Evangelischer Kirchentagspräsident Nagel will "das Ungeheuer" Missbrauch bekämpfen

Erst Margot Käßmanns Lobpreisung der Pille, dann das: Der evangelische Vorsitzende des Ökumenischen Kirchentags hat die Tabuisierung von Missbrauchsfällen durch die katholische Kirche scharf kritisiert. Er fordert zur Wiederherstellung des Vertrauens eine "Kultur des Hinsehens".

Eckhard Nagel beim Ökumenischen Kirchentag: "Wir werden nicht mehr wegschauen"
dpa

Eckhard Nagel beim Ökumenischen Kirchentag: "Wir werden nicht mehr wegschauen"


München - Angesichts der vielen bekannt gewordenen Fälle von sexuellem Missbrauch in der Kirche hat der evangelische Präsident des Ökumenischen Kirchentages, Eckhard Nagel, eine "Kultur des Hinsehens" gefordert. "Jetzt, wo das Ungeheuer sichtbar geworden ist, müssen wir es bekämpfen", sagte er am Donnerstag bei einer Podiumsveranstaltung mit dem Titel "Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gesagt" auf dem Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) in München.

Der ÖKT solle ein Forum sein für diese "dringend notwendig gewordene" Diskussion. "Möge er auch akut Betroffenen Mut machen, ihre Stimme zu erheben", sagte Nagel. "Lasst uns die Botschaft ins Land schicken, dass wir nicht mehr wegschauen werden."

Er äußerte die Hoffnung, dass bei den Veranstaltungen des ÖKT zur Missbrauchsproblematik auch ein wichtiges Zeichen der Reformfähigkeit der Kirchen gesetzt werde. "Wir brauchen mehr Christus und weniger Institution", forderte Nagel. Durch die Missbrauchsfälle sei in den Kirchen das Fundament des Vertrauens erschüttert worden.

Längst überfälliger Aufschrei

Jahrelang seien Missbrauchsfälle unter den Teppich gekehrt worden, kritisierte Christine Bergmann, die Beauftragte der Bundesregierung für die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. "Der Teppich ist ziemlich groß, wie wir jetzt feststellen." Der Aufschrei, der jetzt durch die Gesellschaft geht, sei lange überfällig, betonte sie.

Die Fälle seien etwas, das "eine Gesellschaft bis ins Mark treffen muss und - wie ich es beobachte - jetzt auch trifft". Nach wie vor gebe es aber eine starke Tabuisierung des Themas - vor allem, wenn der Täter aus dem engen Familienumfeld stamme, sagte Bergmann. Gerade über die aktuelle Situation und aktuelle Fälle wisse man noch sehr wenig. "Sexueller Missbrauch ist kein Thema der Vergangenheit." Die Kriminalstatistik gehe von rund 15.000 Missbrauchsfällen im Jahr aus. "Wir wissen, dass die Dunkelziffer natürlich sehr viel höher ist."

"Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten, sie haben das Recht auf körperliche Unversehrtheit, sie haben das Recht auf Schutz vor sexuellem Missbrauch", sagte sie. Sie plädierte für mehr Fortbildung aller Menschen, die mit Kindern arbeiten.

can/dpa/ddp

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unterländer 13.05.2010
1. Katholisch
Zitat von sysopErst Margot Käßmanns Lobpreisung der Pille, dann das: Der evangelische Vorsitzende des Ökumenischen Kirchentags hat die Tabuisierung von Missbrauchsfällen durch die katholische Kirche scharf kritisiert. Er fordert zur Wiederherstellung des Vertrauens eine "Kultur des Hinsehens". http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694701,00.html
Sensationell: Ausweislich des Artikels hat der Mann die katholische Kirche nicht einmal erwähnt. In der Überschrift liest sich das natürlich einmal mehr ganz anders. DAS ist echter Qualitätsjournalismus.
Transmitter, 14.05.2010
2. Sensationsjournalismus!
In der Tat hat Nagel keine Kirche genannt. Was soll diese Provokation mit der katholischen Kirche also? Schließlich ist Gerold Becker, langjähriger Leiter und "Chef-Pädophiler" der OSO ordinierter evangelischer Pfarrer und niemand macht den Evangelen daraus einen "Mißbrauchsunterstützungsvorwurf"! Der sexuelle Mißbrauch von Kindern scheint damals eine geradezu global institutionalisierte Gepflogenheit gewesen zu sein. Wer hier wirklich Änderung will, muss objektiv analysieren und Regeln für die Zukunft schaffen. Animositäten aufzubereiten oder religiösen Institutionen "alte Rechnungen" zu präsentieren ist nicht nur nicht hilfreich, sondern sogar fahrlässig destruktiv!
LinkesBazillchen 14.05.2010
3. Austoben
Hurra, jetzt haben die Evangelischen endlich mal die Chance sich so richtig auszutoben. Das bringt die Ökumene so richtig nach vorn - Krieg für die nächsten Jahrzehnte. Noch so ein Sieg und sie ist verloren.
androlski 14.05.2010
4. Es lebe der Unterschied
Zitat von LinkesBazillchenHurra, jetzt haben die Evangelischen endlich mal die Chance sich so richtig auszutoben. Das bringt die Ökumene so richtig nach vorn - Krieg für die nächsten Jahrzehnte. Noch so ein Sieg und sie ist verloren.
Ökumene findet schon lange beim "Fußvolk" statt. Die hier gläubigen Katholiken sehen das nicht viel anders als die Evangelischen. Ökumene auf der Stufe der Leitungsebenen halte ich solange für entbehrlich und sogar im Geiste Jesu für schädlich, solange sich die RKK nicht von ihren z.T. auch unchristlichen - Verkrustungen befreit hat.
markus_wienken 20.05.2010
5. .
Zitat von androlskiÖkumene findet schon lange beim "Fußvolk" statt. Die hier gläubigen Katholiken sehen das nicht viel anders als die Evangelischen. Ökumene auf der Stufe der Leitungsebenen halte ich solange für entbehrlich und sogar im Geiste Jesu für schädlich, solange sich die RKK nicht von ihren z.T. auch unchristlichen - Verkrustungen befreit hat.
Man kann davon ausgehen dass das unterschiedliche Abendmahlverständnis (ein großes Problem der Okumene) der beiden großen Kirchen den meisten Gläubigen beim "Fußvolk" völlig egal ist, wahrscheinlich kennen viele den Unterschied nicht einmal...
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