ihrem grünen Kirchentagsschal, viele tragen buntkarierte Hemden, Dreiviertelhosen und Sandalen.

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Evangelischer Kirchentag: Oh Gott, ein Auswärtsspiel

In Gruppen laufen sie durch die Stadt, auf dem Weg zu einer der 2399 Veranstaltungen: Bibelarbeit, Clowns-Gottesdienst oder Kaffee-Verkostung. In den insgesamt 223 Locations ist für jeden etwas dabei. Dortmund platzt aus allen Nähten, die Hotels sind ausgebucht, Schulen wurden zu Schlafquartieren umfunktioniert. Vor den U-Bahn-Stationen bilden sich lange Schlangen. Für den weitgehend reibungslosen Ablauf sorgen 5000 freiwillige Helfer.

Überall in der Stadt spielen Blaskapellen und Bands, Leute tanzen auf der Straße, die Sonne scheint. Zu so einem solch fröhlichen Kirchenfest pilgert natürlich nicht nur die Kanzlerin. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war schon da. Und auf den Podien in den Messehallen tummeln sich weitere Spitzenpolitiker. Alle wollen sie dabei sein. Klar, wo sonst versammeln sich heutzutage auf einen Schlag noch solche bürgerlichen Wählermassen?

Kritiker bemängeln, die Veranstaltung gleiche einer rot-schwarz-grünen Wohlfühlblase. Bei den Podiumsdiskussionen werden häufig Themen wie Migration, Seenotrettung oder Klimawandel verhandelt. Politikern der AfD hatten die Organisatoren schon vor Monaten Redeverbot erteilt. Man müsse gegen die Radikalisierung der Partei "Kante zeigen, Position beziehen", hatte Kirchentagspräsident Hans Leyendecker gesagt.

"Es herrscht extreme Streitarmut"

Nun muss er andauernd Fragen zu der umstrittenen Entscheidung beantworten. Derweil tauschen sich auf den Podien größtenteils Gleichgesinnte aus. Kuschelkurs statt Diskussion. "Es herrscht extreme Streitarmut", sagt der Jurist Jacob Joussen, Ratsmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die auf dem Kirchentag vorherrschende "Selbstvergewisserung" sei für sich genommen zwar durchaus positiv, reiche aber nicht aus.

In Dortmund geben vor allem liberale Kräfte den Ton an. Veranstaltungen wie der Workshop "Vulven malen" oder "Schöner kommen - zur Sexualität von Frauen" sorgen etwa unter frommen Pietisten für Kopfschütteln. Bei früheren Kirchentagen standen noch umstrittene kirchenpolitische Themen wie die Segnung homosexueller Paare zur Diskussion. In Dortmund stellt sich indes die Frage, ob konservative Kräfte in der evangelischen Kirche überhaupt noch eine Stimme haben.

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs meint: ja. In den Messehallen seien auch evangelikale Christen mit eigenen Ständen vertreten, sagt sie: "Und auch auf den Podien kommen konservative Positionen zu Wort." In Dortmund anwesende Evangelikale sehen darin aber eher "Alibiveranstaltungen". Zu ihren eigenen thematischen Schwerpunkten verteilen sie Publikationen. Darin werben sie für "Konversionstherapien" für Homosexuelle und geben den Achtundsechzigern eine Mitschuld am sexuellen Missbrauch in der Kirche.

Bei Kevin Kühnert ist die Halle wegen Überfüllung geschlossen

Wer sich fragt, was das religiöse Massenereignis jenseits aller kirchenpolitischen Fragen für die Besucherinnen und Besucher bedeutet, findet Antworten in Halle 4. Am Stand der Evangelischen Jugend Braunschweig schwärmt Thea Meier (22) für die besondere Stimmung, das "einmalige Gemeinschaftsgefühl". Sie fühle sich als Christin willkommen. Dass der Kirchentag sich in der Migrationsfrage und beim Klimaschutz positioniert, findet Meier toll.

