Evangelischer Landesbischof von Hannover "Sterbehilfe in kirchlichen Einrichtungen ist für mich vorstellbar"

Ralf Meister hat sich in einem Interview für Sterbehilfe in kirchlichen Häusern ausgesprochen. Der evangelische Landesbischof von Hannover sagte, man dürfe niemandem die Treue in einer solchen Situation kündigen.
Ein Altenpfleger hält die Hand einer Frau: Das Bundesverfassungsgericht hatte im Februar das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt

Ein Altenpfleger hält die Hand einer Frau: Das Bundesverfassungsgericht hatte im Februar das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt

Foto: Sebastian Kahnert/ zb/ DPA

Aus Sicht des evangelischen Landesbischofs von Hannover, Ralf Meister, sollte die Kirche Menschen auch dann zur Seite stehen, wenn sie mit Sterbehilfe aus dem Leben scheiden wollen. "Man kündigt niemandem die Treue in einer solchen Situation. Auch nicht, wenn man selbst glaubt, dass der Sterbewillige mit seinem Suizid sein Verhältnis zu Gott belasten könnte", sagte Meister im Interview der "Zeit"-Beilage Christ & Welt.

Dies sei ein Akt der Nächstenliebe. "Sterbehilfe in kirchlichen Einrichtungen ist für mich vorstellbar", sagte Meister. Ärzte sollten grundsätzlich Sterbehilfe leisten können.

Er glaube, es gebe keine Möglichkeit, das Recht auf Selbsttötung moralisch zu verurteilen. Sterbehilfe sei niemals als ein rechtliches oder abstraktes theologisches Problem zu behandeln. Es betreffe Menschen mit einer ganz persönlichen Lebensgeschichte in einem ganz bestimmten Zusammenhang.

Wenn ein Mensch sterben wolle und die Unterstützung Dritter wünsche, müsse das ernst genommen werden, sagte Meister. "Natürlich wünsche ich mir, dass er von seinem Vorhaben Abstand nimmt. Aber wenn das nicht geschieht, muss ich ihm beistehen, auch in der Phase des Suizids."

Die Kirche betreibe zahlreiche Altenpflegeheime, die oft mit Palliativversorgung und Hospizarbeit kombiniert seien. Dort gebe es die Möglichkeiten und Kompetenzen, um Menschen im Sterben liebevoll und weitgehend schmerzfrei zu begleiten.

"Wir müssen darüber debattieren, ob wir Sterbehilfe für Kinder erlauben"

Ralf Meister, evangelischer Landesbischof von Hannover

Bischof Meister forderte die evangelische Kirche auf, das Gespräch über Sterbehilfe fortzuführen. Darin schloss er auch Sterbehilfe für kranke Kinder mit ein. "Auch wenn es ein erschreckendes Thema ist: Wir müssen darüber debattieren, ob wir Sterbehilfe für Kinder erlauben." Diese Diskussion stehe erst ganz am Anfang. "Ich kann Ihnen ganz ehrlich sagen: Ich weiß noch nicht, was meine Haltung dazu ist", sagte Meister.

Das Bundesverfassungsgericht hatte im Februar entschieden, dass das 2015 eingeführte Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gegen das Grundgesetz verstößt. Das Urteil wurde mit dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben begründet, was die Freiheit einschließe, sich das Leben zu nehmen und dabei Angebote von Dritten in Anspruch zu nehmen. Die evangelische und die katholische Kirche hatten das Urteil kritisiert.

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sen/dpa/AFP
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