Missbrauchsgutachten Ex-Generalvikar kritisiert Blockierer im Erzbistum München

Peter Beer greift nach der Veröffentlichung eines Gutachtens das Erzbistum München und Freising an. »Wir haben keine Einzelfälle von Missbrauch, sondern ein System«, sagte der ehemalige Generalvikar der »Zeit«.
Peter Beer (Archivbild): »Diese Kirche kann sich nicht selbst aufklären«

Peter Beer (Archivbild): »Diese Kirche kann sich nicht selbst aufklären«

Foto: Tobias Hase / picture alliance / dpa

Der ehemalige Generalvikar von München und Freising, Peter Beer, wirft dem Erzbistum mangelnde Aufklärungsbereitschaft in Missbrauchsfällen vor: »Diese Kirche kann sich nicht selbst aufklären. Das ist meine bittere Erfahrung«, sagte er der »Zeit«. Auch deshalb habe er vor zwei Jahren sein Amt aufgegeben. »Die Widerstände waren zu groß, selbst für einen Generalvikar.«

Beer war von 2010 bis 2020 der zweitmächtigste Mann des Bistums nach Kardinal Marx. Die Gutachter der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) bescheinigten dem Kleriker, dass er in seiner Amtszeit konsequent aufklären wollte, gegen erbitterte interne Widerstände.

Nun sagte Beer, er habe bereits 2010 eingesehen: »Wir haben keine Einzelfälle von Missbrauch, sondern ein System.« Die Institution habe »schändlich« agiert – und sträube sich damals wie heute gegen Aufklärungsbemühungen. »Ein Kardinal sagte zu mir, ich sei ein schlechter Priester. Jemand aus dem Domkapitel nannte mich einen Verräter«, so Beer.

»Alles versucht gegen die Täterschützer«

»Wenn du Hierarchien angreifst, Herrschaftswissen transparent machen willst, wird blockiert und zurückgeschossen«, sagte Beer. Er habe »alles versucht gegen die Täterschützer«, so Beer über die Blockierer. »Aber ich konnte den Apparat letztlich kaum ändern.«

Der ehemalige Generalvikar räumte ein, in seiner Amtszeit selbst Fehler in der Missbrauchsaufklärung begangen zu haben, welche die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl aufgelistet hat. Er wolle »keine Entschuldigungen« für seine Fehler suchen. »Die sind passiert, dafür bin ich verantwortlich, so wie ich als Generalvikar für die gesamte Organisation des Erzbistums die Letztverantwortung trug.«

Beer forderte: »Die Kirche darf nicht länger Schonraum sein für Kleriker, die Angst vorm Leben, Angst vor Sexualität, Angst vor Nähe, Angst vor Verantwortung haben. Wir müssen verstehen: Kritik ist nicht zu unserem Schaden, sondern Bedingung für einen Neuanfang.«

Das vom Erzbistum München und Freising selbst in Auftrag gegebene WSW-Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden. Es wirft den Kardinälen und ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger sowie dem aktuellen, Reinhard Marx, Fehlverhalten vor.

Von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern sprechen die Gutachter, gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus.

wit