Sie und ihre Mitstreiter stehen von morgens bis abends an ihrem Stand. Sie wollen Kinder und Jugendliche für nachhaltiges Handeln sensibilisieren. Ihnen geht es um die "Bewahrung der Schöpfung", etwa durch Müllvermeidung, den Kauf regionaler Lebensmittel und das Tragen von Kleidung aus fair hergestellten und gehandelten Materialien. "Wir möchten, dass auch zukünftige Generationen auf dem Planeten Erde leben können", heißt es in einer Broschüre.

Um die Zukunft ging es am Freitag auch im Union Gewerbehof. Dort wurde früher Stahl verarbeitet, heute haben 200 Menschen ihr Büro oder Atelier auf dem industriell-hippen Gelände. Die Werkhalle ist wegen Überfüllung geschlossen, Juso-Chef Kevin Kühnert ist da. Mit der Vorsitzenden der grünen Heinrich-Böll-Stiftung soll er über "Veränderungen, Visionen und Tatkraft" diskutieren, wobei sich beide bei Themen wie demokratischer Teilhabe und Klimawandel weitgehend einig sind.

Kurz vor der Veranstaltung hatte Kühnert getwittert, der Kirchentag sei für ihn ein "Auswärtsspiel". Am Rande der Veranstaltung sagt er, das sei mit einem Augenzwinkern zu verstehen: "Ich bin kein Kirchenmitglied, das ist jetzt nicht die Ecke, aus der ich komme." Und was hält er von dem Event? "Das ist ja auch eine Laienveranstaltung, die traditionell sehr politisch ist", sagt er. Das zeige nicht zuletzt die Diskussion über die Nichtteilnahme von AfD-Mitgliedern: "Insofern habe ich überhaupt keine Manschetten, hierhinzugehen".

Der Kirchentag in Dortmund dauert noch bis Sonntag. Beim Abschlussgottesdienst im Stadion und im Westfalenpark werden bis zu 100.000 Teilnehmende erwartet. Ob Kirchentage in solch einer Größenordnung auch in den nächsten Jahrzehnten noch gefeiert werden, ist fraglich. Bis 2060 werden die Mitgliederzahlen der christlichen Kirchen beider Konfessionen hierzulande um etwa die Hälfte zurückgehen, von insgesamt 44,8 auf 22,7 Millionen Männer und Frauen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Textfassung wurde die Heinrich-Böll-Stiftung Hans-Böll-Stiftung genannt. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
adal_ 22.06.2019
1.
Hans-Böll-Stiftung? :-)
SethSteiner 22.06.2019
2. Was hat die Politik da zusuchen?
Staat und Kirche gehören getrennt. Dass sie es nicht sind und hier Politiker auf einem Kirchentag auftreten ist skandalös.
olmen 22.06.2019
3. Begrifflichkeit "Evangelikale" oder "Konservative" verwirren
Was wäre die ev. Kirche ohne sie (soweit sie noch der Kirche angehören)? Es fängt schon bei den Begrifflichkeit an: Christen sollten ohnehin "evangelikal" sein; d. h. auf dem Boden des Evangeliums stehen.
spon_7479255 22.06.2019
4. Evengelische Christen sind auch Bürger
und haben da Recht sich öffentlich zu versammeln. Der Kirchentag ist eine Veranstaltung von Laien. Wohin eine Trennung von Staat und Kirche führen können , ist die USA mit Mike Pence als Vizepräsident und die Mehrheit für Trump von den Evangelikalen von Millionären finanzierten Fernsehkirchen aufgeputscht. Die formale Trennung bringts nicht. Die mögliche staatliche Kontrolle der Körperschaften Öffentlichen Rechts wie auch der Ärzte, Wirtschaftskammern , Rechtsanwälte und Jagdverbände u.a. Institutionen scheint mir weiser für Deutschland. Aber darüber kann man sicher geteilter Meinung sein. Historisch spricht Einiges dagegen, der Kirchentag zeigt, dass es auch vertrauensvoll, ohne Streit und Machtkonflikte geht. Das ist in Europa sonst nicht immer so spannungsfrei.
Sensør 22.06.2019
5.
Der Staat sollte sich bitte von diesem religiösen Unsinn fernhalten. für den Schutz in der Gesellschaft zur persönlichen Vielfalt einzutreten ist OK, aktive Gehirnwäsche von Poliitikern über die Gottesanbeterschiene ist dagegen das Allerletzte.
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